10.05.2016, 12:30 Uhr

Die Sehnsucht nach dem Gegenüber

Und plötzlich ist sie abgelöst: Lara Brandi als Marilyn gemeinsam mit Samuel Maxted als Mann und Lore Pryszo als Frau in Young Soon Hues Tanzstück „Switch Complexion“. (Foto: TLT)

Von Christine Frei

Marie Stockhausen und Young Soon Hue begeistern in den Kammerspielen mit zwei wunderbar tiefgründigen Tanzstücken.

Vielleicht ist der Titel des Tanzabends wirklich ein wenig missverständlich. Denn anders als man vielleicht annehmen könnte, steht „Viel zu heiß“, jener Tanzabend, der am Samstag in den Kammerspielen in der Messe seine Uraufführung erlebte, für das, wovor sich Menschen gemeinhin besonders fürchten, nämlich sich einem Gegenüber so zu öffnen, dass er oder sie bis weit hinein ins Innerste sehen kann. Gleichwohl man sich vermutlich danach sehnt, endlich für das erkannt und geliebt zu werden, was man eigentlich ist oder zu sein glaubt, scheint das Risiko, das damit einhergeht, doch zu hoch.

Insofern verbirgt sich schon in Marilyn Monroes berühmtem Schmachtfetzen „I wanna be loved by you“ aus „Some like it hot“, mit dem Young Soon Hue ihre Choreographie „Switch Complexion“ eröffnet, die ganze Tragödie ihres scheinbar so glamourösen Daseins. Denn als Kunstfigur wird Marilyn Monroe gleichermaßen kultisch verehrt wie skrupellos missbraucht. Dabei wollte Norma Jeane Baker, die Frau hinter der Fassade, die uns Young Soon Hi ebenfalls zeigen wird, vermutlich einfach nur um ihrer selbst willen geliebt werden. Aber da sie sich selbst, wie sie einmal sagte, immer als ein Nichts empfand, war es vermutlich entsprechend schwierig bis unmöglich, diesem Gegenüber wirklich zu begegnen. So war und blieb sie bis zu ihrem tragischen Ende nur eine Projektionsfigur.

Der Lebensweg von Marie Stockhausens Hauptfigur “Hans im Glück“ in ihrem Stück „Geheimnis“ nimmt sich da trotz etlicher Irrungen und Wirrungen – nomen est omen – deutlich hoffnungsfroher aus. Er wird nicht nur sich selbst, sondern auch sein Gegenüber finden. So unterschiedlich die Geschichten letztlich angelegt sind, die Tür ist in beiden Stücken die bestimmende Metapher. Bei Stockhausen steht sie symbolhaft für die Qual der richtigen Wahl wie für das Prinzip Hoffnung. Denn selbst wenn hinter manchen Türen Dämonen lauern und sich zwei irgendwie verpassen, es tun sich immer wieder neue Türen und Optionen auf. Bei Young Soon Hue ist die Tür indessen Inbegriff für ein kurzes Aufblitzen und anschließendes Abtauchen ins Nichts.

Helfried Lauckner, Ausstattungsleiter des Großen Hauses, gelingt zudem das Kunststück, diese lang gezogene Ersatzbühne derart effektvoll zu reduzieren, dass man tatsächlich erstmals darauf vergisst, wo man sich gerade befindet. Auch in den Kostümen zieht sich zwischen den Entwürfen von Andrea Kuprian (Geheimnis) und Rosa Ana Chanza (Switch Complexion) ein stimmiger roter Faden: Beide setzen sie auf Schwarz als Leitfarbe und schneidern den TänzerInnen bildschöne Teile auf den Leib.

Marie Stockhausen gibt ihrer Tanzsprache dieses Mal viel Zeit und Raum für Begegnung und Interaktion, bei Young Soon Hue wechseln wiederum atemberaubende Powersequenzen mit radikal genauer Illustration. Wenn etwa der Mann, den Marilyn liebt, über ihren Kopf hinweg bereits eine andere küsst, bleibt einem nur noch der Mund offen. Großartig bei beiden auch die Musikauswahl zu den einzelnen Szenen.

Mit „Viel zu heiß“ ist Enrique Gasa Valgas formidabler Tanzcompany jedenfalls bis dato eine der eindrücklichsten und gleichzeitig poetischsten Produktionen auf dieser Übergangsbühne gelungen. Es war ein einziges Vergnügen, diesen hoch motivierten TänzerInnen zuzusehen.
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