14.10.2016, 10:08 Uhr

Duale Ausbildung im Fokus: Landesspitzen bei Engel-Symposium

Lehrlingsausbildner Johannes Höflinger (Engel Austria), LTP Sigl, Konstrukteur-Lehrling Sara Brandstetter (Engel Austria), Landesschulinspektorin Gerlinde Pirc (Landesschulrat OÖ – Abteilung Berufsschulen) und WorldSkills-Teilnehmer 2001 Harald Schütz (Inhaber Gartenkult) (Foto: Land OÖ/Kraml)
SCHWERTBERG. Jedes Jahr stehen mehr als 14.000 Jugendliche im Alter von 15 Jahren vor der Entscheidung, welchen Ausbildungsweg sie einschlagen. Zur Wahl stehen dabei unterschiedlichste berufsbildende Schulen oder einer der rund 200 Lehrberufe. Die Lehre wird dabei oftmals als „Notlösung“ wahrgenommen. „Sie ist jedoch das Rückgrat der Fachkräfteausbildung und damit auch für den Wirtschaft- und Bildungsstandort Oberösterreich von großer Bedeutung“, betont Landtagspräsident Viktor Sigl.

Geburtenschwache Jahrgänge, Lehrstellensuchende, die häufig nicht in der Lage sind, Aufnahmebindungen zu erfüllen sowie der steigende Konkurrenzkampf um qualifizierte Köpfe lassen Oberösterreich auf einen Arbeitskräfteengpass in allen Qualifikationsstufen zusteuern. „Dieser Entwicklung müssen wir entgegensteuern, sodass sie nur eine Annahme bleibt und nicht Realität wird. Ein wesentlicher Aspekt wird dabei sein, das der Oö. Landtag und die Landesregierung ihren Gestaltungsspielraum nutzen, um rasch, effizient und zielgerichtet handeln zu können“, so Sigl.

Herausforderungen an den Bildungsstandort Oberösterreich

Deshalb veranstaltet der Oö. Landtag bereits zum dritten Mal ein Föderalismus-Symposium „Politik der Zukunft – Zukunft der Politik“. Ziel ist es, die Vorteile der föderalen Strukturen für Oberösterreich und bei der Bewältigung künftiger Herausforderungen darzustellen. Die diesjährige Veranstaltung bei Engel Austria in Schwertberg stand aufgrund des drohenden Fachkräfteengpass unter dem Motto „Duale Ausbildung – Herausforderungen an den Bildungsstandort Oberösterreich“.

Die Lehre: Weltweit geachtet, aber zuhause nichts wert?

„Es sind die Menschen, die Zukunft schaffen mit ihren Fähigkeiten, mit Hand und Herz, aber auch natürlich mit dem Kopf. Gerade bei Lehrberufen wird dieser Dreiklang besonders deutlich. Bildung und Ausbildung sind daher heute die Grundlage für Arbeit, Wohlstand und soziale Sicherheit“, erklärte Landeshauptmann Josef Pühringer, betonte aber zugleich, dass es im Bereich der Lehre Nachwuchssorgen gibt. Eine wichtige Maßnahme der Zukunftssicherung ist in diesem Zusammenhang die Anfang August in Kraft getretene Ausbildungspflicht bis 18 Jahre.

Imageproblem der Lehre

Ein Aufholbedarf besteht laut Pühringer aber im gesellschaftlichen Image der Lehre: „Lehre muss endlich als das gesehen werden was sie ist: Eine wertvolle und wichtige Alternative zur höheren Schule. Das Bewusstsein, dass ein erfolgreiches Land nicht nur Akademiker, sondern auch bestens ausgebildete Facharbeiter braucht, muss noch stärker ausgeprägt werden. Nur mit qualifizierten Fachkräften kann der Wirtschaftsraum Oberösterreich im internationalen Wettbewerb bestehen.“

Landeshauptmann-Stellvertreter Thomas Stelzer sieht das ebenso: „Oberösterreich ist das führende Lehrlingsbundesland in der Republik. „Lehre "made in Upper-Austria" ist ein weltweiter Exportschlager. Trotzdem fühlen sich viele Lehrlinge in der Heimat nicht ausreichend wertgeschätzt. Solange eine im dualen System gut ausgebildete Fachkraft nicht die gleiche Anerkennung erfährt wie schulisch Ausgebildete, wird sich der Fachkräfteschwund fortsetzen. Dem müssen wir gegensteuern und das Image der Lehre verbessern und in die Ausbildungsinfrastruktur investieren. Heuer haben wir eine Investitionsoffensive gestartet und ein 14 Millionen Euro Paket geschürt.“

Praktische Intelligenz aufspüren, sichtbar machen und entfalten

Die Begabungs- und Begabtenförderung im dualen Ausbildungssystem legt den Schwerpunkt auf jene Auszubildenden, die nicht eine akademische Laufbahn einschlagen wollen, sondern ihre Interessen, Talente und Begabungen in einer Lehre verwirklichen. Nicht immer zeigt sich deren Potenzial in der Schule. „Praktische Intelligenz ist nicht notwendiger Maßen als Gegensatz zu kognitiver Intelligenz zu sehen, sondern es bedarf besonderer Lernumgebungen zur Entfaltung beider Formen“, betont Ramona Uhl, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich in ihrem Referat.

Sich „überdurchschnittlich begabten Berufslernenden“ zu widmen ist eine gesellschaftliche, notwendige und zukunftsorientierte Aufgabe. „Das Entdecken und Entwickeln von Potenzialen, das Hervorheben der Vielfalt von Begabungen, die Förderung an den beiden Ausbildungsorten der dualen Ausbildung - Betrieb und Berufsschule - sowie die intensive Auseinandersetzung mit dem „Talent der Hände“ ist eine zentrale Aufgabe unserer Gesellschaft“, so Uhl. Als nächste Schritte für Oberösterreich sieht Uhl die Forcierung der Kooperationen aller Beteiligten im dualen System, die Stärkung der Unternehmen, eine sichtbare Talenteförderung sowie die Fokussierung auf leistungsstarke Migrant/innen.

Duale Berufsausbildung als Vorzeige- oder Auslaufmodell?

Die Stärken der dualen Berufsbildung sowie die Herausforderungen des ungerechten Images und der abnehmenden Lehrlingszahlen behandelte Thomas Mayr, Geschäftsführer der ibw (Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft), in seinem Vortrag. „Aktuell entdeckt die ganze Welt die Lehrlingsausbildung für sich und Österreich dient dabei als Vorbild. Ich stelle mir aber die Frage: Unternehmen wir genug, um dieses System zukunftsfit zu machen?“, so Mayr.

Neben einem generellen „mangelnden Stärkebewusstsein“ in Bezug auf die Rolle der Unternehmen, den institutionellen Gegebenheiten (Wirtschaftskammern als Träger des Systems) und strukturellen Problemen (Schwächen in den Grundkompetenzen) gibt es laut Mayr auch Aufgaben+ die Oberösterreich noch stärker in Angriff nehmen muss: „Beispiele dafür sind unter anderem der Ausbau der Qualitäts- und Exzellenzinitiativen, die Stärkung der „höheren Berufsbildung“, wie die auf Lehrlingsausbildung aufbauende Weiterqualifizierungen oder auch alternative Wege zum Lehrabschluss.“

Treffsichere Berufswahl als entscheidender Faktor

Im abschließenden Resümee teilte Landtagspräsident Viktor Sigl die Meinung von Professorin Uhl, dass Jugendliche ihre Potentiale entdecken müssen: „Es ist unsere Aufgabe Jugendliche bei der Entwicklung ihrer Potentiale und Begabungen zu fördern sowie bei der Berufswahl zu unterstützen“, betonte Sigl. Erfolgreiche Maßnahmen sind neben der Berufsmesse auch die Einführung der Potentialanalyse, das Projekt „Wirtschaft und Schule“ sowie die JobCoaches. „Es sollte jedoch künftig nicht nur Kooperationen zwischen Schule und Wirtschaft sowie den weiterführenden Schulen geben. Es ist an der Zeit, dass Berufsschulen und Lehrwerkstätten verstärkt den Kontakt zu den 14-Jährigen suchen und die Chancen einer Lehre aufzeigen“, so Sigl.

Angebote für AHS-Maturanten

Als notwendig sieht Sigl auch die Entwicklung eines Angebotes für AHS-Maturanten, die sich für eine zusätzliche Fachausbildung interessieren, wie etwa verkürzte Lehrausbildungsmodelle. „Als Vorbild kann die duale Hochschule in Baden-Würtemberg herangezogen werden. Außerdem ist es ständig nötig, das Bildungssystem an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes anzupassen. Ein zentrales Thema wird dabei die traditionelle Trennung von Studium und Lehre sein – diese müssen wir rasch überwinden“, erklärte Sigl.
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