16.10.2017, 11:14 Uhr

Jugend ohne Kult: David Pfister von FM4: "Das Gute bleibt immer"

Leben wir in einer Zeit der Jugend ohne Kult? FM4-Journalist David Pfister gibt Auskunft. (Foto: Pamela Russmann)

Der Musiker, Autor und FM4-Moderator David Pfister über das Ende der Subkulturen, warum Nick Cave volksbildend ist und warum wir uns über den Musikgeschmack in zwanzig Jahren keine Sorgen machen müssen.

Wann und für welches Publikum wurde FM4 gegründet?
DAVID PFISTER:
 FM4 ging erstmals am 16. Jänner 1995 on air. In einer Zeit, als die alternative sogenannte Indie-Kultur eine bisher nicht dagewesene Relevanz in der Popwelt erreichte. 1992 war ein wichtiges Jahr, damals wurde Subkultur durch Nirvana zum Mainstream.

War FM4 ein Schritt, Nischenmusik für den Mainstream attraktiv zu machen? Und somit negativ?
FM4 bietet ein musikalisch wie auch inhaltlich alternatives Radioprogramm für alternativ denkende Menschen - das sehe ich extrem positiv. Es ist nicht vermessen zu sagen, dass die Gründung extrem wichtig für die popkulturelle Bildung in Österreich war. Das Radio als Fenster zur Welt, als Möglichkeit sich abseits großer Leitmedien zu informieren und sich Impulse zu holen. Damals gab es kein Internet - und auf einmal erhält man durch das Radio Informationen über Bands wie Suede. 

Welche Leute haben damals FM4 gehört und welche hören es heute?
FM4 wird von allen Menschen, die alternative Musik von Hip Hop bis Psychedelic Rock mögen und quer durch alle Altersstufen gehört. Viele Hörerinnen und Hörer aus den Neunzigern hören nach wie vor FM4. Und die Motive für 17-Jährige heute sind ähnlich wie jene der Hörer damals. Subkultur generell hat sich zwar verändert, ist aber natürlich nicht ausgestorben und wird versuchen sie in all ihren Facetten abzubilden.

Aber Gruftis, Mods und Punks sind aus dem Stadtbild verschwunden.
Sie sind nicht verschwunden, aber selbst diese zum Dogmatischen neigende Subkulturen, sind natürlich Evolutionen unterworfen. Und es gibt neue Subkulturen. Ich würde meinen, dass beispielsweise Deutsch Rap als emotionales Ventil dient, welches in den Achtzigern vielleicht Heavy Metal geheißen hat. Momentan erleben Psychedelic Rock und Eighties-Synth-Pop eine enorme Renaissance. Die Psychedelic Rock-Szene ist blutjung und klingt und sieht aus als hätte man die Protagonisten direkt aus dem Jahr 1976 gefischt. Das ist natürlich dem Internet und den damit verbundenen Recherche-Möglichkeiten geschuldet.

Inwiefern kannst du bzw. FM4 Trends setzen?
Wir dokumentieren. Die Jugend setzt primär Trends und als Popjournalist muss man diese erkennen und abbilden.

Warum bist du zu FM4 gegangen?
Ich habe Musik und Popkultur so geliebt, dass es für mich keine Alternative gab. Es ist nach wie vor mein Traumberuf.

Welcher Jugendgruppe warst du zugehörig?
Ich habe mich nie einer speziellen Jugendgruppe hingegeben, hatte aber natürlich gewisse Sympathien und Vorlieben. Ich fühlte mich der Mod-Kultur verbunden. Der Wunsch einer Gruppe zugehörig zu sein, hat natürlich besonders in jungen Jahren mit dem Trachten nach Identität zu tun. Aber auch das Begehren einer ästhetischen Elite anzugehören, so etwas wie einer Geheimgesellschaft. Dabei spielt das Überwinden von Stolpersteinen und Schwierigkeiten eine große Rolle. Für mich war es Anfang der Neunziger enorm schwierig, in Wien einen akzeptablen Parka zu bekommen. Die Möglichkeiten der virtuellen Welt versorgen zwar jeden jungen Menschen in Attang Puchheim via Amazon Prime innerhalb 24 Stunden mit einem tadellosen Parka, der allen Mod-Richtlinien entspricht, torpediert damit aber auch sein Streben nach Identität. Somit sehe ich die Mechanismen und damit auch den persönlichkeitsbildenden Aspekt von Subkulturen schon auch bedroht beziehungsweise auf jeden Fall großer Veränderungen unterworfen.

Hat sich das Ende der Jugendgruppen abgezeichnet?
Jugendgruppen und musikalisch geprägte Subkulturen werden nicht völlig verschwinden, aber sie werden wohl an Relevanz abnehmen.

Hat das Verschwinden der Subkultur mit dem Schwinden der Leidenschaft für Musik zu tun?
Ja, aber auch mit der Art wie Musik konsumiert wird. Popmusik hat nicht mehr die große Relevanz, Identitätsstiftend zu wirken.

Hat das Ende mit der Überschwemmung aus den USA begonnen? Sind, überspitzt formuliert, Beyoncé und Rihanna Schuld am Aus der Jugendkulturen?
Nein, genau das ist die heutige Jugendpopkultur. Beim schon erwähnten Deutsch Rap etwa funktionieren die Mechanismen eh noch einwandfrei.

Wie sieht Subkultur neben Deutschrap heute aus? Wer sind die neuen Mods und Gruftis?
Ich würde sagen, die Gamer. Die Game-Kultur nimmt etwas ein, was musikalisch geprägte Popkultur einst ausgemacht hat. Sie haben eigene Codes, eine eigene Sprache und erkennen sich untereinander.

Das ist eine kleine Gruppe. Wieso braucht die Welt keine Subkultur wie in den 80er mehr?
Ein Punkt ist sicher, dass aufgrund eines Gefühls der Unsicherheit Wenige das Bedürfnis haben, aufzubegehren. Rebellion war immer wichtig für die Jugend. Heute hat sie Furcht vor einer unsicheren Welt.

Wie konnte es passieren, dass der Gruftigott Nick Cave hitparadentauglich wurde?
Ein glücklicher Moment. Die Single "Where the Wild Roses Grow" war humoristisch gemeint, aber genau das richtige Lied zur richtigen Zeit. Ich finde es missionarisch gut und erstrebenswert, wenn immer mehr Leute gute Musik und gute Bücher kennenlernen. Nick Cave ist volksbildend und ich möchte, dass ihn immer mehr Leute kennen und hören.

Also keine Ungnade für Musiker, die Mainstream werden?
Nein, ich halte nichts von einer Indie-Elite. Das lehne ich ab. Wenn es Phänomene der Subkultur in den Mainstream schaffen, sehe ich das positiv. Ich bin für gute Musik und gute Kultur.

Du bist seit deiner Jugend Musiker, derzeit bei den "Buben im Pelz" und dem Projekt "The Devil & The Universe". Wie hat sich dein Publikum seit den Neunzigern verändert?
Da ich musikalisch mannigfaltig zwischen Austro-Rock und Industrial unterwegs bin, kann ich das schwer beantworten, da ich bei jedem Konzert vor einem völlig anderen Publikum spiele. Ich bin also in verschiedenen Popkultur-Avataren auf der Bühne unterwegs. Das ist sehr angenehm und mir auch wichtig. Denn ich verstehe auch als Erwachsener den Reiz und den Wunsch sich einer bestimmten Gruppe zugehörig zu fühlen. Allerdings hege ich ambivalente Gefühle Leuten gegenüber, die auch als Erwachsene einen totalen Subkultur-Absolutismus pflegen.

Wie würdest du mit drei Worten einem Teenager von heute Subkultur beschreiben?
Subkultur ist die Bezeichnung für abweichende Kultur einer Teilgruppe der Gesellschaft und für alternative Lebensführungen und Lebensstile.

Musikalischer Ausblick: Was hören wir in zwanzig Jahren?
Die Welt wird nach wie vor Beatles, Smiths und Cure hören. Klassiker bleiben, Elvis ist geblieben. Das Gute bleibt!

Zur Person

David Pfister ist ein Wiener Musiker, Autor und DJ und seit 1998 beim Radiosender FM4 als Moderator und Journalist tätig. Neben Sendungen wie "Connected", "Update" und "Lunapark" schreibt Pfister mit Eva Deutsch die Hörspielreihe "Sonja & Bernd", zu dem 2015 das Buch "Sonja & Bernd in Thailand" veröffentlicht wurde. Mit Clemens Haipl gründete Pfister 2004 die Electro-Wave-Band "Heirstyle"; mit Fritz Ostermayer, Christian Fuchs und Robert Zikmund 2007 die "Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune", die sich 2013 auflöste. Derzeit ist David Pfister in den Bands "Die Buben im Pelz", "The Devil & The Universe" und "Black Manna" tätig.

Mehr zu und von David Pfister auf fm4.orf.at/tags/pfister und facebook.com/david.pfister.

Hintergrund

Mehr Geschichten über Leute der Stadt, die in den Achtzigern einer Subkulturgruppe angehört haben oder sich damit auseinandersetzen, finden Sie in unserer Serie Jugend ohne Kult.
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Zoltán Odri aus Josefstadt | 16.10.2017 | 17:07   Melden
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