23.01.2012, 14:19 Uhr

Alpenüberquerung und Feuersteine – Die Steinzeitjäger im Fotschertal!

Prof. Dieter Schäfer ist Herausgeber des Buches, das am 7. Februar in der Wagner'schen Universitätsbuchhandlung vorgestellt wird (19 Uhr). (Foto: privat)

Ein Bericht über die archäologischen Untersuchungen eines markanten Felsschroffens im Fotschertal (Sellrain) ist jetzt auch in Buchform erschienen! Prof. Dieter Schäfer aus Birgitz berichtet über die archäologischen Tätigkeiten im Fotschertal.

Aufmerksamen Wanderern ist nicht entgangen, dass im Fotschertal seit vielen Jahren archäologische Untersuchungen auf einem markanten Felsschrofen durchgeführt wurden. Erkennbar waren bereits von weitem die weißen oder farbigen Zelte, die zwischen See Alm (seit wenigen Jahren wieder Hintra Alm genannt) und der Kaser Alm aufgestellt waren. Vielen interessierten Besucherinnen und Besuchern konnten steinzeitliche Gerätschaften oder sogar uralte Feuerstellen bei Führungen gezeigt werden. „Mancher dieser Besucher verließ angeregt unsere Arbeiten, einige kamen wiederholt – häufig mit einem Kuchen für die arbeitenden StudentInnen – und stellten neue Fragen oder gaben auch Anregungen“, so Prof. Schäfer. „Mit viel Verständnis wurden auch die notwendigen Absperrungen des Grabungsgeländes mit einem Weidezaun durch die Axamer Agrargemeinschaft aufgenommen. Wichtig war über die Jahre auch die Unterstützung vonseiten der Bundesforste, der Gemeinde Sellrain und der Pächter der Potsdamer Hütte des DAV.“

Inzwischen haben die archäologischen sowie weiteren Untersuchungen einen solchen Umfang angenommen, dass der erste Band einer neuen Buchreihe im Februar 2012 in den internationalen Buchhandel kommt.

Ausgangspunkt war zunächst die im September 1991 erfolgte Auffindung des ‚Mannes aus dem Eis‘ durch das Nürnberger Ehepaar Helmut und Erika Simon. Diese aus der späten Jungsteinzeit stammende menschliche Mumie – in der Öffentlichkeit rasch als ‚Ötzi‘ adaptiert – stellte die archäologische Forschung vor eine Reihe interessanter Fragen.

- Was führte einen Menschen vor 5200 Jahren dazu, ein hochalpines Gebiet zu betreten?

- Wo war er zu Hause, wohin wollte er und in welcher Eigenschaft war er unterwegs?

- Welche Hinweise auf den Alltag der damaligen Menschen ergaben sich aus dem Körper der Mumie selbst, der mitgeführten Ausrüstung und der Bekleidung?

Es wurde rasch klar, dass wesentliche Grundlagen für die Beantwortung dieser und weiterer Fragen fehlten. Daher wurde seinerzeit – erstmals in der österreichischen Universitätsgeschichte – ein spezielles archäologisches Forschungsinstitut vom Bund, dem Land Tirol und der Autonomen Provinz Bozen/Südtirol an der Universität Innsbruck eingerichtet. Es bildete den Ausgangspunkt für die anfänglichen Untersuchungen im Fotschertal. Inzwischen sind viele der oben gestellten Fragen zum ‚Mann aus dem Eis‘ beantwortet. Längst ist u.a. bekannt, dass ‚Ötzi‘ auf Pfaden unterwegs war, die bereits Tausende von Jahren vorher durch Menschen der Mittelsteinzeit (etwa zwischen 11.600 und 7.000 Jahren vor heute) begangen wurden.

Obwohl die Mittelsteinzeit über 4.000 Jahre dauerte, war sie bis zur Mitte der 1990er Jahre die in Österreich am wenigsten erforschte Epoche. Dabei versprach gerade sie interessante Einblicke in das Mensch-Umwelt Verhältnis jener Zeit. Immerhin fiel an den Beginn dieser neuen Epoche das Ende der letzten Eiszeit mit dramatischen Umweltveränderungen.

Daraus ergaben sich unmittelbare Fragen, z.B.:

- Wann begann nach dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 11.600 Jahren die Wiedererschließung und Nutzung der Ostalpen durch die Menschen?
- Woher kamen und mit welcher Absicht suchten diese die alpine Höhenlagen auf?
- Wie lange und in welcher Jahreszeit hielten sich die Menschen dort auf?
- Welche regionalen Ressourcen nutzten sie dabei für sich?
- Welche Rolle spielte der Alpenhauptkamm in der damaligen Zeit – oder mit anderen Worten: stellte er ein wesentliches (‚verkehrstechnisches‘) Hindernis dar?
- Gibt es Anhaltspunkte für den Verlauf und Charakter (Höhe, Verhältnis zur Morphologie, zu Wasserquellen etc.) von Wegverbindungen? u.s.w.

Prof. Dieter Schäfer: "Im Vergleich mit der Forschungssituation in Oberitalien – hier sind es ganze Universitätsinstitute mit vergleichbaren Forschungen – beginnt sich in Österreich die Kenntnis der Mittelsteinzeit erst allmählich zu verbessern. Immerhin ist der wichtigste und zentrale Teil hierfür unser Felsschrofen im Fotschertal. Er wurde in der Wissenschaft inzwischen als ‚Ullafelsen‘ – lokal ‚Riegelschrofen‘ – bekannt. Im Rahmen eines seit 1994 durchgeführten Projektes wird er von in- und ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erforscht. Wesentliches Anliegen ist hierbei die Verbindung der naturhistorischen mit der menschlichen Kulturentwicklung durch verschiedenste Disziplinen aus Natur- und Geisteswissenschaften. Erst ihre Zusammenschau ergibt ein facettenreiches Bild: So wissen wir z.B. heute, dass im Fotschertal bereits vor 11.000 Jahren erstmals Menschen der Mittelsteinzeit auftauchten und dort Jagd betrieben – dies war immerhin etwa 6.000 Jahre vor dem ‚Mann aus dem Eis‘! Sie kamen u.a. aus Norditalien, aber auch von der südlichen Frankenalb in Bayern – einem immerhin über 200 km entfernten Gebiet. Von dort brachten sie in das Fotschertal ihre einheimischen Gesteine für die Herstellung von Jagd- u.a. Geräten mit. Diese Rohstoffe wurden ergänzt durch die Nutzung von im Fotschertal vorhandenen Gesteinen (Quarz) bzw. durch Bergkristall aus den Tuxer/Zillertaler Alpen. Während ihrer sommerlichen Aufenthalte legten die damaligen Menschen mehrfach Feuerstellen auf dem Ullafelsen an, zerteilten das erlegte Jagdwild und reparierten ihre Gerätschaften. Die von uns ausgegrabenen Steingeräte belegen somit eindeutig, dass bereits mit dem Verschwinden der letzten eiszeitlichen Gletscher transalpine Verbindungswege über die Alpen bestanden. Demnach können letztere schon damals nicht als Hindernis angesehen werden. Da die kulturelle Entwicklung in Norditalien und in Bayern während jener Zeit etwas unterschiedlich verlief, dürfte sich aus den Kontakten der damaligen Menschen durchaus ein wechselseitiger Einfluss ergeben haben."

Buchpräsentation am 7. Februar:

Zahlreiche weitere Ergebnisse zu den Tätigkeiten der mittelsteinzeitlichen Menschen im Fotschertal und ihrer Umwelt liegen vor. Über sie berichtet das im Artikel erwähnte Buch, das am 7. Februar 2012 um 19 Uhr in der Wagner‘schen Buchhandlung Thalia (Innsbruck, Museumstr. 4) vorgestellt wird. Anwesend werden u.a. der Rektor der Universität Innsbruck, Univ.-Prof. Dr. T. Märk, Altrektor em. Univ.-Prof. Dr. H. Moser, der Leiter des Verlages Philipp von Zabern Dr. J. Kron, der Maler und Grafiker K. Henker, Autorinnen und Autoren sowie der Herausgeber und Projektleiter A. Univ.-Prof. Dr. D. Schäfer (Bild) sein. Die Wagnersche Buchhandlung Thalia sowie der Herausgeber laden alle interessierten Leserinnen und Leser der Region zu dieser Buchvorstellung sehr herzlich ein. Die Vorstellung wird von Max Bauer kammermusikalisch umrahmt.

Angaben zum Buch:

D. Schäfer (Hrsg.), Das Mittelsteinzeit-Projekt Ullafelsen (Teil 1) (Mensch und Umwelt im Holozän Tirols, Bd.1).
Verlag Philipp von Zabern. Innsbruck 2011. – 560 Seiten, über 500 Farbabbildungen. (ISBN: 978-3-8053-4375-6)
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herbert edenhauser aus Innsbruck | 25.01.2012 | 08:03   Melden
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