17.10.2017, 07:23 Uhr

KUNST GESPRÄCHE | Art Brut: Statist oder Star in der zeitgenössischen Kunst?

Wien: Lenikus | Zum mittlerweile sechsten Mal fanden am 11. Oktober 2017 die KUNST GESPRÄCHE in der Café Bar Bloom im Hotel Lamée (Rotenturmstraße 15, 1010 Wien) statt.
Zum Thema Art Brut diskutierte eine hochkarätig besetzte Runde mit dem künstlerischen Leiter museum gugging, Psychiater und Bildhauer Johann Feilacher, dem Psychologen und Organisationsberater Wolf Maritsch (Sammlung FROH(N)BERG) und der Kunsthistorikerin Cynthia Thumm (Sammlung Zander gGmbH, Bönningheim, Deutschland). Moderiert wurde das KUNST GEPRÄCH von Hannah Rieger, aus deren Sammlung gerade 123 Arbeiten im museumkrems ("Living in Art Brut") bis 23. Oktober gezeigt werden.
Der Hausherr und Geschäftsführer der Lenikus Unternehmensgruppe Martin Lenikus begrüßte Hannah Rieger auch als stellvertretende Vorsitzende des Universitätsrates der Angewandten. Hannah Rieger ist seit 25 Jahren leidenschaftliche Art Brut-Sammlerin, wenngleich diese Kunstrichtung in Österreich eher ein Nischenthema sei und sich bis vor kurzem nur Künstler und Psychiater dafür interessieren. Allerdings gibt es auch bei der diesjährigen Biennale in Venedig einige Art Brut-Werke zu sehen und insgesamt steigt die europäische Anerkennung für diese autodidaktischen Künstlerinnen und Künstler.
Art Brut ist eine besondere Kunst fern von den Universitäten und abseits von dem Kunst- und Kultur-Mainstream. Die Schöpfer bringen ihre ganz "individuellen Mythologien" (Harald Szeemann) in die Welt. Der Namensgeber von Art Brut Jean Dubuffet war Künstler und Weinhändler. Daher ist das brut ganz bewusst eine Assoziation zum rohen und unverfälschten des Champagner.
Johann Feilacher, Leiter des museum gugging berichtet von den Anfängen des Museums, welches 2006 gegründet und am Gelände des ehemaligen Landesnervenklinikums Gugging eröffnet wurde. Seitdem stehen die Werke der Künstler aus Gugging im Zentrum des Museums, wie jene von August Walla, Johann Hauser oder Oswald Tschirtner, die international bekannt sind. Die Werke der insgesamt über 30 Künstler stammen aus der hauseigenen Sammlung der Privatstiftung- Künstler aus Gugging oder sind Leihgaben aus anderen Sammlungen und Museen.
Der Psychologe Wolf Maritsch ist gemeinsam mit seiner Frau Tine Salis seit über 20 Jahren Sammler. Sie haben die Sammlung Froh(n)berg aufgebaut, die einen großen ‚Gugging‘-Schwerpunkt aufweist. Für ihn bedeutet Art-Brut eine Art Irrgarten der Kunst. Diese Kunst will er künftig auch in Indien entdecken. Sein Anliegen ist es, Art Brut aus dem Status einer Kunst für Minderheiten herauszuholen und es ist ihm gleichzeitig durchaus bewusst, dass Art-Brut nie eine Kunst der Massen sein wird.
Cynthia Thumm ist Kunsthistorikerin und Direktorin der Sammlung Zander gGmbH im Bönningheim bei Stuttgart. Die Sammlung wurde im Zeitraum von über sechs Jahrzehnten von der Galeristin und Mäzenin Charlotte Zander zusammengetragen und gilt heute als eines der international führenden Museen für die Kunst der Naive und Art-Brut.
Zu den ersten Sammlern von Art-Brut zählten Ärzte und Psychiater, mittlerweile erreichen die Protagonisten auch schon internationale Anerkennung und deren Werke erzielen entsprechend hohe Marktpreise. Ein wirklicher Durchbruch gelänge allerdings erst mit Ausstellungen in Häusern wie dem Museum of Modern Art in New York oder dem Centre Pompidou in Paris.
Von großer Bedeutung für die Erreichung einer solchen internationalen Anerkennung ist auch der Einfluss von Publikationen und Medien.
Einig war sich die Diskussionsrunde, dass Art Brut sich mehr und mehr etabliert und auch zusehends Anerkennung findet. Sie ist weder Statist noch Star, sondern etwas dazwischen und das soll sie auch bleiben.
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