Brennpunkt Pflege
„Es muss sexy werden, in die Pflege zu gehen"

Von links: Robert Pozdena, Geschäftsführer cura domo, Anna Parr, Generalsekretärin Caritas Österreich, RMA-Chefredakteurin Maria Jelenko-Benedikt, "Hausarzt"-Chefredakteurin Karin Martin, Michael Buchner (MAS Alzheimerhilfe), Elisabeth Potzmann, Präsidentin Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV).
  • Von links: Robert Pozdena, Geschäftsführer cura domo, Anna Parr, Generalsekretärin Caritas Österreich, RMA-Chefredakteurin Maria Jelenko-Benedikt, "Hausarzt"-Chefredakteurin Karin Martin, Michael Buchner (MAS Alzheimerhilfe), Elisabeth Potzmann, Präsidentin Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV).
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Im Rahmen der "Runde der Regionen" luden die Regionalmedien Austria (RMA) ExpertInnen zum Thema "Kippt das System der Angehörigen-Pflege?" ein, bei der die Fragen unserer Leser beantwortet wurden. Fazit: Der Pflegeberuf gehört attraktiviert. Es braucht mehr Geld, Personal, Ausbildung und Unterstützung für pflegende Angehörige. Will man den drohenden Pflegenotstand abwenden, müssen sich auch mehr Männer für den Beruf begeistern.

ÖSTERREICH. Die Coronakrise hat die Schwächen unseres Pflege- und Betreuungssystems wie ein Brennglas vergrößert, darüber waren sich die Experten bei der vierten "Runde der Regionen" am 22. April einig. 

Die Gäste: Generalsekretärin Caritas Österreich Anna Parr, Präsidentin Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) Elisabeth Potzmann, Geschäftsführer cura domo Robert Pozdena, Michael Buchner (MAS Alzheimerhilfe). Moderiert hat die Runde RMA-Chefredakteurin Maria Jelenko-Benedikt und "Hausarzt"-Chefredakteurin Karin Martin – hier zum Nachstreamen.

Pflegende stoßen an die Grenze

Immerhin acht von zehn Angehörigen arbeiten in der Pflege. Sie seien "in der Krise an die Belastungsgrenzen gekommen“, betonte Michael Buchner von der MAS Alzheimerhilfe zu Beginn der Diskussionsrunde. Bei den zu Pflegenden sei es häufig zu einer Vereinsamung in der Krise gekommen. Für Betroffene habe es kaum Entlastungsangebote gegeben, weil alle Stellen ihre Programme nur sehr begrenzt anbieten konnten. „Wir sehen einen Mangel an Geld, an Personal und an Ausbildung“, so Buchner.

Auch die professionellen Pflege sei in der Pandemie gefordert worden, erklärte Potzmann: „Ich habe die These, dass das Klatschen während der ersten Welle auch der Angst geschuldet war, ob jetzt alle durchhalten werden und ob es für Familien weiter Unterstützung gibt.“ Es sei "ein Kraftakt" innerhalb der Familien und seitens der Betreuerinnen gewesen, aber auch der Politik. Diese sei gefordert gewesen, Betreuerinnen über die Grenze zu bekommen. „Das hat die Vulnerabilität der Versorgung zu Hause plötzlich ganz deutlich gemacht“, so Potzmann. 

Wie durch ein Brennglas habe man die man die Probleme durch die Pandemie plötzlich noch deutlicher gesehen, bestätigte Parr. "Wir haben den enormen Betreuungswert, den diese Betreuerinnen übernehmen, wahrgenommen und auch unsere Abhängigkeit". Denn diese kommen zu einem Großteil aus den benachbarten Ländern. Pflegende Angehörige seien in der erster Phase der Pandemie extrem belastet gewesen. Das bestätigten 78 Prozent im Rahmen einer Studie der Volkshilfe, 16 Prozent mussten ihre Erwerbsstunden reduzieren, um die Situation zu bewältigen, erläuterte Parr.

Häusliche Betreuung vs Pflege 

Pozdena meinte, dass die Pandemie die 24-Stunden-Betreuung als wichtigen Baustein in der Pflege verdeutlicht habe: "Die 24-Stunden Betreuung ist jetzt in ein besserer Licht gerückt. In der Pandemie hat man gesehen, dass die Betreuung zu Hause natürlich auch das geringste Infektionsrisiko hatte", so Pozdena. Die 24-Stunden-Personen Betreuung unterliege gemäß der Gewerbeordnung dem Hausbetreuungsgesetz und dürfe gewisse Assistenzdiensleistungen machen, so Pozdena: "Wir brauchen dringend die Zusammenarbeit mit der Fachgruppe Pflege und können die Pflege wiederum ressourcentechnisch entlasten".  Ziel sei es, dass Menschen so lange wie möglich zu Hause leben können, ergänzte Parr. Das sei der Wunsch der Mehrheit. "Es ist ein Übergang, bis eine Pflegesituation entsteht", so Parr, die betonte, dass es eine Kooperation verschiedener Formen der Pflege brauche.

Sollen pflegende Angehörige ein Gehalt bekommen?

Pflegende Angehörige ersparen dem Staat sehr viel Geld, bekommen aber keine finanzielle Absicherung. Leserin Ursula Engele ist Betroffene und wünscht sich die Anerkennung des Status Pflegende Angehörige. Gibt es im Rahmen der Pflegereform hier Ansätze? Im Fokus der Taskforce Pflege sei die professionelle Pflege gewesen, antwortete Elisabeth Potzmann. Der professionellen Pflege sei die Belastungssituation für pflegende Angehörige natürlich bekannt, der Politik und der Öffentlichkeit aber vielleicht zu wenig. Im Rahmen des Pflegegeldes habe es Verbesserungen für die Angehörigen gegeben, etwa dass sie sich ab einer gewissen Pflegestufe versichern können, so Potzmann. Sie nannte das Burgenland als Beispiel, wo man im Rahmen der Angehörigen-Pflege Geld bekommen kann, abhängig von der Pflegestufe.

Gehalt für Angehörige? Kritisch

Die Hauptfinanzierung liege aber innerhalb der Familie, "das Land trägt die Kosten nicht im vollen Umfang", erklärte Potzmann. Ein Gehalt für pflegende Angehörige sieht sie kritisch, denn dadurch steige auch der Druck: "Man muss sich anschauen, inwieweit dann Erwartungen an Angehörige gestellt werden, die sie gar nicht erfüllen können. Der Druck steigt, weil man nun auch bezahlt wird und Tätigkeiten übernehmen soll, für die man nicht das Know-How hat", gab Potzmann zu bedenken. Fast 100 Prozent der pflegenden Angehörigen geben aber auch finanzielle Belastungen an, so Potzmann, das Thema müsse man also sehr wohl diskutieren.  
 
Eine Versicherung des Bundes für pflegende Angehörige gebe es zwar, sie endet aber ab dem 60. Lebensjahr. Mehr als ein Drittel der pflegenden Angehörigen falle in die Altersgruppe 60 Plus, erklärte Potzmann, die eine längere Absicherung für diese Menschen, etwa, wie von einer Leserin gefordert bis zum 65. Lebensjahr, befürwortet.  

Fleckerlteppich Pflege

Die Pflege ist Ländersache, eine einheitliche Regelung gibt es daher nicht. "Den Fleckerlteppich Pflege spüren zu Pflegende und Angehörige in der Krise besonders, aber sonst auch", so Potzmann weiter. Warum die Fördermodelle in den Bundesländern unterschiedlich sind, lässt sich ihrer Meinung nach nicht begründen: "Ein Mensch in Tirol hat die selben Bedürfnisse, wie der im Burgenland oder der Steiermark". Der Föderalismus ist beim Thema Pflege "eine Katastrophe", bekräftigte auch Pozdena, diese unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern sollte man seiner Meinung nach "endlich beseitigen". Das Modell der Angehörigenpflege im Burgenland und Oberösterreich hätte Verantwortung auf die Angehörigen abgewälzt, so Pozdena, der eine österreichweite Lösung fordert. "Pflege braucht Beschäftigung", ergänzte Buchner. Denn oft seien pflegende Angehörige selbst in einem schlechten gesundheitlichen Zustand. 

Hilfe sollen künftig "Cummunity Nurses" als zentrale Ansprechpersonen für die zu Pflegenden und Angehörige bieten. Aber wann kommt diese Unterstützung? Das System sei noch am Anfang, erklärt Potzmann: "Es gibt erste Arbeitsgruppen zu diesem Thema. Diese Berufsgruppe ist in anderen Ländern schon etabliert, in Österreich müssen wir das aber noch definieren". Ausrollen werde man das Projekt vermutlich eher erst nächstes Jahr. 

Pflege nicht auf Frauen "abwälzen"

Kritisch sieht Potzmann auch, dass man ab einer gewissen Pflegegeldstufe nicht verpflichtend professionelle Pflege in Anspruch nehmen muss. "Es ist mir zu wenig, dass auf betreuende Angehörige und in der Regel dann Frauen abzuwälzen". Tatsächlich seien es zu 95 Prozent Frauen, die in der Pflege tätig sind. In der Familien liege die Last der Pflege meist auf ihnen.

"Was braucht es, um mehr Männer in die Pflege zu holen", wollte Jelenko-Benedikt wissen. "Wir brauchen laut einer Studie der Gesundheit Österreich bis 2030 75.000 ausgebildete Menschen am Arbeitsmarkt, um dem steigenden Bedarf bewältigen zu können", rechnete Parr vor. Sie denkt, dass es mehr Gespräche über die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten in der Pflege brauche. "Ich glaube, dass wir Role-Models brauchen, die darüber sprechen, dass es auch für Männer ein toller Beruf ist", so Parr. Zudem brauche es bundesweit kostenlose Ausbildungsstätten.

Potzmann weiß aus ihrer Erfahrung aus der Lehre: "Männer sagen zu 95 Prozent, dass sie nie daran gedacht haben, in die Pflege zu gehen, bis sie beim Zivildienst waren". Sie fordert, "Care-Arbeit" für Männer denkmöglich zu machen. In der Angehörigenpflege spiele oft Altersarmut eine Rolle: "Die Frauen bezahlen ihr ganzes Leben dafür", so Potzmann, mangelnde Versicherungszeiten würden sich bis an ihr Lebensende durchziehen.

Pflege hat Reformbedarf

Was können wir tun, damit das System der Angehörigen nicht kippt? 

„Es braucht mehr Geld, mehr Personal und Ausbildung“, betont Buchner. Neben mehr Geld fordert Potzmann auch mehr Unterstützung. Doch rein rechnerisch gehe sich das nicht mehr aus: "Es gibt nicht nur zu wenig Ausbildungsplätze, sondern auch zu wenig Jugendliche – selbst wenn jeder Schulabsolvent in die Pflege ginge".  Auch Männern müsse das Bild des Pflegeberufes vermittelt werden: "Frauen haben Lebensentwürfe, die nicht drauf ausgerichtet sind, Care-Arbeit zu leisten. Das ist legitim", so Potzmann.

Für Parr braucht es einen flächendeckenden Ausbau der Angebote: Beratung, mobile Dienste, Tageszentren und Pflegeeinrichtungen. Langfristig sei eine Personaloffensive notwendig: "Es ist fünf nach zwölf", betonte die Generalsekretärin der Caritas. Der Rechnungshof habe letztes Jahr dazu einen Bericht veröffentlicht. "Derzeit ist das Verhältnis der Altersgruppe zwischen 50 und 65, die zu Pflegende betreuen könnten, vier zu eins. Im Jahr 2060 ist das Verhältnis eins zu eins". Auf das müsse man sich vorbereiten, so Parr, die einen Ausbau zeitlich flexibler Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige fordert, die auch finanziell leistbar sind. 

Pozdena ist die Attraktivierung des Jobs ein Anliegen: "Es muss sexy sein in die Pflege zu gehen." So, wie man versuche, Frauen in technische Berufe zu bringen, müsse man Männer für die Pflege begeistern. "Es ist ein toller, dankbarer Job". Durch eine bessere Verzahnung zwischen Betreuung und Pflege könne man 24-Stunden Pfleger sowie Angehörige entlasten.

Der Alltag in der Mobilen Pflege (+ Video)
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