18.04.2016, 16:32 Uhr

Über Macht und Wahnsinn

Gerhard Kasal zieht als Randle McMurphy alle Register seines schauspielerischen Könnens: (Foto: TLT)

Das Schauspielensemble des TLT zeigt sich bei „Einer flog über das Kuckucksnest“ in darstellerischer Höchstform. VON CHRISTINE FREI

Als Miloš Formans Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ken Kesey „Einer flog über das Kuckucksnest“ 1975 ins Kino kam, war die Antipsychiatrie-Bewegung bereits auf ihrem Höhepunkt. Nur vier Jahre davor hatte schon Stanley Kubrick in seinem Kultschocker „Uhrwerk Orange“ die Praktiken von Elektroschocks und insbesondere der Lobotomie (eine neurochirurgische Operation, bei der die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Frontallappen durchtrennt werden) bilderreich angeprangert. Dass die Elektrokrampftherapie von der Bundesärztekammer erst jüngst wieder rehabilitiert wurde, wie man im höchst informativen Programmheft zum eben im Großen Haus mit begeistertem Applaus aufgeführten Theaterstück nachlesen kann, (ohne dass so wirklich wissenschaftlich klar wäre, worauf die Besserungseffekte denn nun wirklich gründen), lässt einen freilich doch etwas nachdenklich werden.

Selbst das Grundthema von Buch, Stück und Film – nämlich Gewalt und Machtmissbrauch in Anstalten und Pflegeheimen – hat leider so gar nichts von seiner erschreckenden Aktualität eingebüßt. Insofern hat mich die historisierende und sich visuell wie schauspielerisch sehr an den Film anlehnende Inszenierung von Alexander Schilling doch ein wenig irritiert. Natürlich macht diese von Julia Scholz konzipierte einerseits grindige und andererseits übermächtige Anstalt optisch ordentlich was her, aber mit der etwas intensiv genutzten Drehbühne, wird ein Stück weit auch das, was Text und Subtext eigentlich verhandeln, ständig nach hinten oder zur Seite geschoben. Dafür drängen sich immer wieder Erinnerungsfetzen nach vorne, was wenig verwundert. Denn selbst die Pflegerkostüme wie auch Randles Outfit in Kappe und Lässiglook zitieren den fünffach oscargekrönten Film.

Gerhard Kasal und Ulrike Lasta lassen sich davon in ihrer eigenen Performance glücklicherweise wenig bis gar nicht beeindrucken. Gerhard Kasal ist die Figur des charmant renitenten Randle McMurphy ohnehin auf den Leib geschrieben. Und Ulrike Lasta versteht es brillant, die wahren Motive der von ihr verkörperten Schwester Ratched vor Randle und Publikum sehr lange völlig unaufgeregt und gleichzeitig hochmanipulativ hintanzuhalten. Doch auch alle übrigen Akteur/innen – ob nun Insassen, Personal oder die zwei Besucherinnen von draußen - bieten sowohl im Zusammenspiel wie ein jeder für sich selbst perfekte kleine Studien ihrer jeweiligen Verfasstheit. Darin liegt letztlich die ganz große Stärke dieses Theaterabends: man ist von einer jeden Figur auf der Bühne wie gebannt, möchte mehr von ihr erfahren, freut sich wie ein Kind, wenn sie plötzlich durch Randle angeleitet, wieder so etwas wie Lebendigkeit und eine Ahnung von Freiheit erleben. Allein für die Szene, in der sich der vermeintlich ‚ verrückte’ Trupp vor dem ausgeschalteten Fernseher das Meisterschaftsspiel ansieht und dieses lautstark kommentiert, sollte man schon in dieses Stück gehen. Solche Anflüge von fantasievollem Widerstand würde man sich in unserer überängstlichen Zeit häufiger mal wünschen.
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