23.04.2016, 00:00 Uhr

Suche nach dem Sinn des Reisens

Zwischen Mobilität und Verweigerung: Das Symposium „Denken im Eis“ lotete in Sölden Spannungsfelder aus, in denen sich moderne Reisende bewegen.
Ist das Reisen eine Kunst, die erlernt werden kann? Ist in einer beschleunigten Welt das reisen noch Muße, oder ist es von einer Kür zur Pflicht geworden? Und welche Bedeutung hat beim modernen Reisen überhaupt noch der Weg? Experten aus Tourismus, Kultur und Philosophie stellten sich Fragen wie diese beim Symposium „Denken im Eis“, das auf Einladung der Bergbahnen Sölden, Ötztal Tourismus und Conos GmbH vom 14. bis 16. April 2016 in Sölden stattfand. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa konnte und wollte sein Unbehagen angesichts des Settings in Söldens ice Q nicht verbergen. „Etwas stimmt hier nicht ganz“, so der Befund des Wissenschaftlers gleich zu Beginn seines Referats. Rosa ortet in dem mondänen Vortragsrahmen auf 3.050 Metern Seehöhe ein weiteres Indiz jener Desynchronisation, die er als zwangsläufige Konsequenz der Moderne ausmacht.

Horizonterweiterung kontra Klimaschutz

Barbara Bleisch vom Ethik-Zentrum der Universität Zürich skizzierte in ihrer „Kleinen Ethik des Reisens“ das typische Spannungsfeld heutiger Touristen. Reisen regt zum Denken an, erweitert den Horizont und relativiert die eigenen Positionen. Für Bleisch steht außer Frage: Die grundlegenden philosophischen Werte des Ortswechsels sind aber kaum noch gegeben.

Digitale Bildungsreise als Einbahn

Der ehemalige Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle hatte seinen Eröffnungsvortrag dem Thema „Schauriges und schönes Reisen: Umbrüche im Alpendiskurs“ gewidmet. Er beschrieb Bergbegeisterung als urbanes Phänomen. Sie habe ihren Ursprung in jener „Grand Tour“, die englische Adelige als Bildungsreise und finalen Schliff der zukünftigen Elite anlegten. Berechtigte Zweifel daran, dass diese Bildungsreise dereinst in virtueller Form gelingen könnte, hegt der Frankfurter Pädagoge und Philosoph Thomas Damberger. Er sieht in Augmented Reality eine Art Wiedergängerin jener bildschönen Olympia, um die E. T. A. Hoffmann seine Erzählung „Der Sandmann“ kreisen lässt: „einen seelenlosen Automaten, der zwar hohen Schauwert bietet, aber letztlich nur das eigene Wünschen und Begehren widerspiegelt.“
Auf die Bezüge zur Kunst kam Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder zu sprechen. „Dürer und Bruegel gingen über die Alpen. Die Meister brachten nach monatelangem Unterwegssein Bahnbrechendes in Bewegung. Die Kunstgeschichte wäre ohne diese Reisen anders verlaufen.“ Am Beginn der Literaturgeschichte stand eine der größten Reiseerzählungen überhaupt, die „Odyssee“, die von Schriftsteller Michael Köhlmeier im Ohrensessel bestechend knapp nacherzählt wurde. Philosoph Konrad Paul Liessmann schickte der Erzählung eine Analyse hinterher: „Alles, was uns forttreibt, ist zugleich Ausdruck einer unendlichen Sehnsucht bei uns selbst anzukommen.“

Hochkarätige Teilnehmer

Die Thematik des Reisens erörterten führende österreichischen Touristiker im Ötztal umfassend. Darunter Österreich-Werbung-Chefin Perta Stolber, Tirol-Werber Josef Margreiter, Sepiax-Geschäftsführer Bernhard Letzner, Silvretta-Montafon-Chef Peter Marko, Architekt Johann Obermoser, Hotelier Florian Werner sowie die Gastgeber Angelika Falkner, Direktorin Hotel Central Sölden, Bergbahnen Sölden-Geschäftsführer Jakob Falkner und Oliver Schwarz, Geschäftsführer Ötztal Tourismus. Weitere Infos unter www.soelden.com/denken-im-eis
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