Grundregeln die nicht existieren
Darf ein Politiker einen Radiosender betreiben?
- Foto: © 2026 PMP – Peitl Music Productions - Erstellt mit ChatGPT
- hochgeladen von Plattform Obdachlose - Presseclub
Radio Roshen, die Plattform Obdachlose und die Frage, warum christlicher Glaube für uns auch politisches Engagement bedeutet.
Gestern rief mich Anton Polacek an. Er wollte sich einmal erkundigen, ob ich überhaupt noch am Leben bin.
Ich konnte ihn beruhigen: Ja, ich lebe noch. Und wenn alles weiterhin so gut vorangeht, werde ich in zwei oder drei Wochen wieder in Wien sein.
Derzeit befinden wir uns noch in Haskovo, Bulgarien, wo der Umbau unseres Instituts für Christliche Forschung (IFCF) zügig voranschreitet. Aus dem Gebäude entsteht ein Fernlehrinstitut, verbunden mit einer Ferienwohnung.
Anton wartet inzwischen in Wien auf mich und ist selbst ausgesprochen aktiv.
Dabei erzählte er mir von einer Begegnung, bei der jemand gemeint hatte, ich dürfe doch eigentlich gar kein Onlineradio betreiben. Schließlich sei ich in der Politik gewesen.
Ich musste schmunzeln.
Natürlich stimmt es, dass ich politisch tätig gewesen bin. Noch 2025 bin ich bei den Wahlen angetreten.
Nur eines stimmt nicht: Dass ich in der Politik gewesen wäre.
Ich bin es noch immer!
Und so fragte ich Anton, ob sich sein Gesprächspartner eigentlich über Radio Austria genauso aufgeregt hätte.
Anton schmunzelte und meinte:
„Eigentlich kenne ich überhaupt kein unpolitisches Radio.“
Gibt es überhaupt unpolitische Medien?
Eine interessante Frage.
Denn jedes Medium entscheidet, welche Themen es behandelt, welche gesellschaftlichen Entwicklungen es aufgreift und welchen Stimmen es Gehör verschafft.
Selbst die Entscheidung, über bestimmte Dinge nicht zu berichten, kann bereits eine weltanschauliche Haltung ausdrücken.
Warum sollte also ausgerechnet ein Mensch, der politisch engagiert ist, keinen Radiosender betreiben dürfen?
Politisches Engagement und Medienarbeit schließen einander nicht grundsätzlich aus. Selbstverständlich gelten dabei die jeweiligen gesetzlichen Bestimmungen.
Radio Roshen ist ein christlich orientierter Internetradiosender. Sein Träger ist der Plattform Obdachlose-Presseclub, der organisatorisch mit der Plattform Obdachlose (PO) verbunden ist.
Wir machen aus dieser Verbindung kein Geheimnis.
Warum wir als Christen politisch tätig sind
Was uns besonders prägt, ist unser christliches Selbstverständnis.
Unsere politischen Überzeugungen verstehen wir als Folge unseres Glaubens und der Heiligen Schrift.
Jesus Christus sagt in Matthäus 6,33:
„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“
Nun frage ich mich: Wo sollen wir denn nach Gerechtigkeit streben?
Wir leben auf dieser Erde. Hier begegnen uns Armut, Obdachlosigkeit, soziale Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und menschliche Not.
Und hier werden politische Entscheidungen getroffen, die das Leben von Millionen Menschen beeinflussen.
Sollten wir als Christen all das einfach ignorieren?
Sollten wir uns aus gesellschaftlichen Fragen heraushalten, während Menschen auf der Straße schlafen, ihre Wohnungen verlieren oder nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überstehen sollen?
Ich kann mir das mit meinem Verständnis des Evangeliums nicht vereinbaren.
Natürlich bedeutet Matthäus 6,33 nicht, dass jeder Christ einer politischen Partei angehören muss.
Aber für mich bedeutet dieser Auftrag sehr wohl, Verantwortung für meine Mitmenschen zu übernehmen.
Und wenn politische Entscheidungen das Leben dieser Menschen bestimmen, dann gehört für mich auch politisches Engagement dazu.
Radio Roshen ist kein Parteipropagandasender
Dass unser Sender einen politischen Hintergrund hat, bedeutet nicht, dass wir rund um die Uhr Parteipolitik verbreiten.
Radio Roshen ist vor allem ein christlicher Musik- und Glaubenssender.
Wir produzieren Musik, beschäftigen uns mit biblischen Fragen, sprechen über gesellschaftliche Entwicklungen und versuchen, Menschen über Ländergrenzen hinweg zu erreichen.
Unsere christlichen Werte stehen dabei im Mittelpunkt.
Wir wollen nicht, dass sich die Politik an die Stelle des Glaubens setzt.
Vielmehr soll unser Glaube bestimmen, wie wir gesellschaftliche und politische Verantwortung wahrnehmen.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Politik endet nicht am Wahltag
Vielleicht liegt genau hier das Missverständnis meines Kritikers.
Für manche Menschen beginnt Politik mit einem Wahlkampf und endet mit dem Wahltag.
Für mich ist das anders.
Wer sich dauerhaft für Obdachlose, soziale Gerechtigkeit und die Würde des Menschen einsetzt, beschäftigt sich zwangsläufig auch mit politischen Fragen.
Dazu braucht es nicht jeden Tag eine Wahlveranstaltung.
Und deshalb bin ich nicht jemand, der früher einmal Politik gemacht hat.
Ich mache sie weiterhin.
Mit der Plattform Obdachlose, mit unserer Medienarbeit, mit Radio Roshen und mit unserem christlichen Engagement.
Wir betreiben nicht trotz unseres christlichen Glaubens Politik, sondern gerade wegen unseres christlichen Glaubens.
Und deshalb möchte ich zum Abschluss eine Frage in den Raum stellen:
Sollten sich Christen aus der Politik heraushalten – oder gehört es gerade zu ihrem Glauben, sich aktiv für Gerechtigkeit und ihre Mitmenschen einzusetzen?
Hans-Georg Peitl
Plattform Obdachlose (PO) / Radio Roshen
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