Mad Hope
The Sound of Donaufestival 2026
- hochgeladen von Oliver Plischek
„Angst, Obsession, Beauty“, „A New Society“, „Fake Reality“ oder „Confusion is next“: Das waren einige Mottos des Kremser Donaufestivals, das seit 2005 mit Sound, Performances und Kunstinstallationen die Avantgardeszene in die Weltkulturerbestadt lockt. Plakate im Foyer der Österreichhalle erinnerten die Besucher an diese vergangenen Zeiten, egal ob diese jetzt live dabei waren oder sich nur ärgerten, damals noch zu jung oder zu wenig affin für diesen Festivalspirit gewesen zu sein. „Mad Hope“, das war das Motto 2026, kreiert vom künstlerischen Direktor Thomas Edlinger, der 2017 diese Funktion vom stilprägenden Festivalinitiator Tomas Zierhofer-Kin übernommen hat. „Im Zeitalter der multiplen Krisen erscheint ein Beharren auf dem Prinzip Hoffnung geradezu naiv“, ein Satz aus Edlingers Essay, der eigentlich keiner Begründung bedarf. Stichworte: Trump, Putin, Gaza-Krieg, Klimakrise, Hass im Netz, KI-Futurismus. Und doch soll man die Hoffnung nie aufgeben: „Mag auch sein, dass alles verloren ist, wir sind es nicht“, ein Zitat des französischen Existentialisten Gabriel Marcel.
Im Mittelpunkt des an zwei Wochenenden stattfindenden Donaufestivals steht natürlich das musikalische Line-Up, das einerseits in das Programmschema passen als auch möglichst breit und divers angelegt werden sollte. „Musik, die ich verstehe, langweilt mich. Musik, die mich interessiert, verstehe ich nicht. Ich hoffe, beim Donaufestival findet man genug Musik, die nicht egal ist“, Thomas Edlinger kürzlich in einem Mica-Interview. Das kann ich nicht nur aus subjektiver Sicht bestätigen, sondern das zeigt auch der jährliche internationale und nationale Zustrom mit teils sogar ausverkauften Festivaltagen.
Den Startschuss im Donaufestival-Areal beim Kremser Stadtpark setzte dieses Jahr das österreichische Kollektiv Exit Void, bestehend aus so klingenden Namen wie Anja Plaschg (aka Soap & Skin), Wolfgang Lehmann oder Katrin Euller. Das Soundspektrum eine düstere Mixtur aus Ambient, Trance, Trompeten, Gitarren und Drums, Sängerin Anja, kaum zu erkennen mit Rücken zum Publikum, inmitten der Formation ein Laser, der senkrecht an die Decke strahlt.
Die weiblichen Headliner des ersten Wochenendes, die stammen beide aus Kanada. Marie Davidson, eine Elektronik-Produzentin aus Montreal, und die Electro-Clash-Ikone Peaches aus Toronto, die bereits zum dritten Mal beim Kremser Donaufestival auftritt. „Work it“, so hieß der Breakthrough-Hit von Marie Davidson, brillant remixt von den belgischen Soundzauberern Soulwax. Gleichzeitig auch Trademark für den euphorischen „Work out“-Gig der Künstlerin. Einmal hinter den Turntables als DJ, dann wieder vor dem Mikro als charismatische Vokalistin von Tracks wie „Demolition“, „YAMM“ oder „Fun Times“ aus ihrem neuen Album „City of Clowns“. Thematisch inspiriert übrigens von Shoshana Zuboffs Theorie vom „Überwachungskapitalismus“.
Merril Beth Nisker aka Peaches dagegen zieht ihre inhaltlichen Register weiterhin aus der queeren Kultur der sexuellen Freizügigkeit. „My Hanging Titties“ heißt der Opener, eine Konfrontation mit dem unentrinnbaren Älterwerden. Auf dem Höhepunkt der Show lässt sich Peaches halb (oder eher fast) nackt von den Besuchern über den gesamten Saalbereich tragen. Ob die zahllos gedrehten Instagram-Videos die Zensurschranke überwinden, bleibt allerdings mehr als fraglich.
Aus London eingeflogen wurde die achtköpfige Band Caroline, deren Songs „Coldplay Cover“ und „Total Euphoria“ auf keiner aktuellen Indie-Playlist fehlen dürfen. Soundmäßig aber kein Happy Brit Pop, sondern eine Mischung aus Folk- und Progressive Rock a la Black Country New Road. Krems als Warm Up für das Primavera Sound in Barcelona, wo Caroline am Eröffnungstag spielen. Eine härtere Gangart legten Maruja aus Manchester (inklusive Rap-Vocals und Saxophon-Improvisationen) und die französische Formation Pain Magazine ein, die ihr Debüt-Album „Violent god“ präsentieren.
Rave Overdose dagegen in den Österreichhallen. Jamie Robert aka Blawan aus England serviert schnörkellosen Industrial Techno. Und wer am zweiten Festival-Freitag nach Mitternacht den Dancefloor betrat, der fühlte sich wie im Techno-Tempel Berghain. On stage Luna Vassarotti und August Skipper aka Operant. Das Berliner Duo torpedierte die Besucher mit ultraschnellen Techno-, Noise- und Experimental Beats, Trillerpfeifen und schräge Dance-Moves inklusive. Müde war danach keiner mehr. Und selbst die Hoffnung ist aus ihrem Tiefschlaf erwacht. Madder denn je…
www.oliverplischek.at
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