Forschung: Gesundheit steigern und Kosten senken

Gesundheitsökonom Gerald Pruckner von der JKU Linz.
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Gerald Pruckner aus Neuhofen beschäftigt sich mit Versorgungsforschung im Bereich Gesundheit. 

NEUHOFEN (red). Im Interview spricht der Gesundheitsökonom und Leiter der gleichnamigen Abteilung an der JKU über seine Forschungsinhalte, sowie über die Forschung in Österreich im Allgemeinen.

Was genau ist der Inhalt Ihrer aktuellen Forschungstätigkeit?

Pruckner: Das österreichische Gesundheitssystem war und ist Gegenstand einer intensiv geführten (politischen) Debatte, die sich häufig auf die Frage der künftigen Finanzierbarkeit reduziert. Im Unterschied dazu versucht die moderne Gesundheitsökonomie, eine den Patientenbedürfnissen entsprechende Gesundheitsversorgung zu garantieren. Gleichzeitig sollen die berechtigten Interessen der Anbieter (Ärzte, Krankenhäuser, Pflegepersonal, …) und die zweifelsohne vorhandenen Budgetgrenzen berücksichtigt werden. Gemeinsam mit meinem Team versuche ich in meinen wissenschaftlichen Arbeiten, empirische Evidenz zu Fragen des Gesundheitsverhaltens (Vorsorge und Lebensstil), der Auswirkung des demografischen Wandels auf das Gesundheitssystem sowie in den letzten Jahren vermehrt auch zur Gesundheit von Kindern zu liefern. Alle unsere Arbeiten beziehen sich auf (ober-)österreichische Daten.

Große Feldexperimente

Im Bereich Vorsorge untersuchen wir, ob und wie sich die Teilnahme an der allgemeinen Vorsorgeuntersuchung (VU) auf die Lebenserwartung und die künftigen Gesundheitsausgaben auswirkt. Eine weitere Forschungsarbeit auf diesem Gebiet untersucht, ob Arbeitskollegen und –kolleginnen in einer Firma einen Einfluss auf die individuelle Teilnahme an Screening Untersuchungen haben. Darüber hinaus haben wir zwei groß angelegte Feldexperimente zum Thema Vorsorge durchgeführt. In einem Experiment zeigen wir, dass finanzielle Anreize für Kinder und Jugendliche in Form von Einkaufsgutscheinen dazu führen, dass junge Menschen vermehrt zum Arzt gehen und ihre Gesundheit überprüfen lassen. In einem ähnlichen Projekt bieten wir übergewichtigen Personen bis zu 300 Euro für eine Reduktion ihres Körpergewichtes an. Wir können zeigen, dass der finanzielle Anreiz tatsächlich hilft, das Körpergewicht zu reduzieren. Nach Wegfall der Zahlung nehmen die Personen allerdings wieder auf das ursprüngliche Niveau ihres Gewichtes zu.
Im Bereich der Versorgungsforschung zeigen wir, dass ein medizinisch nicht notwendiger Kaiserschnitt einer Frau bei der ersten Geburt zu einem Rückgang in der Fertilität dieser Frauen führt. Zudem untersuchen wir, wie sich die Praxisschließung eines niedergelassenen Arztes auf die künftige Leistungsinanspruchnahme der betroffenen PatientInnen auswirkt oder ob langfristig Kostenvorteile aus neuen Behandlungsformen (z.B. Katheterablation zur Behandlung von Herzkammerflimmern) erreichbar sind.
In einem aktuellen Projekt untersuchen wir die Entwicklung der Gesundheitsausgaben der Menschen über den Lebenszyklus, wobei neben Lebensalter und Art von Erkrankung auch der Einfluss der Nähe zum Tod analysiert wird. Diese Studie soll helfen, die künftig notwendigen Gesundheitsausgaben in einer älter werdenden Gesellschaft besser zu prognostizieren. Eine zweite Arbeit, die sich ebenfalls mit Alterung auseinandersetzt, untersucht, wie sich der Pensionsantritt von Menschen auf deren Gesundheitsausgaben und Gesundheitsverhalten auswirkt. Wir finden, dass sowohl Männer als auch Frauen unmittelbar nach ihrem Pensionsantritt weniger ärztliche Leistungen in Anspruch nehmen. Das deutet darauf hin, dass die physischen und psychischen Belastungen mit der Pensionierung geringer werden. Zudem finden wir auch Verhaltenseffekte: Männer nehmen nach dem Pensionsantritt in einem geringeren Ausmaß als vorher an präventiven Maßnahmen teil.

Welchen Nutzen hat Ihre Forschungsarbeit für die Allgemeinheit?

Unsere Forschungsprojekte haben einen erheblichen gesellschaftlichen Nutzen. Wir versuchen, wissenschaftliche Grundlagen für die Weiterentwicklung und Verbesserung unseres Gesundheitssystems zu schaffen. Zudem untersuchen unsere „Vorsorgeprojekte“, ob und wie es gelingen kann, den Lebensstil der Menschen positiv zu beeinflussen. Dadurch wird die Gesundheit der Bevölkerung gestärkt und ein Beitrag zu einem geringeren Ausgabenwachstum geleistet.

Wie sieht die tägliche Arbeit eines Forsches aus?

Der Alltag eines Forschers im Bereich Wirtschaftswissenschaften ist unspektakulär. Die meiste Zeit verbringen wir vor unseren Computern. Zunächst ist es notwendig, große Datenmengen elektronisch aufzubereiten und zu verarbeiten. Die Hauptaufgabe liegt dann darin, die statistischen Modelle zu den empirischen Analysen zu entwickeln und die notwendigen Software Routinen zu programmieren. Das erfordert umfassendes know-how im Bereich Mathematik und Statistik. Neben den empirischen Analysen finden regelmäßige Teambesprechungen zu den einzelnen Projekten statt. Die resultierenden Forschungsarbeiten werden in Fachjournalen eingereicht, wo sie im Rahmen eines Begutachtungsverfahrens von internationalen Wissenschaftlern auf ihre Qualität überprüft werden.

Wie sehen Sie die Vorraussetzungen für die Forschung in Österreich?

Als akademischer Forscher wünscht man sich wahrscheinlich immer mehr Mittel, um die eigenen Forschungsaktivitäten voranzutreiben. Faktum ist, dass es auch im Bereich Gesundheitsökonomie/Wirtschaftswissenschaften immer wichtiger wird, so genannte Drittmittel (das sind finanzielle Ressourcen, die nicht aus dem Universitätsbudget kommen) zu akquirieren. Um solche Projektgelder bewirbt man sich bei nationalen und internationalen Fonds. Zudem gibt es die Möglichkeit, mit einem konkreten Partner ein Forschungsprojekt durchzuführen, das dieser in aller Regel auch finanziert. Der notwendige Aufwand, an Forschungsmittel zu kommen, wird über die Zeit größer.

Was würden Sie sich für die Zukunft der Forschung in Österreich wünschen? „Welche Rahmenbedingungen würde es brauchen, um in Zukunft konkurrenzfähig zu sein/bleiben?

Neben der Hoffnung auf eine ausreichende Finanzierung von Forschungsaktivitäten sind wir in der empirischen Gesundheitsökonomie auf die Verfügbarkeit von Daten angewiesen. Eine international wettbewerbsfähige empirische Forschung im Bereich Gesundheit braucht den Zugang zu anonymisierten Datenbeständen. Selbstverständlich müssen dabei strenge Datenschutzbestimmungen, die keine Rückführbarkeit auf Einzelpersonen zulassen, eingehalten werden. Eine weitere Einschränkung der Verwendung solcher Daten führt dazu, dass wir beispielsweise im Vergleich zu den skandinavischen Ländern nicht konkurrenzfähig bleiben können.
Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass Universitäten den Nachwuchswissenschaftlern kaum mehr eine längerfristige Karrieremöglichkeit anbieten (können). Dass Forscherinnen und Forschern überwiegend zeitlich befristete Verträge angeboten werden, führt dazu, dass sich viele talentierte Absolventinnen und Absolventen nicht mehr für eine akademische Karriere entscheiden. Zudem müssen selbst erfolgreiche Jungwissenschaftler nach Ablauf der Befristung die Universität verlassen, was sich sehr oft negativ auf die Forschungsleistung der Institute auswirkt.

Univ.-Prof. Dr. Gerald Pruckner

Pruckner ist Professor für Gesundheitsökonomie und Leiter der gleichnamigen Abteilung an der Johannes Kepler Universität Linz. In seinen überwiegend empirisch ausgerichteten Forschungsarbeiten beschäftigt er sich mit Versorgungsforschung im Bereich Gesundheit. Dabei geht es um Fragen der Ausgestaltung eines effektiven und gerechten Gesundheitssystems. Im Mittelpunkt stehen volkswirtschaftliche Analysen des Verhaltens von Menschen im Zusammenhang mit ihrer Gesundheit und der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen. Seit 2014 leitet Gerald Pruckner ein Christian Doppler Forschungslabor für Alterungs- und Gesundheitsforschung. Seine Arbeiten werden regelmäßig in ausgezeichneten internationalen Journalen veröffentlicht. Er ist gebürtiger Neuhofener und lebt gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Söhnen in Neuhofen an der Krems.

1964 in Wels geboren
1984 Matura an der Höheren Technischen Bundeslehranstalt II (Linzer Technikum), Fachrichtung Elektrotechnik.
Studium, Promotion und Habilitation an der JKU Linz
Universitätsassistent und Lehrbeauftragter an der JKU Linz
2002 bis 2006: Universitätsprofessor am Institut für Finanzwissenschaft der Leopold Franzens Universität in Innsbruck
Seit 2011: Universitätsprofessor für Gesundheitsökonomie am Institut für Volkswirtschaftslehre der JKU Linz.
Seit 2014 Leiter des Christian Doppler Forschungslabors „Aging, Health, and the Labor Market“
Längere Forschungsaufenthalte an den Universitäten Berkeley, California (U.S.A), Adelaide (Australien) und Stockholm (Schweden)
Lehrtätigkeit an den Universitäten Linz, Innsbruck, Giessen (Deutschland), Adelaide (Australien), Bratislava (Slowakei) sowie an der Universität für Bodenkultur (Wien).
Zahlreiche Publikationen in renommierten internationalen Fachzeitschriften
Umfangreiche wissenschaftliche Vortragstätigkeit im In- und Ausland
Regelmäßige Teilnahme an gesundheitspolitischen Veranstaltungen in Österreich und Mitwirkung in einschlägigen Fachgremien.

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