07.02.2018, 00:00 Uhr

Historikerin: "Wiener Neustadt hat rechte Tradition"

Die Historikerin Brigitte Bailer-Galanda über Wiener Neustadt, Burschenschaften und Nazis.

BEZIRKSBLÄTTER: Die Burschenschaft Germania und ihr Naziliederbuch. Wiener Neustadt ist in aller Munde. Wie rechts ist Wiener Neustadt wirklich?
Bailer-Galanda: "Im Vergleich war Oberösterreich vor einigen Jahren beispielsweise weit schlimmer. Dort gab es ein Problem mit neonazistischen Gruppen. Wiener Neustadt ist kein Hot-Spot, aber man darf schon von einer gewissen Tradition sprechen. Da gab es einen Militärpfarrer, der junge Leute am Militärgymnasium entsprechend beeinflusst hat. Er wurde abgesetzt. 2016 hat der heutige Bürgermeister-Stellvertreter bei einer FPÖ-Kundgebung die Identitären begrüßt. Dann gibt es noch Schmierereien bei einem Einkaufszentrum. Aber nichts Herausragendes im Großen und Ganzen."

Also hat Wiener Neustadt kein Nazi-Problem? Nicht mehr als alle anderen Bundesländer oder Bezirke?
"Leoben ist ein Hot-Spot der Burschenschafter-Szene. An der Montan-Uni steht der Ring Freiheitlicher Studenten höher im Kurs als an anderen Universitäten. In manchen Burschenschaften, wie zum Beispiel der Arminia Graz herrschte bis vor wenigen Jahren mangelnde Distanz gegenüber NS-Verbrechern, wie gegenüber Ernst Kaltenbrunner, verantwortlich für die Ermordung von rund 1,3 Millionen Juden. Die Germania Ried im Innkreis gedachte noch im Jahr 2000 SS-Offizier Friedrich Kranebitter. Er war unter anderem Chef der Gestapo in Wiener Neustadt. Es ist traurig, aber Wiener Neustadt ist da nichts Besonderes."

In der Germania Wiener Neustadt war auch ein SPÖ-Funktionär. Ausnahme oder die Regel? Sind Burschenschaften prinzipiell ein FPÖ-spezifisches Problem oder betrifft es auch andere Parteien?
"Ich würde sagen, Sozialdemokraten in Burschenschaften sind die Ausnahme. In wie weit in Wiener Neustadt bei dem SPÖ-Funktionär Opportunismus für seine Parteimitgliedschaft eine Rolle gespielt hat, kann ich nicht sagen. Prinzipiell ist es so, dass Burschenschaften deutsch-national und eng mit der FPÖ verwoben sind - schon seit Beginn der FPÖ und ihrer Vorgängerpartei VdU (Verband der Unabhängigen). Hier herrscht eine enge Beziehung. Die Bilder aus der Bude der Germania zu Wiener Neustadt zeigen ja auch die deutsche Flagge. Sie bekennen sich zu Deutschland, wie sich auch die FPÖ als Teil der deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft sieht. Die „Aula“, mit den Burschenschaften organisatorisch verbunden, ist rechtsextrem und antisemitisch. Hier liest man immer wieder auch Interviews mit H. C. Strache. Die FPÖ ist eng mit Burschenschaften verbunden und je nach Obmann ist der Einfluss mal größer, mal kleiner. Jörg Haider z.B. hat die Burschenschaften zugunsten seiner Buberlpartie zurückgedrängt. Derzeit spielen Burschenschafter wieder eine große Rolle. Sie sind die Personalreserve und intellektuelle Kaderschmiede der FPÖ. Sonst sind Intellektuelle in der FPÖ rar gesät. In der derzeitigen Regierung sitzen Burschenschafter und Frauen sind Mitglieder von Mädelschaften."

Wie gefährlich schätzen Sie die Germania ein?
"Es gibt mit Sicherheit weit schlimmere Burschenschaften. Ich denke da an die Olympia oder Teutonia. Bei der Teutonia las sich Anfang der 1990er Jahre die Liste der Mitglieder wie das VAPO-Who-is-Who. (VAPO: Volkstreue außerparlamentarische Opposition war eine militante österreichische, neonazistische Gruppe). Die Germania ist in der Reihe der Burschenschaften nichts Besonderes. Mit dem im Raum stehenden Verbot der Germania will man ein Exempel statuieren. Dazu soll es als Warnsignal für alle anderen Burschenschaften dienen."

Wie schätzen Sie die Aussage von Udo Landbauer, er habe nichts von der Strophe im Liederbuch gewusst, ein?
"Das nehme ich ihm nicht ab. Ich kann mir schwer vorstellen, dass er tatsächlich nichts gewusst hat. Denn es stellt sich schon die Frage, wie kam die Presse zu einem ungeschwärzten Exemplar, wenn doch alle angeblich seit langem geschwärzt waren?"

Neben Burschenschaften gibt es auch katholische Studentenverbindungen. Was ist der Unterschied?
"Der Grundlegendste ist, katholische Studentenverbindungen schlagen nicht. Sie sind Österreich-Patrioten, christlich-konservativ und haben im christlichen Widerstand gegen die Nazis gekämpft. Burschenschaften und Studentenverbindungen gilt es fein säuberlich zu trennen."

Sind Sie auch in Wiener Neustadt und Umgebung aktiv?
"Ich habe schon mit dem Verein Alltag zusammengearbeitet. Bin in Kontakt mit Michael Rosecker und Johann Stippel und kannte natürlich auch Karl Flanner. Ansonsten setze ich mich gemeinsam mit dem Mauthausen-Komitee für die Unter-Schutz-Stellung der Serbenhalle (Außenlager des KZ Mauthausen) ein. Sie ist architektonisch und auch geschichtlich ein rares Gebäude und unbedingt schützenswert. Ich hatte schon Experten der TU Wien hier. Auch sie waren fasziniert, aber bisher sträubt sich das Bundesdenkmalamt."
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