16.03.2016, 08:00 Uhr

Alpbacher Baustil – das Leben war der Baumeister

Die Form der Häuser und Höfe erzählt bis heute, auf welche wirtschaftliche Eckpfeiler die jeweiligen Familien ihr Leben stellten. (Foto: Grießenböck)

Alpbach ist nicht nur ein charmantes Bergdorf, es ist auch das schönste Dorf Österreichs. Der Grund für die hohe Auszeichnung ist der einzigartige Baustil. Jeder Hof ist ein absolutes Unikat. Ein Blick hinter die urigen Häuserfassaden zeigt, dass der Arbeitsalltag die Rolle des Architekten übernahm.

ALPBACH. Wer das malerische Dorf Alpbach besucht, dem fallen sofort die schönen Holzhäuser auf, die das Landschaftsbild nachhaltig prägen. Alle Gebäude definieren sich durch die klassischen Merkmale des Alpinen Baustils. Gebaut wird nur im traditionellen Stil. Und da kennt der charmante Bergort kein Pardon.

Strikte Bauvorschriften

Bei allen Häusern in Alpbach darf lediglich das Parterre aus Mauerwerk gebaut sein, ab dem ersten Stock bestehen alle Häuser aus Holz. Dennoch gibt es nicht den typischen Alpbachtaler Hof. Jedes Haus ist ein Unikat, weil jede Generation ihren Hof den speziellen Anforderungen gemäß ausbaute.
Ein Experte auf diesem Gebiet ist Dr. Thomas Bertagnolli, der wissenschalftliche Leiter des Museum Tiroler Bauernhöfe. Er gibt uns Einblicke in die bäuerliche Wohnkultur von damals, die heute noch in manchen Höfen zu finden ist. Das Leben hat sich verändert, die Häuser sind geblieben. Leben hieß überleben. Es blieb nicht viel Zeit, um über die Ästhetik von Architektur zu diskutieren. Praktisch musste es sein.

Der Arbeitsalltag prägte die Häuser

Der sachliche Nutzen stand im Vordergrund. Dies kann man auch sehr gut an der Raumhöhe der Stuben und an den meist kleinen Fenstern erkennen. Hohe Räume sind bekanntlich schwer zu heizen. Und da man vor mehr als 400 Jahren nicht einfach den Heizkörper aufdrehen konnte, hat man die Räume so niedrig wie möglich gebaut, um Brennstoff zu sparen, denn es kostete viel Mühe und Zeit, das Brennholz für einen langen Winter zu bereiten.
„Betrachten wir die schmalen Balkone, um tiefer in die historischen Gegebenheiten einzudringen. Früher dienten diese Anbauten dem Trocknen von Wäsche und Kräutern. Der Weg zum rückseitig angelegten Plumpsklo (WC) führte ebenfalls über den Balkon. Aus damaliger Sicht gab es keinen Grund, einen Balkon breiter anzulegen, denn niemand fand die Zeit, mal ein paar Stunden gemütlich in der Sonne zu relaxen“, so Thomas Bergtagnolli. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, aber bis zu 20 Menschen mussten in den Gebäuden Platz finden. Dem Bauern und seiner Familie stand am meisten Raum zu. Die Knechte, Mägde und das liebe Vieh mussten jeden Quadratzentimeter optimal nutzen. Verglichen damit, haben die Familien heute sehr viel Platz in ihren Höfen.

Auf den Pfaden der Vergangenheit im Höfemuseum

„Die Form der Häuser erzählt bis heute, auf welche wirtschaftlichen Eckpfeiler die jeweiligen Familien ihr Leben stellten“, erzählt Bertagnolli. Die Fassade des über 400 Jahre alten Oberthaler Hofes zieren zum Beispiel alte Schutzsymbole. Eines stellt eine Axt dar und weist somit darauf hin, dass die Holzarbeit für die betreffende Familie große Bedeutung hatte. Bei manchen Höfen fällt auf, dass die Stallungen in Relation zu den Wirtschaftsgebäuden sehr groß sind, was auf intensivere Viehzucht schließen lässt. Die wunderschönen alten Häuser erzählen somit viel von der Geschichte der Besitzer.
Die Bauernhöfe in Alpbach kann man großteils nur von außen betrachten. Das „Museum Tiroler Bauernhöfe“ bietet hingegen Einblicke in das Innenleben historischer Gebäude aus dieser Zeit. Wer sich auf die Pfade der Vergangenheit begeben will, der sollte dem alten Tirol einen Besuch abstatten. Das Museum ist von Palmsonntag bis 31. Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.