08.09.2018, 00:00 Uhr

Sozialmarkt Wien: Zehn Jahre Kampf gegen die Armut

Sozialmarktgründer Alexander Schiel im Sozialmarkt Ottakring, der seit 2016 auf 300 m2 alles bietet, was man zum täglichen Leben braucht

Vor zehn Jahren gründete Alexander Schiel den ersten Sozialmarkt Wiens. Sein Ziel: Die Armut zu bekämpfen und nach ein paar Jahren zusperren zu können. Doch inzwischen sind die Sozialmärkte in Wien nötiger als zuvor.

FAVORITEN. "Ich habe von Anbeginn an gehofft, dass wir eines Tages wieder zusperren können", erinnert sich Alexander Schiel an 2008. Damals eröffnete er Wiens ersten Sozialmarkt im Favoritner Triesterviertel. Seine Hoffnung war, dass die Armut abnimmt.

"Der Traum ist verflogen und es werden noch einige Jubiläen kommen müssen, um den Menschen zu helfen", zieht der Favoritner Bilanz. "Alleine in Wien gibt es rund 200.000 Mindestsicherungsbezieher", rechnet er vor. Seine drei Sozialmärkte in Favoriten, Ottakring und der Donaustadt bieten 45.000 Menschen einen äußerst günstigen Zugang zu Waren des täglichen Bedarfs. 

Einkaufen können hier alle Studierenden und Menschen mit einem Nettoeinkommen bis 1.104 Euro monatlich, plus 150 Euro für jedes Kind.

Markenware im Sozialmarkt

Entstanden ist die Idee zum Sozialmarkt Wien nach Kärntner Vorbild, wo Alexander Schiel erstmals mit Sozialmärkten in Berührung kam. Ihm war von Anfang an klar, dass er nur mit gespendeten Waren alleine die gesamte Produktpalette, die man für den täglichen Bedarf braucht, nicht abdecken kann.

Also wird der Großteil der Produkte direkt von den Produzenten zu stark ermäßigten Preisen eingekauft. Angeboten wird sie dann um rund ein Drittel der Diskonterpreise, rechnet Schiel vor.

So findet sich in den Sozialmärkten auch Markenware, allerdings gibt es keine abgelaufenen Lebensmittel. Der 39-Jährige holt täglich das frische Brot und verteilt es auf die drei Standorte.

Eigenes Erspartes investiert

"Da muss man mit ganzem Herzen und Engagement dabei sein, das ist Beruf und Berufung", so der ehemalige EDV-Profi. In seinen ersten Markt hat er 30.000 Euro seiner Ersparnisse investiert. Heute werden von den Verkaufserlösen aller drei Märkte 17.000 Euro Fixkosten für Mieten, Strom und Gas sowie den Einkauf abgedeckt.

Alle Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins arbeiten ehrenamtlich. Auch auf Förderungen verzichtet Schiel.

Die Bilanz von "Sozialmarkt Wien" kann sich sehen lassen: Seit 2008 wurden 9.000 Tonnen Waren des täglichen Bedarfs an sozial Bedürftige verschenkt oder günstig verkauft und 650.000 ehrenamtliche Stunden an den drei Standorten geleistet. Geöffnet sind die drei Märkte Montag bis Freitag (werktags) von 10 bis 14.30 Uhr.

Wissenswertes  Detail

 Welche Marken im Sozialmarkt Wien vertreten sind: Coca-Cola, Jomo, Kotányi, Manner, L’Oréal, Mautner Markhof, Maresi, Nivea, Nestlé, H&M, Procter & Gamble, Der Mann, Unilever, Teekanne, Wiesbauer, Axe, Alvorada, Kelly’s, Inzersdorfer, dm Drogeriemarkt, Napoli, NÖM, Spak, Beiersdorf, Wolf Nudeln, GW Cosmetics oder Felix, die Alexander Schiel zu stark ermäßigten Preisen einkaufen kann.

Der von ihm gegründete gemeinnützige Verein kommt ganz ohne Förderungen der öffentlichen Hand aus.  Alle Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich, auch frühere Straftäter können hier ihre Sozialstunden im Zuge ihrer Resozialisierung leisten.

Adressen des Sozialmarkt Wiens

• Sozialmarkt Favoriten, Braunspergengasse 30, 1100 Wien
• Sozialmarkt Ottakring, Wilhelminenstraße 22, 1160 Wien
• Sozialmarkt Donaustadt, Ullreichgasse 12, 1220 Wien

10 Jahre VinziMarkt

Auch Wiens einziger VinziMarkt, der vor sieben Jahren vom 6. Bezirk in die Simmeringer Hauffgasse 4A übersiedelt ist, feiert zehnten Geburtstag. Marktleiterin Angelika Proksch: "Der Bedarf ist eigentlich von Anfang an etwa gleich geblieben. Wir haben 300 bis 400 Kunden, die jede Woche bei uns einkaufen und rund 2.000 aktive Berechtigungskarten."

Das hier geltende Einkaufslimit von 30 Euro pro Woche sei "ein Richtwert", wie sie sagt. Berechtigungskarten können Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr direkt im Markt ausgestellt werden. Dafür benötigt man einen Einkommensnachweis, Meldezettel und Lichtbildausweis.

Wer einkaufen darf

Für Alleinstehende gibt es eine Einkommensgrenze von 950 Euro, für Paare 1.250 Euro, pro Kind kommen 150 Euro dazu. Verkauft werden in dem 130 Quadratmeter großen Geschäft ausschließlich gespendete Produkte, die bald ablaufen oder aus Überproduktion stammen. Verrechnet werden maximal ein Drittel des Normalpreises.

"Wir dürfen auch gar nichts zukaufen", erklärt die Marktleiterin. Deshalb seien Waren-Spenden und Spender auch so wichtig und jederzeit willkommen.

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 13 Uhr, Samstag 9 bis 12 Uhr. Info auf: www.vinzi.at

Le+O: Mehr als Lebensmittel

Im November 2009 startete die Caritas in Kooperation mit Wiener Pfarren das Projekt Le+O – Lebensmittel und Orientierung. Heute kann man an den "Le+O"-Tagen (Info auf www.caritas-leo.at) in 14 Wiener Pfarren um den Symbolbetrag von 3,50 Euro pro Woche einkaufen. 

"Le+O kombiniert die Ausgabe von Lebensmitteln an armutsbetroffene Menschen mit einem individuellen, kostenlosen Beratungs- und Orientierungsangebot", erklärt Le+O-Einrichtungsleiterin Eva Schwaiger. 

Hilfesuchende mit einem Nettoeinkommen unter 1.104 Euro im Monat bekommen einen Le+O-Pass, für den ein Lichtbildausweis, Meldezettel, sowie ein Einkommensnachweis notwendig ist. Die Berechtigungskarte kann in der Ausgabestelle beantragt werden.

Das Angebot an Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs ist groß, alles stammt ausschließlich aus Sachspenden, nichts wird hier zugekauft. "Für die symbolischen 3,50 Euro erhält man im Schnitt rund 14 Kilo, also ein Einkaufswagerl voll", so Schwaiger. Ein Angebot, das 2017 wienweit von rund 15.500 Menschen genutzt wurde. Das entspricht 1.100 Familien, die pro Woche bei Le+O einkaufen. Auch die erst Anfang Juni 2018 eröffnete neueste Le+O Ausgabestelle in der Pfarre Allerheiligste Dreifaltigkeit in Favoriten hat sich gut eingeführt. "Dort versorgen wir an jedem Dienstag Nachmittag bereits rund 60 Haushalte pro Woche."
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