26.01.2012, 18:50 Uhr

Turbulenzen in der Josefstadt

Photo von der Aufführung. Photo Erich Reismann (Foto: Erich Reismann)
Georges Feydeau hat viele Theaterkomödien geschrieben, die genauso, wie ‘‘Ein Klotz am Bein‘‘, die gesellschaftliche Doppelmoral und bürgerliche Verlogenheit kritisiert hatten. Es ist wahrlich eine Kunst, dass ausgerechnet jene, von denen in den Feydeau-Stücken die Rede ist, sich in dem ihnen vorgehaltenem Spiegel nicht erkannten und am lautesten lachten. Das Lachen als Blitzableiter war eine willkommene Ablenkung von Krieg und Kargheit des täglichen Lebens im 19. und 20. Jahrhundert. Man sollte sich die Frage stellen, ob diese Art von Kunst noch zeitgemäß ist.
„Die meisten Ehen sind ohnehin langweilig, egal wen man heiratet!“, wird als eine Salonweisheit im Feydeau-Stück von der Braut zitiert. Das leben uns heutzutage all die gelangweilten Paris Hiltons vor, ohne die Hochglanzmagazine keine Existenzberechtigung hätten. Das Geld und Schein bestimmen, worüber in der Gesellschaft gesprochen wird. Die Werte wie Liebe, Treue, Anständigkeit, Mitgefühl für den Nächsten sind in den Hintergrund geraten und werden durch die Sunny Boys und Next Models mitleidig belächelt. Die steigende Scheidungsstatistik liefert jedes Jahr die Bestätigung dafür. Und trotzdem, man - ich, du, er, sie es – dürfen nicht aufgeben.
Wir sind mitten in der Komödie:
Lucette (Sona MacDonald): ‘‘Ich muss dir sagen, dass ich dich liebe.‘‘
Bois d'Enghien (Raphael von Bargen) ‘‘Oh nein !...Davon habe ich endgültig genug! Sie kommen daher und sagen einfach: Ich liebe dich und lass mich von dir wieder an die Kette legen?‘‘
Nein, das will er auf gar keinen Fall. Die naive Liebe einer erfolgreichen Variete-Sängerin zu einem schönen Nichtstuer, wird einem Ehe-Kontrakt, der dem Lebemann ein angenehmes Dasein ermöglichen soll, geopfert. Doch, um seinen unbeschwerten Lebensstill zu huldigen, ist es noch ein weiter Weg. "Einer der Liebenden wird zum Klotz am Bein, wenn er dem Partner nicht die Freiheit gibt, sich anders zu entscheiden. Es ist eine Form des Sich-nicht-verabschieden- zu-können, auch dann, wenn die Zeichen schon auf Sturm stehen", sagt MacDonald im Künstlergespräch nach der Vorstellung. Die Turbulenzen, Verwechslungen und Intrigen auf der Bühne lassen diese Botschaft fast unbemerkt in Lachsalven des Publikums untergehen. Man hat keine Zeit in dieser Tür auf, Tür zu-Komödie nachzudenken, die Michael Kreihsl in der Josefstadt atemraubend inszeniert hat. Er, Bois d’Enghien, schlittert tollpatschig von einem Fettnapf in den anderen, um am Ende durch allen Beteiligten entlarvt zu werden. General Irrigua (sehr überzeugend -Toni Slama) vermittelt im Spiel um Lucette den Anschein, dass es um Leben und Tod geht. Er droht all seine Wiedersacher zu beseitigen. Ein Ex-Ehemann (Andre Pohl), der ziemlich fassungslos in das Geschehen um seine Verflossene hineingezogen wird. Monsieur Bouzin, ein Chansons-Schreiber (Siegfried Walther), dessen fragwürdige Kunst zuerst abgelehnt, dann doch dank eines vermeintlichen teuren Geschenks durch Lucette angenommen wird, um letztendlich wieder zu scheitern. Und dann gibt es noch einen: ein aus dem Mund unangenehm riechender Mann (als Monsieur de Fontanet von Ljubiša Lupo Grujcic dargestellt), der von allen auf Distanz gehalten wird und als ein nützlicher Idiot entscheidend zur allgemeiner Verwirrung beiträgt.

Auffallend ist, dass die Frauen in diesem Stück das Sagen haben und bestimmen, was geschieht. Die reiche Baronin Duverger (bezaubernd verkörpert durch Gertraud Jesserer) plant die Hochzeit für ihre Tochter Viviane mit Bois d' Enghien nichtsahnend, dass der ein Geliebter von Lucette ist. Die Varieté-Sängerin soll beim Hochzeit-Fest singen. Nun nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Viviane (Ruth Brauer-Kvan), rotzfreche und schon am Hochzeitstag an Scheidung denkende Tussi ist alles egal. Währenddessen werden Lucette, der Geliebte und alle Männer um sie herum, zur Hochleistungen an Verstecken, Camouflage und Lügen bewegt. In den zweieinhalb Stunden ist der Besucher gefordert, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Sona MacDonald ist in ihrer Rolle eine überzeugende, charmante, durch ihre bedingungslose Liebe geblendete und naive Varieté-Künstlerin. Der vom Regisseur am Schluss des Stückes hinzu gefügte Showauftritt der Lucette mit dem Lied von Nat King Cole ist das versöhnliches Tüpfelchen aus dem i.
Ich gestehe: Ich liebe diese Schauspielerin. So eine vielseitige, wunderbare Darstellerin , die in Fernseherkrimis Mörderinnen und deren Opfer verkörperte. Im Musical ‘‘Les Misérables‘‘ als verzweifelte junge Mutter Fantine die Zuschauer zu Tränen rührte und als laszive, erotische Fanny Hill im gleichnahmigen Musical glänzte. Ich erinnere mich an die Wahlwienerin, die ihrer Jenny in der ‘‘Dreigroschenoper“ eine unverwechselbare, persönliche Note gab. Sie sang sich in den engen, dunklen Piano-Bar des Ungarn Bela Koren, an der Seite von Hans Piesbergen und Max Müller unter der Leitung von Meret Barz, die Seele aus dem Leib . Man fühlte, dass hier eine neue, alle Schranken durchbrechende Riege von Künstler entsteht, die in der Vollkommenheit ihrer Ausdrucksweise den Vergleich mit den Vorbildern von Broadway nicht zu scheuen braucht. Eine besondere CD aus dem Jahr 1999, an der Sona MacDonald mitwirkte, darf hier nicht unerwähnt bleiben. Es handelt sich um die tongetreue Aufnahme der ‘‘Dreigroschenoper‘‘ mit Max Raabe und Nina Hagen. "Der Spaß dabei war, dass sich so viele Künstler aus verschiedenen Genres zusammenfanden, um wunderbare Musik zu machen", sagt sie von der Vorstellung erschöpft.
http://www.amazon.de/Kurt-Weill-Die-Dreigroschenop...
Nächste Vorstellungen in der Josefstadt: 31.1., 4./5./10./18./21. und 25.2. 2012
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Ein Tipp fürs Essen vor oder nach der Vorstellung:
Pizzeria Il SESTANTE, Piaristengasse 60, Telefon: 40 29 892 (Reservierung empfohlen).
Eine Holzofenpizza, die auch gerne nach Sonderwünschen vorbereitet wird, und dazu eine freundliche, aufmerksame Bedienung. http://www.sestante.at/
Nicht zu empfehlen:
Café Eilles, Josefstädterstrasse 2. Wer einmal richtig angeschnauzt werden will, ist hier richtig. Zweieinhalb Sterne meint der Lokaltester. Ein Gast berichtet im Internet: "Ich wurde noch nie so herablassend von einem Kellner behandelt wie heute im Kaffee Eilles."
Ein Tipp für geplagte Autofahrer:
Parkpauschalen gibt es für Gäste der Josefstadt für 4,50 €uro im Parkhaus Rathauspark oder in der Tigergasse. Und in der Trautsongasse, dort werden 6,- verlangt.

Reinhard Hübl
Freier Journalist
reinhard.huebl@direkt.at
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