Mein Deutsch, mein Kroatisch
Gedanken zum Internationalen Tag der Muttersprachen: Herbstblätterstrauss, Cvrčak& die Wörterau
- Deutsch-Mehrsprachig
collage - Foto: Tatjana Christelbauer
- hochgeladen von Tatjana Christelbauer
Heute, am 21. Februar wird der Internationaler Tag der Muttersprachen gefeiert.
Der Gedenktag zur „Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt, Mehrsprachigkeit und des mehrsprachigen Unterrichts" wurde von der UNESCO im Jahr 1999 ausgerufen.
Das Thema des Internationalen Tages der Muttersprachen im Jahr 2021 lautet:
„Förderung der Mehrsprachigkeit für die Inklusion in Bildung und Gesellschaft“.
Hierzu wird erkannt, dass mittels Förderung von Sprachkenntnissen und mehrsprachiger Kompetenzen die gesellschaftliche Inklusion und damit auch der Schwerpunkt der Ziele für nachhaltige Entwicklung „leaving no one behind“, unterstützt werden kann.
Österreich ist ein mehrsprachiges Land. Die Amtssprache ist Deutsch,
jedoch wird im Schulunterricht auch in den Sprachen von autonomen Volksgruppen, sowie in anderen Sprachen bei Möglichkeit und Bedarf, unterrichtet. Auch die Gebärdensprache gilt in Österreich als Amtssprache.
Durch die aktuellen Beschränkungen in allen Bereichen des sozialen Lebens auf Grund der Corona Pandemie, wurde die virtuelle Landschaft zum täglichen Unterrichts-und Kommunikationsraum ausgebaut. Spartenübergreifend und generationsübergreifend wird digital gearbeitet, gelernt, kommuniziert.
Die sprachliche Vielfalt kann im Web ´frei´ gelebt und gelernt werden.
Die Vorteile digitaler Räume können zu solchen Bildungszwecken sehr gut dazu genützt werden, dass diverse Landessprachen, Bildungssprachen und auch Lebenssprachen nach individuellen Bedürfnissen und Interessen praktiziert oder auch neu gelernt werden können.
Insbesondere können die Kinder und Erwachsenen, die eine andere Erstsprache als Deutsche sprechen, ihre Sprachkenntnisse über digitale Tools verbessern, bzw. mittels Anwendung von digitalen Übersetzungstools kann die Auffassung von Lerninhalten erleichtert werden.
Dennoch, Distance-learning ist (noch) nicht für alle Kinder und deren Familien optimal möglich, sei es aus technischen oder aus anderen Gründen.
Die tägliche Anwendung der deutschen Sprache wird auch ohne Kindergarten-, Schul- oder Universitätsbesuch, beschränkt praktiziert.
Der Bedarf nach Anwendung der deutsche Sprache im Familienkreis ist dennoch vorhanden, wie ich es in meinem Familien-und Bekanntenkreis beobachten konnte. Insbesondere wandern die Kinder täglich aus ihre muttersprachliche Familienwelt in ihre deutsche Sprachen-und Lebenswelt.
Interessant finde ich dabei, mit welcher Leichtigkeit sich die Kinder zwischen ihren gelebten Sprachenwelten bewegen.
Oftmals erlebte ich es auch so während meiner Tätigkeit im Bereich der interkulturelle Bildung.
Die Begegnungen mit diversen Sprachen, das Kennenlernen von deren Melodien, sowie das Erlernen von diversen Begriffen verbinde ich mit freudigen Erlebnissen von diversen Klängen und Ausdrucksformen, welche ich auch zur Vermittlung von sprachlicher Vielfalt in meinem beruflichen Umfeld je nach Bedarf und Möglichkeit, eingebracht habe.
Hierzu wird über reine Sprachkenntnisse hinaus die Entwicklung des Zugehörigkeitssinns zu diversen Sprachen und mit diesen Sprachen verbundenen Lebenswelten ermöglicht.
Wenn die einzelnen Lebenssprachen nicht in konkurrierender Position zueinander gestellt werden, bzw. die gemeinsame Bildungssprache nicht über allen anderen, von Kindern in ihrem Familienkreis gelebten Sprachen gestellt wird und die einzelnen Sprachen im Bildungsalltag auch als Ressourcen einbezogen werden, können die mehrsprachigen Kompetenzen aller Kinder erweitert und der Zugang zu diversen Sprachen erleichtert werden.
Deutsch ist keine Fremdsprache für Kinder, die in Österreich aufwachsen. Es ist ihre Lebenssprache, die sie in ihrem Alltag auch mit ihren Familien leben und eine Beziehung zu deutsche, sowie zu ihre Erstsprache, entwickeln.
Beim Reflektieren über meinen Beziehungen zu diversen Sprachen schien mir die Wahrnehmung des Kroatischen, als eine onomatopoetische Sprache am interessantesten. Den bekannten Klang verbinde ich mit gelernten Versen und Gedichten in meiner Schule, mit Erzählungen meiner Großmutter, mit Stimmen meiner Eltern, mit ersten Konzertbesuchen und Schulballs, mit dem Zirpen von Zikaden beim Sommerurlaub in Dalmazien, mit dem Knistern des Feuers, mit Fliederduft und Veilchenstrauss ...
In einem Vers aus dem Gedicht Cvrčak vom kroatischen Schriftsteller, Politiker, Lyriker und Übersetzer, Vladimir Nazor, fand ich ein illustratives Beispiel über die lautmalerische Besonderheit des Kroatischen wieder:
„I cvrči, cvrči cvrčak na čvoru crne smrče...“
Beim Aussprechen von "cvrči" wir das Zirpen von Zikaden lautmalerisch nah erlebt!
Eine eigene Kreation zu Vermittlung meiner Erstsprache habe ich bei einem Projekt, anlässlich des jährlichen Feier des Europäischen Tages der Sprachen, kreiert: kroatisch-kreativ.
Hierzu habe ich die Diminutiv-Form des Begriffs "Ptičica" ( Deutsch: Vögelchen) dazu genützt, mittels artikulatorischer Phonetikübung, eine sanfte prosodische Impression zu erzeugen.
So wurde der Begriff "Ptica" (Deutsch: Vogel) verlängert und in Silben zergliedert, wodurch es für diejenigen, die Kroatisch nicht sprechen und solcher Lautbildungen nicht gewohnt sind, beim Aussprechen des Begriffes einfacher gewesen ist, diese Sprache in ihrer Klanglandschaft kennenzulernen: Pti, Pti-Ptičica.
Kreative und spielerische Zugänge zu diversen Sprachen ermöglichen freudige individuelle und auch gemeinsame Erlebnisse, so versuche ich auch, meine Muttersprache zu vermitteln und auch anderen Sprachen zu begegnen.
Vor lange Zeit war die deutsche Sprache eine fremde Landschaft für mich.
Eine sanfte Brücke zu dieser Sprache fand ich zunächst in der Natur, bei langen Spaziergängen im Landegger-Au in NÖ. Die Wörter dichteten sich mit Erlebnissen in eine neue Landschaft zusammen.
Die Farbenvielfalt lernte ich mit Jahreszeiten kennen: Herbstblätterfarben malten die Tage in weinrot, goldbraun und in wintersaatgrün. Später, im Dezember, tanzten die Schneeflöckchen aus schweren Winterwolken heraus und schmückten die Tannenzweige im Garten meiner Tante. (…)
Die Erzählungen aus dem Buch vom Peter Rosegger versuchte ich mit meinem anfänglichen Sprachverständnis in den stillen Winternachmittagen zu lesen und fand darin die Erinnerungsbilder aus meiner Kindheit bei meinen Großeltern am Land in Slawonien/Kroatien.
Im sprachlichen Neuland entdeckte ich immer mehr vertrautes.
In Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen während meiner Tätigkeit im Bildungsbereich lernte ich die traditionellen Kinderlieder, Gedichte, Sprüche und Erzählungen.
So konnte ich die Sprachenlandschaft der deutschen Sprache in diversen Facetten erleben, kennen- und lieben lernen.
Die Wörterketten umringten mein Herz, die Sprache fand ihren Platz darin.
Aus dem Bilderbuch „Komm, sagte die Katze“ von österreichischen Autorin Mira Lobe, lernte ich die Tierbezeichnungen kennen. Diese Erzählung blieb mir bis heute im Gedächtnis als ein wunderbares Beispiel dafür, wie die Nächstenliebe in Notsituationen wirksam werden kann und wie die Naturgewalt, diverse Gestalten in der Notsituation zusammen bringt, beim Zusammenhalten, die Ängste voneinander, in Vertrauen umwandelt werden.
Beim Veilchentee erzählte mir die Tagesmutter meiner Tochter über die Mundarten in Österreich und dass Menschen am Land gerne einander mit einem „pfiat di“ verabschieden.
Was ich am meisten in der deutschen Sprache liebe ist die Möglichkeit, diverse Begriffe miteinander zu verweben und auf diese Weise neue Bedeutungen und Sprachenlandschaften zu kreieren. Diese nenne ich die „Wörterau“
Wenn ich lese oder schreibe in deutscher Sprache kleide ich meine Gedanken mit Begriffen und Zeichen, die ich lebe. Es ist eine vertraute Landschaft geworden, in der ich mich wiederfinde. (…)
Die Muttersprache ist die Wiege, alle anderen Sprachen können gemeinsam in diversen Lebenswelten gelebt und geliebt werden.
Mehr über meine Projekte zum SprachenWeben kann bei Interesse über dem Weblink gelesen werden. Es ist ein langer weg der Selbstreflexion, Forschung und Praxis dahinter un darin. Hierzu versuche ich diese Erkenntnisse in möglichst einfacher Form weiterzugeben. Die Grundsäulen aus wissenschaftlicher Theorien und Methoden sind auf meiner Homepage SprachenWeb enthalten.
Es bedarf eine offene Grundhaltung jedeS einzelneN, diversen Landschaften, sozialen Gemeinschaften und Kulturen gegenüber, damit die Verwebungen gelingen, das Mitsein möglich-sein-kann. Sprachen als Teil diverser Kulturlandschaften, ja Kulturwelten zu betrachten kann motivierend wirken, diesen Welten näher zu begegnen.
Neu Lebensräume öffnen neue Selbsterkenntnisse, neue Entfaltungsmöglichkeiten, neue Beziehungen.
"Es gibt „keinen neuen Menschen und keine neue Welt ohne eine neue Sprache“.
Ingeborg Bachmann
(Zit. paraphrasiert)
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