"Ansprüche der Patienten werden immer höher"

Dr. Petra Preiss, die neue Präsidentin der Ärztekammer, ortet  u. a. dringenden Verbesserungsbedarf für die Allgemeinmediziner am Land
  • Dr. Petra Preiss, die neue Präsidentin der Ärztekammer, ortet u. a. dringenden Verbesserungsbedarf für die Allgemeinmediziner am Land
  • Foto: KK/Ärztekammer
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KLAGENFURT. Die Herz- und Gefäßchirurgin Petra Preiss ist am Klinikum Klagenfurt tätig. Seit 8. Mai setzt sie sich als neue Ärztekammerpräsidentin für die Belange der Kärntner Ärzte ein.

WOCHE: Was ist Ihnen in Ihrem neuen Amt wichtig?
Petra Preiss: Allem voran ein konzilianter Umgangston – sowohl nach außen, als auch unter den Ärztegruppen. Mir ist wichtig, in der Sache selbst zu Lösungen zu kommen und natürlich, die Anliegen der Ärzte zu verteten. Und das konziliant, wo es möglich ist und hart, wo es erforderlich ist.

Mit welchen aktuellen Herausforderungen sehen sie die Kärntner Ärzteschaft konfrontiert?
Intern haben wir ein Problem mit dem Pensionsfonds der Ärzte. Hier wollen wir einen raschen Konsens herbeiführen. Wir dürfen uns nicht gegenseitig blockieren, wie das in der Vergangenheit manchmal der Fall war.

Wie sieht es mit der Situation in den Spitälern aus?
Die 48-Stunden-Woche wird von den Ärzten nun im Wesentlichen eingehalten. Doch es ist zum Teil zu extremer Verdichtung der Arbeit gekommen, sodass Menschen im Nachtdienst 24 Stunden am Stück durcharbeiten. Das ist nicht der Sinn eines Nachtdienstes. Ein paar Stunden Schlaf sind hier vorgesehen und sind auch dringend nötig.

Wen betrifft das vorwiegend?
Vor allem die Anästhesisten, wir haben hier einfach zu wenig Leute, aber auch in einigen chirurgischen und internistischen Bereichen ist das so.

Ein Problem sind sicher auch die überfüllten Ambulanzen?
Ja, die Ansprüche der Patienten werden immer höher. Die Menschen wissen, dass sie an einem Tag oder über eine Nacht in den Spitalsambulanzen Dinge abwickeln können, für die sie sonst fünf Facharztbesuche brauchen würden. Wir haben aber nicht die Ressourcen dafür! Und noch etwas ist gefährlich: Oft leiden die echten Notfälle still vor sich hin, während jene, denen es nicht akut schlecht geht, lauter schreien und ihrem Ärger über lange Wartezeiten Luft machen.

Wie viele der Ambulanzbesuche sind unnötig?
In manchen mehr als 50 Prozent, aber nicht in den Spezialambulanzen.

Wie stehen Sie zu den Primärversorgungszentren?
In den Städten sind solche physischen Zusammenschlüsse – seien es Gruppenpraxen oder Ärztezentren – gut, wobei sie nicht gegen den Willen der Beteiligten erzwungen werden können. Am Land sind sie nicht sinnvoll, schon allein durch unsere geografische Struktur in Kärnten, mit den vielen Tälern und Ortschaften. Da braucht es etwas ganz anderes.

Was?
Allgemeinpraktiker, die sich über die Ortschaften hinweg vernetzen und organisieren, sodass am Freitag um 17 Uhr auch noch ein Arzt in annehmbarer Reichweite für die Menschen geöffnet hat.

Gerade am Land kämpft man doch aber mit dem Ärzte-Nachwuchs?
Ja, und das ist kein Wunder: Im Spitalwesen ist man jetzt so weit, dass die Ärzte nach 25 Stunden nach Hause gehen. Am Land sieht die Praktiker-Situation so aus, dass 120 bis 140 Leute in der Praxis angeschaut werden, dann folgen die Hausbesuche, danach oft noch der Bereitschaftsdienst ab 19 Uhr. Und am nächsten Tag geht es weiter mit einer vollen Ordination. Die Kollegen sind jetzt durchschnittlich 50 bis 60 Jahre alt und bekommen oft nur ein paar Stunden Schlaf. Dass die Jungen so nicht arbeiten wollen, ist nachvollziehbar.

Was muss sich ändern?
Wir brauchen eine Änderung im System. Das beginnt bei den Kassenverträgen, in denen einzelne Punkte mit ein bis zwei Euro abgerechnet werden, sodass man die Masse von bis zu 150 Patienten pro Tag benötigt, damit sich das alles ausgeht. Denn die Leistungen sind pro Quartal limitiert und werden degressiv abgerechnet. Bedeutet: Zum Ende des Quartals sind diese ausgeschöpft und die Ärzte arbeiten umsonst. Hinzu kommt der zunehmende Verwaltungsaufwand. Die Existenz eines Praktikers am Land darf auch nicht davon abhängen, ob man eine Hausapotheke hat. Wir brauchen attraktive Bedingungen und gut vernetzte Leute, dann wird eine Praxis im ländlichen Raum auch für die jungen Ärzte wieder interessant.

Am Land gehen die Allgemeinmediziner aus, in der Stadt kämpft man mit einem Mangel in einzelnen Fachrichtungen. Jammern auf hohem Niveau?
Nein. Leute, die es sich leisten können, weichen auf Wahlärzte aus, doch auch hier wird die Situation schlimmer. Für die GKK ist es zur Zeit in Ordnung, dass Menschen ein Dreiviertel-Jahr auf ihren Augenarzttermin warten müssen. Klagenfurt bekommt jetzt übrigens wieder eine Kassen-Kardiologie-Stelle – die einzige in Kärnten, nachdem es nun jahrelang keine gab.

In welchen Fachrichtungen besteht der größte Mangel?
Bei den Augenärzten, Dermatologen und auch bei den Kinderärzten. Im Prinzip überall dort, wo besonders viele Menschen auf Wahlärzte ausweichen.

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