30.09.2014, 00:00 Uhr

"Das Schlimmste ist, wenn Kinder nebenbei mitrennen müssen"

"Das Kind wird als eigenes Abbild und Erziehungswerk gesehen, wenn es Probleme gibt, fühlen sich Eltern als Versager." (Foto: Cornelia Grobner)

Seit Jahresbeginn ist der Zugang zur Psychotherapie für Kinder und Jugendlichen vonseiten der NÖGKK unlimitiert. In Klosterneuburg wird dieses Angebot nur zögerlich bis kaum in Anspruch genommen. Die Bezirksblätter haben bei der Weidlinger Psychotherapeutin Anna Sattler (53) nachgefragt.

Ist Psychotherapie für Kinder in Klosterneuburg nach wie vor ein Tabuthema?
SATTLER:
"Ich arbeite in Klosterneuburg und im Bezirk Korneuburg. Und sagen wir es so: In kleineren Orten haben Eltern nicht so viele Möglichkeiten auszuweichen. In Klosterneuburg gibt es durch die Wiennähe mehr Angebote, wohin aus Angst vor Stigmatisierung ausgewichen werden kann. Generell passiert der Vergleich der Angebote in Klosterneuburg sicher viel kritischer als am Land, allerdings heißt das nicht, dass die Eltern kritischer der Situation gegenüber sind: Eltern sind Eltern und es passiert oft, dass sehr lange weggeschaut wird. Das hat nichts mit Bildung oder Wissen zu tun. Das Kind wird als eigenes Abbild und Erziehungswerk gesehen, wenn es Probleme gibt, fühlen sich Eltern als Versager."

Welche Rolle spielt bei der Problemerkennung die Schule?
SATTLER:
"Eine große. Die meisten Kinder und Jugendliche kommen auf Anraten einer Institution. Im Vergleich zu Korneuburg schicken die Schulen in Klosterneuburg allerdings viel weniger Kinder in Therapie. Das mag an den Schulen liegen oder aber auch an den Möglichkeiten der Eltern, die im Fall des Falles die Option haben, das Kind lieber die Schule wechseln zu lassen, als sich dem Problem zu stellen. Was aber nicht vergessen werden darf, ist, dass viele Klosterneuburger in Wien arbeiten und darum die Leistungen der NÖGKK nicht in Anspruch nehmen können."

Warum brauchen Kinder und Jugendliche vermehrt psychotherapeutische Betreuung? Werden Probleme heutzutage eher pathologisiert?
SATTLER:
"Psychotherapie wird immer mit psychischer Krankheit in Verbindung gebracht, darum bezeichne ich diese lieber als Begleitung. Denn eigentlich sind es die Lebensumstände oder Situationen, in denen die Eltern nicht mehr entsprechend unterstützen können – das können auch Tod oder Scheidung sein, die verarbeitet werden müssen. In unseren schnelllebigen Zeit haben die Eltern einfach nicht mehr genug Zeit für lange Gespräche mit ihren Kindern. Parallel dazu nimmt der Druck vonseiten Schule und Institutionen auf die Kinder zu."

Das bedeutet unsere Gesellschaft macht unsere Kinder krank?
SATTLER:
"Ich würde eher sagen, dass heutzutage die Probleme intensiver wahrgenommen. Natürlich hatten Kinder früher schlichtweg mehr Zeit, Situationen spielerisch zu verarbeiten. Es gab ja auch in der Schule mehr Freiraum – oder ein Elternteil war zuhause und konnte ausgleichend wirken. Hinzu kommt, dass wir Kinder heute oft als kleine Erwachsene behandeln und sie damit viel zu früh ins Erwachsenenalter stoßen, wenn sie eigentlich noch spielerisch lernen sollten."

Welche Auswirkungen hat das?
SATTLER:
"Es fehlen natürliche Regulierungsmöglichkeiten im Alltag, um Ängste, Trauer oder Wut abzubauen. Außerdem sind Eltern oft auf sich alleine gestellt und es fehlt der Austausch in der Großfamilie. Ein Teil der Psychotherapie ist auch das Elterngespräch, wo wir Hilfe für den Umgang mit bestimmten Situationen daheim geben. Parallel dazu ist unsere derzeitige Gesellschaft extrem zielorientiert. Das Kind muss bestimmte Leistungen erbringen, um den erwünschten Weg zu gehen. Ich erlebe, dass in Klosterneuburg der Drang zum Gymnasium viel stärker ist als am Land."

Die Berufstätigkeit beider Elternteile oder die Vollberufstätigkeit Alleinerziehender hat oft auch finanzielle Notwendigkeiten, die schwer verändert werden können. Wie können Eltern ihre Kinder dennoch unterstützen?
SATTLER:
"Die wenige Zeit, die bleibt, sollte intensiv genutzt werden. Es geht darum, bewusst Zeiträume zu schaffen, in denen ich nur für mein Kind da bin. Oft müssen Kinder nebenbei mitrennen, das ist das Schlimmste. Das Gefährliche sind die vielen Ablenkungen zum Beispiel durch Handys, die die Zuwendung zum Kind stören. Das ist der Vorteil in der Therapie: Das Kind hat 50 Minuten eine erwachsene Person, die uneingeschränkt für es da ist und auf seinen Bedürfnisse eingeht."

Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind möglicherweise professionelle Unterstützung benötigt?
SATTLER:
"Wenn sich seine emotionale Befindlichkeit verändert, es also sehr traurig oder aggressiv ist, und diese Veränderung über mehrere Monate hinweg anhält. Auch körperliche Veränderungen sind ein Alarmsignal, wenn sich das Kind plötzlich weniger traut, viel zu oder abnimmt. Wenn sich das Kind extrem zurückzieht oder es in der Schule zu einem Leistungsabfall kommt."

Interview: Cornelia Grobner


ZUR SACHE: Psychotherapie auf Krankenschein
Die Vergabe der Therapieplätze für NÖGKK-Versicherte läuft über die Clearingstelle in St. Pölten: Kontakt: Tel. 0800/202434, E-Mail clearing@psychotherapieinfo.at. Mehr Infos unter www.psychotherapieinfo.at.
Die Clearingstelle für Psychotherapie ist eine Serviceeinrichtung der NÖGKK und eine Vernetzungsstelle der Angebote in Niederösterreich. Der Zugang zu einer adäquaten Behandlung wird durch individuelle Beratung und Vernetzung erleichtert. In einer Datenbank sind die Schwerpunkte und die Methoden der Psychotherapeuten, sowie die aktuellen freien Therapieplätze bzw. die Wartezeiten für einen vollfinanzierten Kassentherapieplatz gespeichert. Auskunft über Therapiesetting, therapeutische Methoden und Informationen zum Ablauf der psychotherapeutischen Behandlung werden je nach Bedarf und Wunsch gegeben.
1
Einem Mitglied gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.