17.08.2016, 14:46 Uhr

Gestalten, bewegen, verändern - eine Studie zeigt, was Frauen als Bürgermeisterinnen leisten

Bürgermeisterinnentreffen der österreichischen Bürgermeisterinnen (gekommen sind 47) hier im „Güthaus“ (Kulturzelt Kunstigel) in Wald im Pinzgau mit Gemeindebundpräsident Helmut Mödlhammer (rechts) und dem Obmann des Salzburger Gemeindeverbandes Günther Mitterer (Mitte) (Foto: Schweinöster)

Einen geringfügigen Anstieg haben die jüngsten Kommunalwahlen bei den Bürgermeisterinnen in Tirol gebracht. Allerdings liegt das Land noch immer hinter dem Bundesschnitt zurück.

TIROL/BEZIRK. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist weiblich, trotzdem stehen im Bundesschnitt nur in 7 % der Gemeinden Bürgermeisterinnen an der politischen Spitze, in Tirol sind es, trotz des Anstieg von 11 auf 16 Bürgermeisterinnen von 2015 auf 2016, nur 5,7 %. In Salzburg und dem Burgenland sind die Chefetagen in der Gemeindepolitik noch dünner mit Frauen bestückt - und in Wien, aber in der Bundeshauptstadt gibt es eben auch nur einen "Ortschef". Österreich hat jedenfalls nur 146 Bürgermeisterinnen und stolze 2.100 Gemeinden.
Der Bezirk Kitzbühel hat 2 Frauen an der Spitze, Annemarie Plieseis in Westendorf und Brigitte Lackner in St. Ulrich.

Heuer wurde vom Österreichischen Gemeindebund zum ersten Mal eine sehr detaillierte Befragung aller Bürgermeisterinnen gemacht.

Familie und Beruf machen den Weg an die Spitze kompliziert

Die Gründe für den geringen Frauenanteil in Österreichs Gemeindeämtern sind vielfältig. "Die schlechte Vereinbarkeit von Zivilberuf, politischem Amt und Familie ist sicherlich ein wesentlicher Faktor", glaubt Sonja Ottenbacher, langjährige Ortschefin von Stuhlfelden (Sbg). "Das Bürgermeisteramt ist sehr zeitaufwändig, viele Sitzungen und Termine finden am Abend oder am Wochenende statt. Das ist für Frauen ein großes Problem, weshalb sie diese Form der politischen Karriere oft gar nicht in Betracht ziehen."

Hoher Bildungsgrad, kaum junge Frauen im Amt

Es gibt kaum Bürgermeisterinnen unter 40 Jahren in Österreich. Gerade einmal vier Prozent fallen in diese Altersstufe. Den mit Abstand größten Anteil stellen Frauen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren.
Frauen, so können diese Zahlen interpretiert werden, haben erst die zeitlichen und strukturellen Kapazitäten für politisches Engagement in diesem Ausmaß, wenn die familiären Verpflichtungen nicht mehr im Vordergrund stehen, wenn also die Kinder aus dem Haus sind.
Ebenso auffällig ist der tendenziell hohe Bildungsgrad von Frauen in dieser Funktion. Exakt 50 Prozent haben Matura oder einen Hochschulabschluss, nur zwei Prozent haben die Pflichtschule als höchsten Schulabschluss angegeben. Ein großer Anteil der Bürgermeisterinnen ist verheiratet (81 %), elf Prozent sind geschieden, zwei Prozent verpartnert.

Hoher Zeitaufwand und geteilte Familienarbeit

Der Zeitaufwand, der für die Ausübung des Amts erforderlich ist, ist bei Frauen offensichtlich besonders hoch. Das zeigt sich auch daran, dass 46 % der Bürgermeisterinnen ihr Amt hauptberuflich ausüben. "Bei Männern ist das anders", weiß Gemeindebund-Präsident Helmut Mödlhammer. "Hier gehen wir davon aus, dass 70 bis 80 Prozent einen zivilen Beruf haben und das Bürgermeisteramt zusätzlich dazu ausüben." In der Detailanalyse lässt sich erkennen: 76 % der weiblichen Bürgermeister wenden mehr als 30 Stunde pro Woche für ihre politische Arbeit auf. Mit einem klassischen Familienleben ist das schwer zu vereinbaren.

Kritik an fehlender sozialer Absicherung

Ein großer Kritikpunkt ist seit Jahren die mangelhafte soziale Absicherung von Bürgermeisterinnen. 71 % bewerten diesen Bereich als "wenig" oder "gar nicht" zufriedenstellend. "Das ist ein Alarmsignal, weil es sicher auch dazu beiträgt, dass sich nicht genügend Frauen für dieses Amt interessieren oder es anstreben", sagt Mödlhammer. "Es ist zwar in den letzten Jahren in den meisten Bundesländern bei den Gehältern etwas getan worden. Das kann man auch quantitativ festmachen, denn 69 % sind mit der Bezahlung zufrieden. Aber die Absicherung nach einem Amtsverlust ist nicht existent. Von Regelungen in einer Arbeitslosigkeit oder in der Pension ganz zu schweigen. Viele Frauen geben ihren zivilen Beruf teilweise oder völlig auf, um als Bürgermeisterin tätig zu sein. Wir müssen hier minimale Instrumente der sozialen Absicherung schaffen, sonst wird sich das künftig niemand mehr antun." Dazu passt, dass 49 % der Frauen nicht im Detail wussten, was da auf sie zukommt, als sie die Funktion übernommen haben.

Hoher Gestaltungswillen, kaum Anfeindungen

Am Gestaltungswillen mangelt es den Frauen jedenfalls nicht. Dieser Begriff wurde am häufigsten genannt, als die Motive für die Kandidatur abgefragt wurden. Gestalten, Bewegen, Veränderung. Aber auch Zufall, Herausforderung und Karriereschritt waren häufig genannte Gründe. Mit Anfeindungen bei Amtsantritt hatten die wenigsten Frauen zu kämpfen, und wenn, dann reduzierten sich diese Anfeindungen rasch von selbst.

In einem freien Textfeld der Befragung konnten die Bürgermeisterinnen die größten Hindernisse und Ärgernisse benennen. "Bürokratie, Gesetzesflut und Überregulierung wurden hier am öftesten genannt", berichtet Mödlhammer. "Das entspricht übrigens auch der Gefühlslage aller Bürgermeister/innen. Der Staat reguliert sich selbst zu Tode, dafür hat kein Mensch mehr Verständnis. Und wir in den Gemeinden müssen das vollziehen und kassieren dafür noch den Ärger der Bürger/innen." Danach kommen schon wichtige persönliche Erfahrungen. "Zeitknappheit, Parteipolitik, fehlender respektvoller Umgang und mangelnde Verantwortung der Politik belasten die Kolleginnen sehr", weiß Ottenbacher.
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