Im Bezirk Bruck
Diskussion um Sonderschulen - Politiker fordern Wahlfreiheit
- Peter Zemann, Jeanette Pschill, Eva Wenzel, Christine Besser und Christoph Kampichler sprechen sich für ein Weiterbestehen des dualen Systems aus.
- Foto: MeinBezirk/Birgit Bachhofner
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In Österreich soll die schulische Inklusion aller Kinder weiter ausgebaut werden. Entgegen diesem Trend wird in Niederösterreich das duale System – Inklusion und Sonderschulen – verfolgt. Auch die Brucker NÖAAB-Vorsitzende Christine Besser sprach sich klar dafür aus.
BRUCK/LEITHA. Die (auch von Österreich unterschriebene) UN-Behindertenrechtskonvention schreibt gleichberechtigten Zugang aller Menschen – auch mit Behinderung – zum Bildungssystem vor, was Sonderschulen eigentlich obsolet macht. Das wurde etwa in Italien bereits umgesetzt, wo Berührungsängste mit behinderte Personen mittlerweile der Vergangenheit angehören.
Auch Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) will diesen Weg weiterverfolgen. Dagegen wehrt sich der zur ÖVP gehörende Niederösterreichische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbund (NÖAAB), bereits 2017 gab es eine Petition zum Erhalt der Sonderschulen. "Für uns steht das Wohl der Kinder im Vordergrund", betonten Bezirksobfrau Christine Besser, Personalvertreter Christoph Kampichler und die Brucker Sonderschulpädagogin Eva Wenzel unisono.
Individuelle Förderung
Denn jedes Kind müsse nach seinen Fähigkeiten individuell gefördert werden. Inklusion scheitere eher an zu geringen Mitteln bei Räumlichkeiten und Personal, wie Peter Zeman, Direktor des Brucker Polytechnikums und ebenfalls Personalvertreter, erläuterte.
Der aktuelle Personalschlüssel für zusätzliches Lehrpersonal sehe etwa nur drei Wochenstunden pro Kind vor. "Die restliche Zeit ist das Kind dann allein in der Regelschule". Das führe zu Überforderung auf beiden Seiten, den Kindern und den Lehrern ohne sonderpädagogische Ausbildung, ergänzte Christoph Kampichler, der von seinen eigenen Erfahrungen als Lehrer erzählte.
Beide sprechen sich für Inklusion aus, aber nur dort, wo es auch Sinn mache, und mit genügend Kapazitäten ausgestattet. "Allerdings gibt es jetzt schon einen Lehrermangel, wo sollen die zusätzlichen Sonderpädagogen herkommen?" Auch die derzeitige Zusatzausbildung für Lehrkräfte an Regelschulen kritisiert Zeman: "Das halte ich für eine Missachtung der ausgebildeten Sonderschullehrer."
Ganz andere Klassengrößen
Eva Wenzel, seit dreißig Jahren "mit Leib und Seele" Sonderschullehrerin, erklärt den Unterschied in der Betreuung: "In der Sonderschule sind sechs bis zehn Kinder in einer Klasse, in einer Regelschule gut dreimal so viel." Auch individuelle Betreuung und spezielle Förderangebote seien so möglich. Auch sie spricht sich für individuelle Fallbeurteilung und die Wahlfreiheit der Eltern aus: "Denn die Eltern kennen ihr Kind am besten und können alle Facetten ihrer Lebensumstände miteinbeziehen."
Jeanette Pschill, deren Tochter eine Sonderschule besucht, hat schon schlechte Erfahrungen mit den Behörden gemacht. "Um jedes Extra, wie den Fahrtendienst, musste ich kämpfen." Auch zu Diskriminierung und Mobbing sei es in der Regelschule gekommen. Jetzt vertraut sie auf die hochqualifizierte Lehrerschaft in der Sonderpädagogik.
Ist eine frühe Trennung in Regel- und Sonderschüler nicht stigmatisierend? Peter Zeman winkt ab: "Die Diskriminierung verschwindet nicht, wenn Schulen oder Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf anders heißen." Zum Beispiel hätten momentan Schüler am Polytechnikum aus Leistungsklasse 3 schlechtere Berufschancen. Auch Jeanette Pschill wünscht sich mehr Aufklärung als wichtiges Mittel gegen Diskriminierung.
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