23.06.2016, 10:32 Uhr

"Attraktivität des Tourismus als Arbeitgeber" – Euregio Inntal bot Workshop

Mario Situm hat fünf Gründe für Fachkräftemangel im Tourismus ausgemacht.

Touristiker klagen über Fachkräftemangel, Euregio holte Bayern und Tiroler für gemeinsame Maßnahmen an einen Tisch.

BEZIRK KUFSTEIN (nos). "Besonders anregend", fand die Geschäftsführerin des Leader-Vereins KUUSK, Melanie Steinbacher, den gemeinsamen Weg zur regionalen Entwicklung, der mit dem Workshop am 21. Juni in der Fachhochschule Kufstein Tirol eingeschlagen wurde. Sie war, ebenso wie etwa Hansjörg Steinlechner (AMS Kufstein), Manfred Hautz (Leitenhof, TVB Wilder Kaiser, WK), Stefan Pühringer (GF TVB Kufsteinerland), Florian Hähle (Agentur für Arbeit, Rosenheim) oder Georg Kaltschmid (Walchseerhof, TVB Kaiserwinkl), als Teilnehmerin bei der "Ideenwerkstatt" vor Ort.

Geladen wurden die insgesamt rund 15 Teilnehmer von der "Euregio Inntal – Chiemsee – Kaisergebirge – Mangfalltal", deren Präsident Hubert Wildgruber (Bgm Oberaudorf) und Geschäftsführerin Esther Jennings ebenso interessiert die Diskussionen verfolgten.
Die Leiter des Workshops, Mario Situm, Professor für Unternehmensrestrukturierung an der FH Kufstein, und Stefan Märk, Betriebswissenschafter an der FH Salzburg, haben sich als Berater und Trainer in den vergangenen Jahren stark mit der Struktur des Tourismus in Tirol beschäftigt und gaben der "tollen Expertenrunde" anhand einiger Grundfragestellungen die Diskussionsrichtung vor. Wie soll Ausbildung in Tourismusberufen künftig gestaltet werden? Wie kann man "Sprachbarrieren" zwischen Unternehmern, Mitarbeitern und Gästen ausgleichen? Warum gibt es keine Lösung für das Problem Fachkräftemangel?
Eine Befragung der Gewerkschaft "vida" unter Arbeitnehmern, die im Tourismussektor aktiv sind, ergab laut Situm, dass 48 Prozent von ihnen nicht noch einmal in dieser Sparte arbeiten würden. Der Handlungsbedarf ist klar.
Der Workshop dient als Vorbereitung und Basis für ein Projekt, das im Frühjahr 2017 starten soll.

Handwerkszeug bekommen

In einer kurzen Vorstellungsrunde schilderten die Anwesenden ihre Erfahrungen. "Sehr viele Berührungspunkte", sieht Kufsteins AMS-Chef Steinlechner in der Thematik, "wir haben überall Bedarf – bei Köchen, Kellnern, Zimmermädchen." Von Seiten des Arbeitsmarktservice versuche man den Wünschen und Nöten der heimischen Gastronomen entgegenzukommen, sein Rosenheimer Kollege Florian Hähle sprach von einem "alten Hut", das Problem sei seit gut zehn Jahren bekannt, aber "die Situation spitzt sich immer wieder zu".
Christina Pfaffinger, Geschäftsleiterin des "Chiemsee-Alpenland Tourismusverband", bemerkt "eine starke Akademisierung" in Tourismusberufen, was es gleichzeitig schwieriger mache, Stellen für Zimmermädchen, Abwäscher oder Kellner zu besetzen. Diese Schwierigkeiten musste jüngst auch Georg Kaltschmid im eigenen Betrieb erleben, wie er erzählte. Da er für sein Alá-Carte-Restaurant keinen zweiten Kellner finden konnte, musste er schließlich den Mittagstisch einstellen und deshalb einen seiner Köche entlassen.
Die beiden Workshop-Leiter erklärten das Ziel des Nachmittags:
"Hier geht es darum, konkret etwas auszuarbeiten und anschließend ein Instrumentatium in die Hand zu bekommen!"

Trends, Attraktivität, Divergenzen und Konvergenzen sollen erkannt, Lösungen und Maßnahmen gefunden sowie eine "effiziente Strategie entwickelt" werden.

"Berliner Dialekt ist unser kleinstes Problem"

Euregio-GFin Jennings freute sich über die "sehr wertvolle" Kooperationsmöglichkeit mit den Fachhochschulen Salzburg und Kufstein. Märk ist bewusst, dass universitäre Projekte oft am Ziel vorbeigehen: "Leute von Unis und FHs kommen, machen eine Befragung und gehen wieder. Deshalb wollen wir mit einer großen Gruppe der Komplexität der Sache Herr werden."

Ein Problem sehen sowohl Kaltschmid als auch Hautz in der Attraktivität des Freizeitangebots für Mitarbeiter. Kaltschmid etwa musste feststellen: "Bei uns in Walchsee gibt es keine Bar, keine Möglichkeit abends Freizeit zu gestalten, das ist unattraktiv" für Saisonniers. Im TVB Wilder Kaiser, so Hautz, werde aktuell an einem Paket gearbeitet, das Mitarbeitern Vergünstigungen bieten soll, etwa beim Eintritt zum Kaiserbad, den Bergbahnen oder am Golfplatz. Solche Anreize seien dringend nötig, denn "wir können nicht so viel bezahlen, wie ein Betrieb in Ischgl", obwohl man "ohnehin weit über Kollektivvertrag" bezahle.
"In Ischgl und Lech wird massiv überbezahlt!"

Das Salär regle oft auch die Loyalität zum Betrieb, besonders bei Saisonkräften aus anderen Ländern: "Die kommen, arbeiten gut und tüchtig, und fahren dann wieder nach Hause. Da geht's nur um's Geld. Wenn da ein Oberländer Betrieb 50 Euro mehr pro Monat bietet, sind sie weg", weiß Hautz aus Erfahrung. Dennoch seien auswärtige Saisonniers dringend notwendig, um die Betriebe am Laufen zu halten: "Unser kleinstes Problem ist, wenn ein Mitarbeiter in Lederhosen Berliner Dialekt spricht. Wenn Betriebe zusperren müssen, weil sie keine Mitarbeiter finden, dann ist das ein viel größeres Problem!"
Um einheimisches (Fach-)Personal besser einzusetzen, stellte Kaltschmid die Option eines "Mitarbeiter-Sharings" in den Raum. So könnten aus zwei Halbtags-Stellen eine ganze in zwei Betrieben gemacht werden.

Die Touristiker machten neben der Attraktivierung von Arbeitsplätzen noch ein weiters Problemfeld aus: "Die Anfeindung von Touristen durch Einheimische".
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