05.10.2016, 10:31 Uhr

Spiel und Wirklichkeit

Der Autor und seine Figur, die Moderatorin, gespielt von Therese Hofmann und Luka Oberhammer. (Foto: Christoph Tauber)

Das Westbahntheater wagt sich an einen der faszinierendsten Theatertexte der letzten Jahre. – Eine Theaterkritik von CHRISTINE FREI

INNSBRUCK. Keine Frage, dieser Saisonauftakt forderte wieder mal Durchhaltevermögen. Allein vier Premieren standen letzte Woche am Plan. Und gäbe es einen Preis für die gelungenste Eröffnungsproduktion, so müsste man ihn zweifelsohne dem Westbahntheater verleihen. Denn „Einige Nachrichten an das All“, das zweite Stück von Wolfram Lotz, diesem viel gelobten neuen Stern am Theaterhimmel, der 2015 zum Dramatiker des Jahres gewählt wurde, lässt einen endlich mal wieder staunend und sinnierend nach Hause gehen.


Parallele zu Beckett

Natürlich ist es nicht das erste Mal, dass ein Autor im Theater über das Wesen und die Wirkkraft des Theaters räsoniert, aber die poetische und existenzielle Radikalität, mit der Lotz seine Figuren über seine Vorgaben und Zuschreibungen nachdenken und sich daran reiben lässt, erinnert einen unwillkürlich an Beckett. Und weist doch gleichzeitig weit darüber hinaus. Denn Lotz setzt seinen Figuren bis dahin unbekannte Sehnsüchte ins Gemüt, plötzlich wünschen sich Purl und Lum, dieses unbeholfene Männerpaar, ein Kind. Und er wird sie genau daran scheitern und verzweifeln lassen. Im Text ist nun mal kein Kind für die beiden vorgesehen.


Essenz des Lebens

Auch das Setting einer Show als Metapher für die Verfasstheit unseres gegenwärtigen Daseins ist alles andere als neu. Doch bei Lotz wird die Moderatorin zur Leiterin des Fortganges, die insbesondere darüber zu wachen hat, dass nur ja keine Leere aufkommt. Die Gäste der Show – in Torsten Schillings Inszenierung sind dies eine dicke Frau, H.C. Straches Bruder, Kleist und der russische Anarchist Bakunin – sollen nämlich über eine spezielle Übertragungsmaschine die Essenz ihres Lebens in einem Wort verpackt ins All hinausschicken. Was erwartungsgemäß nur Gebrabbel hervorbringen wird. Dazwischen lässt Schilling den Autor und dessen Mutter mittels Overheadfolien über Tod und Wahrheit philosophieren. Ein alleinerziehender Vater erzählt vom Unfalltod seiner Tochter Hilda, die ihm später wieder gegeben wird. Und gleich zu Beginn singen die Kinder einer Krebsstation in Hirtenspielmanier Weihnachtslieder. Weil die Hoffnung stirbt ja bekanntlich immer zuletzt. Und in all das mischen sich Augenblicke, Momente, vielleicht sogar eines möglichen Glücks.


Mit Magie

Gleichwohl man für diesen Text – Lotz spart nicht mit Regieanweisungen – eine ganze Klaviatur an Bühnentechnik auffahren könnte, hat Torsten Schilling ihn überaus raffiniert verdichtet und sich dabei ganz auf seine Magie verlassen. Das Ergebnis ist ein wundersam anderer Theaterabend, wie man ihn sich nur wünschen kann. In herrlich trashiger Siebzigerjahreoptik (Veronika Stemberger) und mit dem bewährten Westbahn-Ensemble, das dieses Mal von Phillipp Rudig, Elmar Drexel und Luka Oberhammer als Gästen kongenial verstärkt wird.
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