Experten-Interview
Wie Natur und Mensch von der Aufweitung der Großen Tulln profitieren
- Die Emmersdorfer Wehr hinter Martin Mühlbauer soll abgetragen werden. Und das (hier) rechte Ufer wird auf einen Kilometer Länge um 30 Meter verbreitert.
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Die Große Tulln soll renaturiert werden. Also in ihren ursprünglichen, natürlichen Zustand zurückversetzt werden. Ein Großprojekt, an dem die Stadtgemeinde Neulengbach schon lange tüftelt. Experte Martin Mühlbauer erklärt, was die Erweiterung bedeuten würde.
NEULENGBACH. Wir stehen an der Großen Tulln bei der Emmersdorfer Wehr. Ein Graureiher fliegt über unsere Köpfe hinweg. Ein Eisvogel zischt über die Wasseroberfläche. Ein Zeichen dafür, dass es hier noch Fische gibt, hält Martin Mühlbauer fest. Der Neulengbacher ist im Fischereiverband tätig und für Renaturierungsprojekte in NÖ zuständig.
- Die Große Tulln beginnt ab dem Zusammenfluss mit dem Anzbach.
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Die Große Tulln zählt zu den wärmsten Flüssen in Niederösterreich. Höchstwerte von über 30 Grad hat Mühlbauer diesen Juni gemessen – "ein deutlicher Beweis für den Klimawandel". Ein Anstieg von vier Grad bedeutet aber, dass der Lebensraum einer ganzen Fischregion kippt. Das heißt, der Bachforelle wird es zu warm und die Barbe rückt nach. Die kaltwasserliebende Äsche ist seit 30 Jahren überhaupt verschwunden.
Grundproblem: Regulierung
Schuld für das Artensterben hat neben dem Klimawandel die Regulierung der Flüsse. Vor rund hundert Jahren hat man begonnen, Gerinne in eingefasste Läufe zu zwängen – nach dem sogenannten "Florianiprinzip". Wie durch einen Schlauch fließt das Gewässer somit zügig durch ein Wohngebiet. Gefährlich wird es, wenn der Fluss über diese Grenzen steigt. Das jüngste Ergebnis: die Hochwasser-Katastrophe 2024.
- Auf rund vier Hektar Fläche kann sich die Große Tulln bald ausweiten.
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Durch die Regulierung der Großen Tulln stehen, statt schattenspendenden Bäumen, links und rechts nur noch Betonwände, die dem Fluss genau zehn Meter Platz lassen. Dadurch haben Fische keine Kiesbänke mehr zum Laichen, kein Totholz zum Verstecken und Fressfeinde leichtes Spiel. Ohne tief reichende Kalke und Furten gibt es auch keinen Wasseraustausch mehr. Letzteres wäre die natürliche Klimaanlage des Flusses. Denn parallel zum Fluss fließt unterirdisch ein Grundwasserstrom. Wenn warmes Flusswasser wieder im Schotter versickern und sich mit dem kühleren Grundwasser austauschen kann, kommt es zu keiner Überhitzung.
Natürlicher Hochwasserschutz
Neben der Ökologie steht bei dem geplanten Renaturierungsprojekt auch der Hochwasserschutz im Fokus. Denn gibt man den Flüssen außerhalb der Wohngebiete Fläche, können sie sich bei Hochwasser ausbreiten, ohne Schaden anzurichten. Damit entstehen grüne Auen, Laich- und Brutplätze für Tiere und ein Naherholungsgebiet für die Menschen. Koexistieren möglich, sofern jeder seinen Rückzugsbereich hat. Und der Hund etwa nicht direkt in die Kinderstuben der Fische springt.
- Bekommt der Fluss Platz, findet auch der Mensch ein Naherholungsgebiet vor.
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Die Emmersdorfer Wehr ist nicht erste, die abgetragen wird. Mittlerweile ist der Weg frei bis zur Donau. Und das hat positive Effekte auf die Fischwelt, wie Mühlbauer erklärt. Aus der Donau schwimmen Barben, Nasen, Lauben nach hundert Jahren aktuell wieder flussaufwärts, um in den Zuläufen zu laichen. Die Natur kann sich also erholen, wenn man sie lässt.
In vier Schritten zur Renaturierung
Martin Mühlbauer erklärt uns, wie man einen Fluss wieder in seinen natürlichen Zustand zurückversetzt. Dafür braucht es vier Zutaten:
- Einen wasserreichen Fluss – mit der Klimaerwärmung keine Selbstverständlichkeit mehr.
- Ein Gefälle, damit das Gewässer dynamisch fließen kann.
- Genug Fläche, auf der sich der Fluss ausbreiten kann.
- Schotter oder auch Geschiebe. Zur Info: In einem Fluss wird immer auch Kies mittransportiert. Dadurch entstehen etwa wertvolle Kiesbänke. Eine Talsperre würde das verhindern. Die gibt es in diesem Fall nicht.
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