05.02.2018, 08:54 Uhr

Vom Augarten auf Welttournee: Vorsingen bei den Wiener Sängerknaben

Zum Vorsingen hat Haval seine siebensaitige Laute mitgebracht. Im Warteraum singt er sich gerade ein.

Wenn die Wiener Sängerknaben zum Vorsingen einladen, kommen Bewerber aus ganz Europa.

LEOPOLDSTADT. Haval öffnet die eiserne Türschnalle zum Augartenpalais: „Hier ist es, Papa, komm!“ ruft er und läuft schon die Stiegen hinauf. Die Location ist nicht leicht zu finden, wo die Wiener Sängerknaben ihr regelmäßiges Vorsingen für junge Talente veranstalten. Endlich kommt auch Havals Vater - er wirkt weit aufgeregter als sein Sohn - im Obergeschoß an. Dort wartet schon Gerald Wirth, künstlerischer Leiter der Wiener Sängerknaben.

Was einen Sängerknaben ausmacht? "Ein Wolferl muss man nicht sein, und auch kein Musterknabe: Die gibt es hier nicht", lacht Sängerknaben-Chef Gerald Wirth. Spaß am Singen, ein waches Interesse an Musik und an seiner Umgebung sollte man mitbringen; und wer gerne Fußball spielt, ist bei den Sängerknaben im Vorteil. „Im Chor hat jeder seinen Platz. Hier kann und soll jeder seine Stimme finden – sich selbst.” Was zählt, ist die Persönlichkeit und die Begeisterung für das Singen. Angst braucht man nicht zu haben: Der Ablauf des Vorsingens richtet sich nach Alter und Vorwissen der Kinder.

Wie heißt Du? Wie lange singst Du schon? Welches Instrument spielst Du? Haval lässt all die Fragen der Assistentin geduldig über sich ergehen. Schließlich wartet er ja nur auf den Moment, wo er endlich zeigen darf, was er kann. Dazu hat er seine 7-saitige Laute mitgebracht, ein folkloristisches Instrument aus Kurdistan, der Heimat seiner Eltern, die er mit seinen 11 Jahren schon wirklich gut beherrscht. Aber nicht nur das, Haval hat auch vier Lieder einstudiert, bei denen er sich selber mit der Laute begleitet: Jeweils ein Lied aus Kurdistan, Arabien, Armenien und Serbien. Seine Augen leuchten, als er endlich von Gerald Wirth hineingebeten wird – natürlich darf auch sein Vater mit hinein.

Absolventen erzählen

In der Zwischenzeit steht Dominik Garber für eine Hausführung zur Verfügung: Der Student war früher Sängerknabe und erzählt auf dem Weg durch die prachtvollen Räume des Augartenpalais, wie er die Zeit erlebt hat. „Ich komme aus der Steiermark. Heimweh hatte ich nur wenige Stunden, weil man von der Gemeinschaft mit den anderen Sängerknaben und vom vollen Terminkalender aufgefangen wird. Natürlich ist es fordernd – jeden Tag Unterricht, Proben und dazu der ganz normale Schulbetrieb – aber es zahlt sich aus. Denn als Sängerknabe kommt man in der ganzen Welt herum und lernt berühmte Menschen kennen, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt“. Von seiner Begegnung mit dem japanischen Kaiser erzählt er mit Stolz, und von prominenten Künstlern und Politikern. Die vier Konzertchöre der Sängerknaben absolvieren jährlich fast 300 Auftritte auf allen Kontinenten.

Regelmäßige Tourneen

„Damit sich die regelmäßigen Tourneen zeitlich ausgehen, ist der Schulunterricht immer geblockt.Dann kann man auch einmal mitten im Schuljahr für sechs Wochen auf Asien-Tournee fahren“, plaudert Dominik, als er sich unter die riesige Sängerknaben-Kappe stellt, die am Stuckplafond befestigt ist. Dass der Zusammenhalt unter den Knaben groß sei und dass die gemeinsamen Erlebnisse dicke Freunde aus den aus ganz Europa zusammengewürfelten Sängerknaben machten, erzählt er noch, als wir wieder beim Vorsingen ankommen, wo sich inzwischen eine große Schar sangesfreudiger Kinder eingefunden haben. Gerade öffnet sich die Tür wieder und Haval kommt heraus. „Gut gegangen!“ strahlt er – und auch sein Vater sieht erleichtert aus. Was Havals Name bedeutet? "Freund!" sagt der Schüler, während er seine Jacke anzieht.

Zur Sache:


Sängerknaben sind 9 bis 14 Jahre alt. Idealerweise kommen sie mit 8 bis 9 Jahren zum Vorsingen. Das nächste Vorsingen findet im Sommer 2018 statt. Für den Mädchenchor können ebenfalls Vorsing-Termine vereinbart werden. Infos: www.wienersaengerknaben.at
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