13.06.2018, 09:10 Uhr

Einblick in das Laufhaus Wien Mitte: Über das Geschäft mit dem Sex

Geschäftsführer Peter Ulreich führt durch das neue Laufhaus Wien Mitte in der Zollgasse.

Lokalaugenschein im neuen Laufhaus in der Zollgasse: Sicher sei es, transparent und überhaupt sei man gegen Lohndumping engagiert. Das System Laufhaus wird gerne als die beste und sicherste Form der Prostitution beschrieben. Experten und Szene-Insider sehen das oft anders.

von Elisabeth Schwenter, Yvonne Brandstetter und Andreas Edler

LANDSTRASSE. Geworben wird mit "stylisch und sexy", "too hot to handle" oder "gaudeamus igitur: junge, neugierige Studentin lernt gerne dazu. Aber nicht nur aus dem Internet und aus staubigen Büchern". Auf dieser Homepage geht es allerdings nicht um unkonventionelle Nachhilfe für Studierende, sondern um Frauen, die ihren Körper für Geld feilbieten. Das älteste Gewerbe der Welt hat ein neues Etablissement: Das Laufhaus in der Landstraßer Zollgasse. Von außen wirkt das Gebäude unscheinbar. Die ohnehin nicht besonders schöne Ecke des 3. Bezirks wird äußerlich bestimmt nicht weiter abgewertet. Ganz im Gegenteil, ist der Eingang doch links und rechts von gepflegten Planzenbeeten flankiert. Geschäftsführer Peter Ulreich steht davor – in einer Hand einen Gartenschlauch, aus dem das Wasser Richtung Blumen spritzt, in der anderen Hand das Handy.

Ulreichs Mobiltelefon klingelt ständig. Der 32-Jährige antwortet immer freundlich und bestimmt, meist auf Englisch. Dieses und jenes Zimmer müsse noch fertig werden, hier und da muss er noch Elektriker, Putz- und Securitypersonal koordinieren, aber sich auch um Zustellungen kümmern. Ein Lieferant fährt vor. "Aja, das ist sicher der mit dem Fisting-Gel", sagt Ulreich. Auf das habe man schon gewartet. Ulreich hat als Geschäftsführer des Hauses gerade alle Hände voll zu tun, um das Haus im wahrsten Sinne des Worte zum Laufen zu bringen.


1,2 Millionen Euro Umsatz

Immerhin managt der ehemalige Türsteher jetzt eines der größten Laufhäuser der Stadt. Bei Vollbelegung sollen in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Wien Mitte rund 120 Prostituierte in 35 Zimmern arbeiten – die Frauen wechseln regelmäßig und arbeiten wochenweise. Sein Chef Hans-Peter Zwetti, der auch das Laufhaus in der Juchgasse betreibt, wird damit wahrscheinlich rund 1,2 Millionen Euro Umsatz im Jahr machen – bei kolportierten 700 Euro Wochenmiete pro Zimmer. Ulreich ist der Mann an vorderster Front, kümmert sich um die Sicherheit der Damen aber auch um alles, was eben gerade ansteht – dazu gehört derzeit auch die Bewässerung der Pflanzen im Eingangsbereich. Ulreich wirkt zufrieden, ist eigentlich begeistert. "Man hat im Leben nur einmal die Chance, so ein Haus von Grund auf mitaufzubauen", sagt der Wiener. Für ihn sei das eben ein Geschäft wie jedes andere auch.

Kindergarten: Petition gegen Laufhaus

So rational nimmt man das Etablissement im Dritten allerdings nicht wahr. Im Bezirk regt sich Widerstand. Dem Nachbarkindergarten in der Zollamtstraße ist das neue Laufhaus ein Dorn im Auge. Eine Petition wurde bereits der Politik übergeben. "Wir haben unsere juristischen Möglichkeiten geprüft und mussten zur Kenntnis nehmen, dass es leider keine rechtlichen Mittel gibt, das Laufhaus zu verhindern, solange die gesetzlichen Auflagen eingehalten werden", heißt es seitens der Geschäftsführung.

Mithilfe der Petition möchten die Kindergartenbetreiber die Wiedereinführung einer Schutzzone von mindestens 150 Metern in der Nähe von elementarpädagogischen Bildungseinrichtungen und Schulen erwirken. "Wir haben die Petition mehreren Vertretern auf Bezirks- und Landesebene überreicht und hoffen, dass diese in den zuständigen Gremien behandelt wird“. Auch Bezirkschef Erich Hohenberger (SPÖ) spricht sich für eben diese Schutzzone aus. Vom Laufhaus ist er zwar auch nicht begeistert: "Ich habe zwar keine große Freude damit, aber man kann hier rechtlich nichts machen", sagt der Bezirksvorsteher.

Während man sich nebenan schon Gedanken macht, wie man das Bordell wieder los werden könnte, huschen schon die ersten Kunden durch die Gänge – möglichst diskret und ohne Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen. Warum man sich bei Laufhäusern oft vor der Kundschaft fürchte, ist für Peter Ulreich ein Rätsel. Der durchtrainierte Mann arbeitet bereits seit fünf Jahren im anderen Laufhaus des Chefs – jenem in der Juchgasse.

Keine Probleme mit den Laufhaus-Kunden

Wenn man Ulreich glauben kann, dann habe es in der gesamten Zeit nur einmal Probleme mit Kundschaft gegeben. Oder "Wickel", wie Ulreich das auf wienerisch ausdrückt. "Auch nur, weil der Freier so betrunken war, dass er nicht mehr aufstehen wollte", sagt Ulreich. In so einem Fall ist er oder einer seiner Securities sofort zur Stelle und eskortiert den Herren hinaus. Nicht zu grob, weil übermorgen könnte der heute Betrunkene wieder ein völlig nüchterner Kunde sein. Ulreich ist ein Geschäftsmann.

Kritik: Frauen werden wie im Supermarkt präsentiert

Für die Journalistin und Mitbegründerin der Initiative "Stopp Sexkauf", Susanne Riegler, handelt es sich hier keineswegs um ein einfaches Geschäftsmodell. Schon die Berichterstattung über die künftige Eröffnung der Zollgasse hat Riegler gestört. "Als wäre das ein Supermarkt, so wurde es präsentiert", sagt sie. Riegler kämpft für ein Verbot von Sexarbeit, angelehnt an das schwedische Modell – das heißt die Kunden machen sich beim Kauf von Sex strafbar, während die Prostituierten straffrei bleiben. Dass Männer, etwa in ihrer Mittagspause, durch das Laufhaus gehen und gustieren, nur um dann vielleicht auch noch zu versuchen, den Preis zu drücken, das habe, so Riegler, einfach nichts mit Menschenwürde zu tun.

Gezeigt werden die Damen in der Zollgasse tatsächlich wie in einem Supermarkt. Vor den Appartement-Türen hängen Bildschirme, die Bilder der Mädchen wechseln im Sekundentakt. Die Zimmer selbst erinnern hingegen an ein durchschnittliches Boutique-Hotel. Sie sind sauber eingerichtet und nagelneu. Jedes hat eine kleine Küche mit zwei Herdplatten, Kühlschrank und Geschirr. Man erkennt, dass zumindest ein Hobby-Innenarchitekt am Werken war. In den Badezimmern ist auf den Fließen das Logo des Hauses eingraviert – die Skyline von Wien mit zwei kleinen Teufelchen drauf.

Was für Laufhäuser spricht

"Das Laufhaus ist eine Arbeitsstätte, die für viele Frauen gut ist - für andere unvorstellbar", heißt es vonseiten des Vereins LEFÖ, der sich gegen die gesellschaftliche Diskriminierung, Stigmatisierung und Kriminalisierung von Sexarbeiterinnen einsetzt. Für das Laufhaus spreche jedenfalls, dass Sicherheit groß geschrieben werde. "Es gibt Kameras, Alarmknöpfe und einen Portier." Zudem seien die Frauen in ihren Zimmern autonom und könnten diesen Bereich nach ihren Vorstellungen gestalten.

Alarmarmbänder als Standardausstattung

Peter Ulreich sieht sich als Dienstleister, der ein entsprechendes Angebot verkauft. "Es gibt eine Grundausstattung, in der die die Zimmer übergeben werden", sagt der Geschäftsführer. Die Leistung des Hauses: Zimmer, Grundausstattung wie Bettwäsche, Geschirr, Kondome und der Schutz durch den hauseigenen Sicherheitsdienst. Ein Aufpasser sei immer vor Ort. Die Damen können den Aufpasser mittels Alarmarmband verständigen. "Wenn das ausgelöst wird, sind wir in 25 Sekunden im hintersten Zimmer", sagt Ulreich. Darüber hinaus sorgt man seitens der Eigentümer natürlich für Marketing und die Bewerbung im Internet.



"Laufhäuser werden so präsentiert, als wären sie sicher und clean. Das sind sie aber nicht. Gesundheitliche Sicherheit ist für die Frauen nicht gegeben und von der psychischen Sicherheit wollen wir gar nicht reden", sagt Susanne Riegler. Tatsächlich wirbt auch das Laufhaus Zollergasse damit, dass die Frauen ein Gesundheitsbuch führen, in dem ihre regelmäßigen Untersuchungen verzeichnet sind. Alle sechs Wochen müssen registrierte Sexarbeiterinnen zum Test. An den Aufzeichnungen sollen Freier erkennen können, dass die Frauen keine Geschlechtskrankheiten haben. Doch die Realität, so Riegler, sei, dass von den Männern Sex ohne Kondom erwartet werde und die Frauen das anbieten müssen. Bei LEFÖ hat man hingegen noch wenig davon gehört, dass Frauen in Laufhäusern unter Druck gesetzt werden. Und das Gesundheitsbuch sieht man als Vorteil für die Sexarbeiterinnen. Für sie sei es wichtig, regelmäßig auf ihre Gesundheit zu achten.

Ehemalige Prostituierte: Ohne Gummi problematisch

Saskia Niemerski hat selbst in den 90er- und Nullerjahren als Prostituierte gearbeitet und ist mittlerweile aus dem Geschäft ausgestiegen. "Zu meiner Anfangszeit haben wir die Männer nicht einmal geküsst. Heute ist Verkehr ohne Gummi selbstverständlich", so die ehemalige Sexarbeiterin. Auch den Gesundheitspass sieht sie kritisch: Die Frauen im Laufhaus würden alle paar Wochen getestet. Dazwischen sei jedoch jede Menge Zeit und Gelegenheit sich mit Geschlechtskrankheiten anzustecken. Und wer testet eigentlich die Männer?

Diese Regeln sind allerdings auch im Laufhaus Zollgasse klar definiert. "Ohne Kondom geht gar nichts", sagt Peter Ulreich. Auch auf der Homepage wird an mehreren Stellen darauf hingewiesen, dass nichts ohne Schutz passieren darf. Was jedoch hinter verschlossenen Türen passiert, kann selbst Ulreich nicht kontrollieren. Und selbst wenn: In Österreich gibt es keine Kondompflicht. "Sexarbeiterinnen haben keine rechtliche Handhabe gegen Freier, die ohne Verhütung Sex haben wollen", sagt die ehemalige Prostituierte Niemerski. Natürlich hätte die Frauen jederzeit das Recht, Kunden an der Tür abzulehnen oder auch aus dem Zimmer zu werfen, sagt Ulreich.

In Deutschland gebe es sehr wohl ein Gesetz, das bei einer Anzeige hohe Geldstrafen für den Freier vorsieht. "Aber in Österreich gibt es das nicht. Und durch die Konkurrenz steigt der Druck enorm, es ohne Kondom zu machen", so Aussteigerin Niemerski. "Außerdem gibt es keine klaren Regelungen, was zum Beschäftigungsprofil einer Prostituierten gehört. Das ist nie festgelegt worden, es ist quasi ein rechtsfreier Raum, der gesundheitsgefährdend ist." Hinzu kommt das Überangebot an Laufhäusern – allein in Wien gibt es mindestens zehn davon –, das die Frauen dazu zwinge, billiger und offenherziger zu sein, als die Konkurrenz.

Was hinter den Türen passiert, kann und will Peter Ulreich nicht kontrollieren. Doch in seiner Schaltzentrale im Erdgeschoss hat er alle öffentlichen Flächen des Hauses auf Bildschirmen im Blick. Beim Lokalaugenschein serviert er Karamell-Kaffee. Der Geschäftsführer wirkt auf den ersten Blick nicht so, ist jedoch ein amikaler Typ. Er erzählt offen, was in seinem Haus eben passiere. Er behauptet, es würden auch immer wieder viele Österreicherinnen im Laufhaus arbeiten und nicht nur Osteuropäerinnen. Das wäre ein gängiges Klischee. Zu jung sollten sie auch nicht sein, sagt Ulreich. An 18-Jährige würde er keine Zimmer vermieten. Unerfahrene und Neueinsteigerinnen seien für die Häuser Zollgasse und Juchgasse tabu. Im Gegensatz zu vielen anderen Laufhäusern in Wien gibt es weder in der Juch- noch in der Zollgasse Altersangaben bei den Homepage-Profilen der Damen.

Damen haben oft keine Wahl

Gerade Herkunft und soziale Lage der Frauen ist für Susanne Riegler ein großes Problem. "Die meisten Frauen kommen nicht aus Österreich sondern aus dem Ausland, sind sehr jung, können kaum Deutsch und sind in finanziellen Notlagen." Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang oft von "struktureller Gewalt". Die Laufhausbetreiber, so Riegler, würden in den meisten Fällen festlegen, was die Frauen zu machen haben. Gewisse Dienstleistungen müssten von den Prostituierten angeboten werden, sonst würden sie nicht angestellt. "Manche Laufhäuser werben mit Gang-Bang Partys oder Vergewaltigungen. Auf den Webseiten der Häuser liest man dann „Ficken bis der Arzt kommt" und dass das „Schluckluder“ bis zu 30 Männer auf einmal nimmt." Riegler sagt, es sei ihr wichtig, dass man benennt, was wirklich passiere. Immerhin verdiene auch die Stadt daran und die Bordellbetreiber wären Teil der gesellschaftlichen Elite. Das treffe natürlich auch auf die Kundschaft zu.

Zollgasse: Mindestpreise gegen Lohndumping

Das neue Bordell in der Zollgasse wirbt im Internet nicht mit solchen Angeboten. Und doch liest man auf der Seite des Hauses: "Neben jeder Tür finden Sie einen Bildschirm, auf dem Sie eine Diashow mit vielen aussagekräftigen Bildern (...) betrachten können. Unsere Damen sind selbstständig und werden sich deshalb besonders bemühen, Ihren Wünschen gerecht zu werden." Für Peter Ulreich ist klar: Die Damen sind selbstständig und dürfen in ihren Zimmern machen, was sie wollen. Lohndumping will man allerdings sehr wohl unterbinden: Es gelten vorgeschriebene Mindestpreise, die auch in allen Zimmern aushängen.

Viele Experten sind sich einig: "Straßenstrich ist das Schlimmste, weil auf der Straße Schutzgelder verlangt werden. Jede Form, die nicht im Freien stattfindet, ist grundsätzlich besser", sagt etwa Anna Mayerhofer vom Verein Solwodi. Der Verein hilft Frauen, die aus der Sexarbeit aussteigen möchten. Hier können die Damen in Notwohnungen leben, wenn sie beschließen, ein neues Leben zu beginnen. "Der Ausstieg kommt oft dann, wenn die Frauen schwanger werden", so Mayerhofer. Das sei allerdings schwierig: Oft würden die Prostituierten im Laufhaus leben und hätten überhaupt kein eigenes Zuhause.

Die Zollgasse wirbt weiterhin mit "gaudeamus igitur" und einer vermeintlichen Studentin, die sich ihr Studium durch Prostitution finanzieren will. Die tatsächliche soziale Herkunft und soziale Schichtzugehörigkeit der Laufhaus-Damen sieht in der Realität allerdings oft anders aus. Ganz konträr zur Kundschaft, die sie bedienen.
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