Race Across America
I want to ride my bicyle
- Foto: Alexander Zauner
- hochgeladen von Richard Josef Dipl. Päd. Macheiner
Der Mensch sucht seine Grenzen. Indem er den Gipfel des Mount Everest ohne Sauerstoff erklimmt, alleine um die Welt segelt – oder in acht Tagen auf einem Fahrrad die USA durchquert. Fast 5.000 Kilometer von Küste zu Küste – in den USA findet jedes Jahr der Radmarathon Race Across America (RAAM) statt, der an Extremen nicht zu überbieten ist. So manch einer hat schon vom Ultraradrennen gehört, aber was macht das Race Accross America so unglaublich extrem? Der Kronstorfer Lukas Kaufmann ist einer, der es weiß. 2024 erfüllte er sich zum ersten Mal diesen Traum.
High Noon ist in Oceanside, an der Westküste der USA. An der Pazifikküste startet die Tour der Qualen mit höllischen Temperaturen in der Mojave-Wüste und frostigen Pässen auf über 3000 Meter in den Rocky Mountains. Mit endlosen Geraden, mit vorbeidonnernden Trucks, Gegenwind und bleierner Müdigkeit. Chris Rea könnte hier zu seinem Song „Road to hell“ inspiriert worden sein. Aber Lukas Kaufmann rockte das Ding: in 8 Tagen, 23 Stunden war er 2024 am Ziel in Atlantic City, auf der anderen Seite der Vereinigten Staaten.
Schlaflos durch die Staaten. Der Kilometerfresser tritt die Pedale auf und ab. Müdigkeit steckt in den Knochen. „Diese war vor allem in der ersten Nacht schlimm“, so der Ultracyclist, „auch weil man in den ersten Tagen so gut wie keine menschliche Interaktion hat“. Während den ersten vier Tagen muss das Begleitauto Abstand halten. Ebenso schwierig waren die beiden mentalen Tiefs nach 3.000 Kilometer und kurz vor dem Ziel: „Da bin ich am Rad gesessen und es ist nichts mehr weiter gegangen.“
Lonely roads. Tristesse pur im 1.000 Kilometer langen Abschnitt durch Kansas. Kaufmann schaut zum Horizont, doch am Ende der ewig langen, geraden Straße ist nichts, was Halt gibt. „Das war sehr eintönig“, schildert der Oberösterreicher, „da gibt es nur Kornfelder, einsame Weiden und richtig viele Rinder.“ Fügt aber hinzu: „Als Radfahrer bekommt man von der Landschaft ohnedies nicht viel mit.“ Denn Kaufmann blickt stets zu Boden, um den „Shermer neck“ zu vermeiden. „Man kann dann wie ein Baby den Kopf nicht mehr halten.“
Nicht nur die Felsen präsentieren sich im Sonnenlicht tiefrot – auch das schmerzhaft aufgeriebene Sitzfleisch. Aber der Extremsportler steckt den Kopf nicht in den (Wüsten-) Sand. „In der Wüste hatte es eine Gluthitze von über 40 Grad. Man kann sich das schwer vorstellen, wenn man das noch nicht erlebt hat“, beschreibt Kaufmann das Martyrium. Trikot und Radhose sind ständig nass vor Schweiß, der Durst wird von Stunde zu Stunde quälender. Er hat 113 Liter in den knapp 9 Tagen getrunken. „Zu viel zu trinken darf man aber auch nicht“.
Der mit dem Wind tanzt. Strömender Regen, starker Seitenwind, aufgewirbelter Sand, extreme Temperaturunterschiede, 50 Grad in der Wüste Arizonas, null Grad in den Bergen Colorados, Löcher bei der Motivation und auf den Straßen zehren an den Kräften des Sportlers. „In den Appalachen mussten wir 180 Kilometer auf einem Highway fahren. Der Seitenstreifen war eine Müllhalde. Auf die Fahrbahn konnte man wegen des Verkehrs aber auch nicht“. Auf dem Rennrad wäscht er sich, putzt die Zähne und trinkt seine Flüssignahrung, die alles enthält, was der Körper braucht. Der Vollblutradler nimmt bis zu 13.000 Kalorien pro Tag zu sich.
That’s what friends are for. Ein 15-köpfiges Team aus Autofahrern, Betreuern und Medizinfachleuten arbeitet permanent im Hintergrund. Im Vorfeld werden bestimmte Abläufe monatelang besprochen und eintrainiert – im Rennen sitzt jeder Handgriff und die Aufgaben sind klar verteilt. Jede Pause läuft ab wie ein Boxenstopp der Formel-1. „Meine Betreuer kühlen mich mit Kühlwesten und Eiswürfeln im Nacken", sagt Lukas Kaufmann. Sie motivieren ihn, wenn die Luft bei ihm und den Reifen draußen ist. Ziehen den Leidenden an und aus, massieren und pflegen den Pedalritter. „Ich habe während des gesamten Rennens insgesamt nur zehn Stunden geschlafen“, erinnert sich Kaufmann. Die Uhr tickt unaufhörlich, wenig Schlaf ist für einen Sieg unumgänglich. „Der Schlafentzug führt zu Halluzinationen“, sagt der Weitradler, „da wird man echt gaga im Kopf.“ Die Schlafpausen im Begleit-Wohnmobil sind kurz: Meist wird er nach der ersten Tiefschlafphase geweckt – nach rund 45 Minuten. Nach einem solchen Powernap klettert er erholt wieder in den Sattel. Der Funkverkehr mit der Crew im Pace Car ist ein permanenter, sie motiviert ihn mit Nachrichten aus der Heimat, Geschichten aus der Jugend und Musik von Helene Fischer und Reinhard Fendrich.
We are the Champions. „Ein paar Dinge kann man noch besser machen“, so der Perfektionist. Nach dem sensationellen zweiten Platz im vorigen Jahr hat Lukas Kaufmann das Ziel für 2025 klar definiert: "Ich möchte unbedingt als Sieger finishen!" Nach dem Start am 10. Juni zimmert er wieder tausende Kilometer in den glühenden Asphalt, quer durch die Vereinigten Staaten.
Wer mit ihm die 4800 km lange Strecke durch die unerbittliche Wüste, über drei Gebirgszüge und durch endlose Einöden geistig mitstrampeln möchte, hat am 15.5. im City Kino Steyr die Gelegenheit dazu. Der Film porträtiert den Sportler und Mensch Lukas Kaufmann. Die Dokumentation ist stets nah am Geschehen und nimmt den Zuschauer mit auf die Höhen und Tiefen des längsten und härtesten Radrennens der Welt, in einem Kaleidoskop aus Euphorie, Rückschlägen und viel Ausdauer.
Nähere Infos: City Kino Steyr, 15.5.2025
Aktuelle Nachrichten aus Kirchdorf auf
Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?
Du möchtest kommentieren?
Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.