Nach der Kaninchenpest
Wo sind die Haserln vom Handelskai geblieben?
- Aus wenigen ausgesetzten Haustieren entstand am Handelskai eine der ungewöhnlichsten Tierpopulationen Wiens. Im Vorjahr dezimierte eine neue Variante der Kaninchenpest den Bestand drastisch. Was ist von den "Treppelweg-Haserln" geblieben? (Archiv)
- Foto: Kathrin Klemm/MeinBezirk
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Nach dem verheerenden Seuchenausbruch im Vorjahr wurde es auffallend still um die bekannten "Treppelweg-Haserln" am Wiener Handelskai. Sind sie zurückgekehrt oder dauerhaft verschwunden? MeinBezirk hat sich auf Spurensuche begeben und bei Stadt, Vetmeduni und Kaninchen-Helpline nachgefragt.
WIEN/LEOPOLDSTADT/BRIGITTENAU. Aus wenigen ausgesetzten Haustieren entstand eine der ungewöhnlichsten Tierpopulationen Wiens. In den 1990er-Jahren wurden Kaninchen am Handelskai zurückgelassen. Unter dem Bahndamm und auf den Grünflächen am Donauufer fanden sie Unterschlupf, vermehrten sich und kreuzten sich teilweise mit Wildkaninchen. Über die Jahre wurden die "Treppelweg-Haserln" zum vertrauten Anblick für Spaziergänger und Radfahrer.
Noch 2024 zeigte sich die Population ausgesprochen präsent: Bei einem Lokalaugenschein von MeinBezirk waren entlang des Treppelwegs zahlreiche Tiere zu sehen. Fotos und Videoaufnahmen dokumentieren, wie selbstverständlich die Kaninchen damals zum Bild am Handelskai gehörten:
Stabil war ihr Bestand allerdings nie. Krankheiten, natürliche Feinde und der Straßenverkehr ließen die Zahl der Tiere wiederholt einbrechen. 2016 mussten laut Stadt rund 130 verendete Kaninchen abtransportiert werden. Im Sommer 2020 setzte ihnen die Rabbit Haemorrhagic Disease, kurz RHD, zu. Innerhalb weniger Tage sammelte das Tierservice knapp 200 Kadaver ein. Dennoch erholte sich die Population anschließend wieder.
Mehr als 100 tote Tiere im Sommer 2025
Im Juni 2025 begann ein weiteres Massensterben. Nach Angaben der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni) wurden am Handelskai zeitweise bis zu 20 Kadaver pro Tag entsorgt. Innerhalb von fünf Wochen seien im Bereich Handelskai und Brigittenauer Brücke mehr als 100 Todesfälle dokumentiert worden. Auch die Stadt sprach damals von mehr als 100 gemeldeten toten Tieren. MeinBezirk berichtete, mehr dazu unten.
Verantwortlich war dieses Mal die Myxomatose, umgangssprachlich Kaninchenpest genannt. Ausgelöst wurde sie durch eine neue, an Feldhasen angepasste Variante des virus, kurz ha-MYXV. Die hasenadaptierte Variante wurde 2018 erstmals auf der Iberischen Halbinsel festgestellt. Nach einer Erkrankungswelle in Deutschland erreichte sie im März 2025 Österreich. Wie der Erreger hierhergelangte, ist ungeklärt.
- Unter dem Bahndamm und auf den Grünflächen am Donauufer fanden die "Treppelweg-Haserln" einen geschützten Lebensraum. Aufnahmen von einem MeinBezirk-Lokalaugenschein zeigen die Kaninchen im Jahr 2024. (Archiv)
- Foto: Kathrin Klemm/MeinBezirk
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Erkrankte Tiere litten unter Schwellungen und Entzündungen an Augen, Nase und Genitalbereich. Viele fraßen nicht mehr, verloren die Orientierung und starben innerhalb weniger Wochen.
Sind alle Kaninchen beim Handelskai verschwunden ?
by u/wileyfox91 in wien
Auch 2026 beschäftigte das mögliche Verschwinden der Tiere viele Menschen. Auf der Social-Media-Plattform Reddit fragten Nutzerinnen und Nutzer noch im Juni, ob die Kaninchen noch am Handelskai leben. Ein Nutzer, der regelmäßig mit dem Fahrrad am Handelskai unterwegs ist, schrieb: "Hab dieses Jahr auch noch kein einziges gesehen". Ein anderer zeigte sich dagegen zuversichtlich: "Die kommen wieder. So wie jedes Mal."
Beim Lokalaugenschein kein Kaninchen entdeckt
Anfang Oktober kehrte MeinBezirk für einen weiteren Lokalaugenschein an den Handelskai zurück. Entlang des kontrollierten Abschnitts war dieses Mal kein einziges Kaninchen zu sehen. Das belegt nicht, dass die Tiere vollständig verschwunden sind. Der Unterschied zu den zahlreichen Sichtungen im Jahr 2024 war dennoch auffällig.
Nach Angaben von MA-49-Sprecher Florian Hutz gingen beim Wildtierservice 2025 insgesamt 32 Meldungen oder Anfragen zu Wildkaninchen am Handelskai ein. Nicht immer habe es sich dabei um konkrete Funde gehandelt. Teilweise wollten sich Menschen lediglich informieren oder Tiere mit auffälligen Krankheitssymptomen melden. Die Zahl der Kontakte zum Wildtierservice lässt sich nicht unmittelbar mit den mehr als 100 dokumentierten Todesfällen vergleichen. Für die Abholung verendeter Kaninchen ist das Tierservice der Ebswien Kläranlage & Tierservice zuständig.
- Wie viele Kaninchen am Handelskai leben, war stets unklar. Beim MeinBezirk-Lokalaugenschein im Oktober war entlang des kontrollierten Abschnitts kein Tier zu sehen – ein auffälliger Gegensatz zu 2024, als dieses Foto entstand. (Archiv)
- Foto: Kathrin Klemm/MeinBezirk
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Für 2026 verzeichnete das Wildtierservice bislang keine entsprechenden Meldungen. Es seien weder kranke noch verendete Tiere aufgefallen. Auch an anderen Standorten in Wien werde derzeit keine erhöhte Sterblichkeit beobachtet.
Keine belastbaren Bestandszahlen
Ob sich die Population inzwischen erholt hat, bleibt offen. Aktuelle Zählungen oder belastbare Schätzungen für die Zeit vor und nach dem Ausbruch liegen nicht vor. "Die Wildkaninchenpopulation in diesem Bereich unterliegt bereits seit mehreren Jahren natürlichen Schwankungen. Nach einer stärkeren Zunahme kann es bei hoher Populationsdichte zu einer natürlichen Regulierung des Bestandes kommen", weist Hutz darauf hin.
Der Bereich werde weiterhin regelmäßig kontrolliert. Verletzte oder kranke Tiere würden bei Bedarf geborgen und versorgt. Auffällige Wildtiere können täglich von 7.30 bis 22 Uhr unter 01 4000 49090 beim Wildtierservice gemeldet werden. Tote oder kranke Kaninchen sollten nicht berührt werden, auch Hunde und andere Haustiere sind fernzuhalten.
- Ob sich die Population inzwischen erholt hat, bleibt offen. Aktuelle Zählungen oder belastbare Schätzungen für die Zeit vor und nach dem Ausbruch liegen nicht vor. (Archiv)
- Foto: Kathrin Klemm/MeinBezirk
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Die Kaninchen-Helpline kann ebenfalls nicht verlässlich beurteilen, wie viele Tiere noch am Handelskai leben. Der ehrenamtliche Verein war wegen anderer Rettungseinsätze seit mehreren Monaten nicht mehr selbst vor Ort. Bekannt sei jedoch, dass der Bestand 2025 stark zurückging und danach nur noch wenige Tiere zu sehen waren. "Grundsätzlich möchten wir aber betonen, dass Myxomatose eine sehr schwere Erkrankung ist und solche Ausbrüche für Wildkaninchenpopulationen verheerende Folgen haben können", erklärt Federica Cappa auf Nachfrage.
Virus dürfte in Österreich bleiben
Der Handelskai war allerdings nicht der einzige Schauplatz des Ausbruchsgeschehens. Eine Ende September veröffentlichte Studie der Vetmeduni Wien und der AGES dokumentiert für 2025 insgesamt 284 untersuchte Feldhasen und Wildkaninchen aus 89 Gemeinden in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland. Aus der Jägerschaft wurden zusätzlich Hunderte nicht untersuchte Kadaver gemeldet.
Österreichweit scheint sich das Infektionsgeschehen heuer etwas abgeschwächt zu haben. Angelika Auer, verantwortlich für die virologische Diagnostik an der Vetmeduni Wien sowie Autorin besagter Studie, erklärte auf Anfrage von MeinBezirk, 2026 habe es "deutlich weniger tote Feldhasen als 2025" gegeben. Genaue Zahlen fehlen, weil Myxomatose nicht meldepflichtig ist und viele Fälle anhand ihrer typischen Symptome erkannt werden.
Entwarnung gibt es dennoch nicht. Auer rechnet damit, dass die Virusvariante dauerhaft in Österreich zirkulieren und weitere Erkrankungswellen verursachen wird: "Ich würde davon ausgehen, dass das ha-MYXV gekommen ist, um zu bleiben." Was das für die "Haserln" am Handelskai bedeutet und ob sich ihr Bestand wieder erholt, wird sich erst zeigen. Vorerst bleibt der Rasen entlang des Treppelwegs auffallend leer.
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