01.05.2016, 06:47 Uhr

Wie ein Vogel im Flug

Schon früh im Leben habe ich gemerkt, dass Schreiben auch sehr befreiend wirken kann. fühlt man sich bedrängt und formuliert diese Gedanken auf Papier, so sind sie irgendwie ein bisserl weg, vielleicht auch geteilt und kleiner gemacht. durchs Nachdenken während der Formulierung wird dir auch so manches klar oder klarer.
Mamas Diagnose hat sie getroffen wie ein Vogel, der im Flug abgeschossen oder gefangen wird. Völlig unvorbereitet. Für uns alle völlig unvorbereitet und wie aus dem Nichts gekommen.
Noch wenige Tage vorher meinte sie: "Ich bin so froh, dass ich so gesund bin." Ganz schnell hat sich diese Dankbarkeit in eine große Sorge verwandelt.
Nun viele Therapien und einen nach wie vor ungewissen Ausgang später ein kurzes Zwischenresume. Viele Tränen sind geflossen. In den nun fast 60 Jahren Ehe haben wir Papa nie weinen gesehen. doch nun ist es passiert und wie hat es ihm und uns allen gut getan! Wir haben über Dinge gesprochen, die bisher irgendwie Tabu waren. Papa und Mama sind nicht nur einmal Hand in Hand eingeschlafen. Verliebt und voller Sorgen um das Wohlergehen beider. Mamas Gebete sind gekennzeichnet von Traurigkeit und der Frage nach dem Warum. Doch zugleich ist da eine große Zuversicht, dass alles gut wird. Oder auch seine rechte Ordnung hat, dass letztlich alles gut wird. Ungeachtet dessen was immer das in der Realität bedeutet.

Nicht nur einmal ist sie in Papas Händen zusammengebrochen. Vor ein paar Tagen war sie dabei allerdings alleine und Papa konnte nicht helfen. Es passierte im Krankenhaus. Dabei brach der Oberschenkel Hals. Genau das paßte zur Gesamtsituation dazu. Und wieder die Frage nach dem Warum. Körper und Geist waren schon schwach. Der Begriff Familie wird gefordert mehr als ein bloßes Wort zu sein. Meine Brüder entwickeln ungeahnte Fähigkeiten der Zuneigung und von Liebesbeweisen. Mama meint: "Wie soll es weitergehen?" Nach Tagen kann sie doch wieder alleine aus dem Bett heraus. Dankbarkeit sieht sie in Dingen, die im "normalen" Leben selbstverständlich sind. Wieder alleine auf die Toilette gehen zu können rührt das Herz.
Mamas und Papas Beziehung bekommt nach 60 Jahren eine neue Dimension. Eine Leben lang haben sie uns und sich gestützt, getragen und geliebt. So blöd es klingt. Irgendwie schaut es nun wie nach einer Krönung dieser Beziehung aus. In Trauer und Sorge, ist jeder noch so kleine Fortschritt eine Riesenfreude und Ausblick auf das Licht am Horizont.

Und nichts ist mehr selbstverständlich. So unendlich traurig und doch irgendwie wunderschön.
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Marie O. aus Graz | 04.07.2016 | 23:29   Melden
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