07.10.2016, 15:24 Uhr

Wischmopps

FILE - OCTOBER 5: 50 Years Since The First Beatles Single Released: A Look Back At The Beatles A group portrait of the Beatles, straightening their ties, backstage at the Odeon Cinema in Luton on 6th September 1963. (L-R) Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, John Lennon. (Photo by Tom Hanley/Redferns)
Beatlemania - Rezension des Dokumentarfilmes "The Beatles: Eight Days a Week - The Touring Years" - ab 15.9.2016 im Apollo, Village Kino in Wien. "Live at the Hollywood Bowl" ist mt vier unveröffentlichen Aufnahmen ("You can't do that", "I Wanna Hold Your Hand", "Everybody's Trying to Be My Baby" und "Baby's in Black") wieder erhältlich.


„Mania“ - Wahnsinn, Manie nach den Beatles. Kein Wort beschreibt den Hype besser, der um die „Fab 4“, wie sie sich selbst nannten, ausbrach – auf allen Kontinenten, durch alle Gesellschaftsschichten – die Fabulous Four kamen aus der Arbeiterklasse, zogen alle aus allen Schichten an. Zugegebenermaßen das weibliche Geschlecht mehr.

Antiquiert auch ihr englischer Name eines „moptops“ , was soviel wie „Wischmopp“ heißt, ein Reinigungsgerät, das heute eher zum Nassreinigen verwendet wird. Früher, als noch Besen und Schaufel und Mopp zur Trockenreinigung eingesetzt wurden, bezeichnete damit der Beatles‘ Frisuren. Dieser Pilzkopf ist noch heute „in“, besonders unter kleinen Jungs.

Falls Sie sich die Zeit nehmen, ins Kino zu gehen: ein „Zuckerl“ gibt es bei diesem neuerschienenen Archivmaterial, das zu einem Film zusammengeschnitten wurde - es erscheint auf Englisch, um Ringos Liverpooler Akzent bewusst zu machen oder die Tatsache, dass die Beatles ihre Liebe mit „[Lov, Lov] me too“, statt [Lav, Lav,] me do!“ besangen.

Eigentlich können Mitglieder unserer Generation es sich nicht anmaßen, über die Beatles ein Urteil zu fällen, denn, als sie sich trennten, steckten wir noch in Kinderschuhen. Unsere Eltern stellten schon eher die Fans der singenden topmops – der good guys - als der Rolling Stones aus den USA dar. Eine besondere Affinität hege ich zu den vier Genies, denn meine Mutter tanzte zu „Yesterday“, als sie bei mir schwanger war. Diese vier „lads“ aus Liverpool hatten schon sehr, sehr viel auf dem Kasten. Blutjung erklommen sie Sprosse für Sprosse der Karriereleiter. Im Gewand eher uniform, vertrat jeder einen individuellen C haraktertyp, wobei einer oder einem die Wahl schwer fällt, den Sympathischten zu finden. Gewiss, Paul, der cute guy, John, der nie Mainstream sein wollte, Ringo, der Blödelnde und George, der Spirituelle. Der rezente Dokumentarfilm zeigt aowohl die Beatles als Genies als auch den Hype, der um sie entstand, wuchs, und ungeahnte Formen annahm. Da glaubt man, ein Staatsbesuch stünde an, dabei kamen nur vier blödelnde Jugendliche entlang des roten Teppichs und der ( fast erdrückenden) Menschenmassen. Sie hatten kein „Schutzschild“, welches auch immer es gäbe, gegen die Erwartungen ihrer Anhänger. Man kann sich kaum jemanden vorstellen, der zu der Zeit kein Beatles-Fan gewesen sein mag. Verglichen mit Abba hatten die Beatles einen riesengroßen Vorteil: sie adaptierten sich, passten sich den Strömungen der Zeit an und konnten so erfolgreich weiterexistieren. ABBA wurde hingegen von der Neuen Deutschen Welle regelrecht überrollt und landete am Meeresgrund. Die Höhenflüge der Beatles sollten jedoch einige Jahre noch andauern. Nach dem Konzert wurden sie, hermetisch von weiblichen Fans abgeschirmt, mit einem PKW von der Bühne durch engste Stadieneinfahrten bis zur Garderobe zurückgehievt. Kein „Schutzschild“ gab es hingegen gegen jegliche Erwartungen, was neue LPs, Alben, heute CDs anbelangte. Sie waren oder wurden zu Vielkomponisten, nur vergleichbar mit einem Mozart oder Schubert, der 800 Lieder komponierte, von denen 100 berühmt wurden. Gewiss, sie hatten Megatalent, sich nicht nur bühnenpräsent ( gute live gigs) und sich bis Manila bühnenwirksam zu präsentieren. Auch im Angesicht des Erfolgs verloren sie nie ihr Gesicht und blieben sich und ihren Prinzipien treu, z. B. sollte in den 60ern, in den Stadien im tiefen ( amerikanischen) Süden Rassentrennungsplicht ( Segregation) vorherrschen: "Nein, danke, dann spielen wir nicht!" Im Film wurde dazu Woopie Goldberg ( bekannt aus „The Colour Purple“, „Ghost“) interviewt. Sie war überwältigt, Beatleskonzerten beiwohnen zu können – schwarz und weiß gemischt. Sonst hätte es für Woopie nur das Transistorradio gegeben.

Heute ist die Welt viel virtueller, weiter entwickelt als der Transistor. Zwischen den ( virtuellen) Youtuber-Followern, Fashionista-Fans und Beatles-Fans gibt es noch immer Universelles. Talent hin oder her, heute zählt zu einem gewissen Grade die Originalität ( fast) mehr. Novitäten, Kreatives, Innovatives ist bei Youtubern und Fashionistas mehr gefragt als ihr Talent. Die Anhänger, die Fans waren jedoch Mainstraim und wollten die Pilzköpfe der Beatles hundertprozentig kopieren , so wie heute Fans die angehenden, aufwärtsstrebenden Youtuber kopieren, gleichsam ident mit ihnen sein wollen.
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