Liste der jüdischen NS-Opfer auf der Prater Hauptallee

Schon am ersten Tag wurde die Strecke mit den Namen lang.
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LEOPOLDSTADT. Ein Sommernachmittag im Prater: Es vermischen sich Achterbahnfahrer, Sportler und Spaziergänger. Am Beginn der Hauptallee sieht man außerdem eine Gruppe von Menschen in Warnwesten, die sich in das gewohnte Bild nicht so recht fügen will: Sie knien am Boden und schreiben mit Kreide Namen um Namen auf den Asphalt.

Es sind die Teilnehmer des Projektes Schreiben gegen das Vergessen, das die Künstlerin Margarete Rabow initiiert hat. Eine Woche lang werden auf der Prater Hauptallee die Namen aller 66.000 österreichischen Schoah-Opfer auf den Boden geschrieben. Am Ende soll die Liste, die mehrere Meter breit ist, vom Beginn der Hauptallee bis zur Meiereistraße reichen.

"Die Menschen werden anwesender"

Die Gründe, warum Menschen bei der Aktion mitmachen, sind vielfältig: Angelika Boss etwa ist seit einer Stunde da und hat bereits erlebt, das sie das Schreiben am Boden in einen meditativen Zustand versetzt: "Es steigen vor meinem geistigen Auge Bilder und Fotos aus dieser Zeit auf. Die Menschen, um die es geht, werden dadurch anwesender." Boss gefällt die Herangehensweise der Aktion, sie findet sie kreativ und eine gute Möglichkeit, die Zahl der Opfer plastisch vor Augen zu führen. Sie fühlt sich auch an jene Bilder des Nazi-Terrors erinnert, die Juden mit Zahnbürsten zeigen, die den Boden putzen müssen, und fühlt so eine physische Parallele. Die Schuld der Deutschen und Österreicher habe sie ihr ganzes Leben lang begleitet, sagt Boss, die Wurzeln in beiden Ländern hat.

Die Schuldfrage, sagt David Wöhrer, der wenige Meter entfernt schreibt, sei jetzt endgültig geklärt und stünde nicht mehr zu Diskussion. Seine Generation, sagt der junge Mann, habe jetzt die Verantwortung, dass das Geschehene nicht vergessen werde  – etwas, das mit dieser Aktion auch zum Ausdruck komme.

"Jeder Name bekommt Bedeutung"

Noch jünger als Wöhrer sind Lily Teglasy und Jasmin Schneider, die gemeinsam zu Schreiben gegen das Vergessen gekommen sind – Schneider besucht ihre Freundin gerade in Wien. "Wir dürfen nicht vergessen", sagt auch Teglasy. Obwohl ihre Generation nichts mehr mit dem Holocaust zu tun habe, sei er noch immer omnipräsent. Sie selbst hat ungarische und jüdische Wurzeln und in ihrer Familie gibt es NS-Opfer. Der Holocaust spielt in ihrer persönlichen Geschichte also eine große Rolle. Die abstrakte, große Opferzahl herunterzubrechen auf einzelne Schicksale, dabei helfe die Aktion, sagt ihre Freundin Schneider: "Jeder einzelne Name bekommt so Bedeutung."

Mit dem Verlauf des ersten Tages ist Organisatorin Rabow zufrieden: 34 Menschen sind bisher zum Schreiben erschienen. Bis Donnerstag, 28. Juni, läuft die Aktion noch täglich von 10 bis 19 Uhr. Wer mitmachen will, kann sich auf der Homepage anmelden. 

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