20.10.2016, 10:29 Uhr

Aus der Trauer wieder ins Leben

Andrea Auinger (Foto: Auinger)

Andrea Auinger hat in ihrer Ansfeldner Praxis auch Trauerarbeit in ihrem psychotherapeutischen Angebot.

Im Gespräch vermittelt Andrea Auinger wie Angehörige und Freunde Trauernden bei der Bewältigung ihres Leides hilfreich beistehen können.

BezirksRundschau: Warum brauchen Menschen beim Trauern Hilfe?
Andrea Auinger: Trauer bedeutet, dass wir etwas Wichtiges, etwas Bedeutungsvolles in unserem Leben aufgeben müssen und verloren haben. Ein Abschied für immer, nicht mehr rückgängig zu machen. Es ist wichtig, dem Trauernden zu vermitteln, dass Weinen, wütend sein, Ruhe haben wollen, den Schmerz nicht ertragen können in Ordnung sind und gelebt werden dürfen und müssen.

Wie können Angehörige und Freunde helfen?
Gut gemeinte Ratschläge ("das wird schon wieder oder du musst Loslassen",….) wirken kontraproduktiv. Der Schmerz des Trauernden muss ernst genommen und emphatisch verstanden werden. Da sein für den Anderen, dabei bleiben, halten, in die Arme nehmen aber auch über den Verstorbenen reden können. Das wirkt helfend und wohltuend, man fühlt sich nicht allein gelassen. Trauer kann man nicht wegnehmen - sie ist da und braucht auch ihren Platz. Sie muss auch raus und gelebt werden. Unterdrücken würde nur krank machen oder den Trauerprozess verlängern, weil man in einer der Phasen hängenbleibt. Verdrängen und nicht wahrhaben wollen könnten mitunter zu psychosomatischen Erkrankungen führen.

Wieso ist Trauern so wichtig?
Das Leben muss sich plötzlich anders gestalten. Trauerprozesse beinhalten Phänomene wie: Schockzustand, Starre, Zittern, Hyperventilieren, Appetitlosigkeit (Gewichtsverlust meist sehr groß), Rückzug, Herzbeschwerden (u.a. Phänomen des "Broken Heart"), Rückzug (nicht nur daheim sondern auch sozial), Apathien (Abwesenheitsphänomene, manchmal wirklich kurze Amnesien, damit man es überhaupt aushalten kann), hadern mit Gott ("warum ich", "das habe ich nicht verdient"), nicht mehr allein sein können (jemand muss bei einem bleiben, besonders nachts), Schlafstörungen, Nervenzusammenbruch. Kulturell gibt es hier auch unterschiedliche Zugänge oder Ausprägungen der Trauer.

Trauern Frauen anders als Männer?
Manchmal neigen Frauen dazu, die Trauer "besser" auszuleben, sich zu zeigen, zu weinen. Männer versuchen oft noch "stark" zu sein, obwohl sie innerlich bereits zerfallen sind. Diese Stärke wird aber auch nicht lange halten, Zusammenbrüche kommen hier zeitverzögert.

Wann soll man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen?
Im Akutfall (Unfalltod, plötzlicher Tod, bei Kindesverlust) sofort durch geschulte Personen. Manchmal braucht es dann auch eine vorübergehende Stärkung durch Medikamente. Wenn man den Eindruck hat, der Trauende wirkt suizidal. Therapie scheint mir angebracht, wenn nach 1-2 Jahren noch immer eine massive Trauer, eine Einschränkung des sozialen oder beruflichen Lebens erfahren wird.
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