"Wir brauchen ein neues Wirtschaftssystem"

StadtRundschau: Sie beschäftigen sich mit globalen Themen, die für uns regional große Auswirkungen haben. Woran krankt die Welt?
Gerhard Zwingler: Eine der wesentlichen Aufgaben auf dieser Erde für ein gedeihliches Zusammenleben aller Menschen ist die Überwindung des Schuldgeldsystems. Dieses bringt uns unnötig in eine Drucksituation. Wir haben derzeit eine starke Umverteilung von fleißig nach reich. Das Geld der Reichen vermehrt sich, ohne dass diese dafür arbeiten müssen. Gleichzeitig muss sich immer jemand verschulden, damit Geld im Umlauf ist. Dabei geht es nicht um Neid. Die Frage ist: Wie wollen wir eigentlich leben? Man denkt immer über Geld nach und macht sich Sorgen, genug zu haben, stattdessen sollte uns das Geld aber dienen und uns Dinge ermöglichen. Es muss möglich sein, etwas zu entwickeln das der Gemeinschaft dienen, ohne sich Gedanken machen zu müssen, wie man dieses Produkt am besten für sich vermarktet, um wirtschaftlich überleben zu können.

Was sind da Ihre Ansätze?

Die Wirtschaft funktioniert dann am besten, wenn wir alle ausreichend Geld haben. Dafür muss zuerst die Geldschöpfung wieder in die Hand des Staates. Dass sich der Staat, das sind wir, bei Privaten verschuldet, für ein Geld, dessen Schöpfung und Verteilung wir in Auftrag gegeben haben, ist ein nicht mehr zu akzeptierender Zustand und zusehen, wie Staaten verarmen und Menschen sich wegen der Geldkrise das Leben nehmen. Es ist unterlassene Hilfeleistung, wenn wir jetzt nicht unser Geldsystem reformieren. Dabei entstehen auch keine Kosten, ganz im Gegenteil: Kein Staat, keine Stadt und auch keine Gemeinde dürfte verschuldet sein, sondern sollte durch Gemeinwohlinvestitionen Geld in Umlauf bringen. Geld herzustellen kostet heutzutage ja nichts mehr, es sind nur Daten im Computer. Die Geldschöpfung, die derzeit von privaten Banken aus dem Nichts erfolgt, ist ein legaler, jedoch moralisch unrechtmäßiger Raubzug, da damit auf reale Ressourcen zurückgegriffen wird. Darüber hinaus brauchen wir ein Grundeinkommen für alle Bürger und damit verschwindet auch die Angst, dass wir keine Pension mehr bekommen könnten.

Wie wirkt sich das auf den Faktor Arbeit aus, wenn die Menschen ein Grundeinkommen erhalten?
Ein Wirtschaftssystem muss ja uns Menschen dienen und nicht umgekehrt. Es ist dann auch nicht nötig 40 Stunden in der Woche zu arbeiten, maximal 20 Stunden reichen völlig aus, da viele Tätigkeiten schlicht überflüssig werden. Das ist eine sehr wichtige Befreiung zur Steigerung der Lebensqualität.

Es besteht nicht die Gefahr, dass keiner mehr arbeiten geht?
Ich würde auch völlig unruhig werden, hätte ich nichts zu tun. Es liegt nicht in der Natur des Menschen, den ganzen Tag vorm Fernseher zu liegen. Natürlich wird es Menschen geben, die etwas machen wollen, das belegen auch viele Studien. Und dadurch können diese ihr Einkommen auch weiter erhöhen. Ganz im Gegenteil: Wenn die Menschen nicht unter Druck und Angst leben, können sie sich viel besser entfalten.

Die Umwelt spielt bei Ihren Überlegungen eine wesentliche Rolle, wie kann die Ausbeutung des Planeten eingedämmt werden?
Wir brauchen ein Besteuerungssystem, das Produkte umso höher besteuert, umso schädlicher sie für die Umwelt sind. Schon bei meiner Doktorarbeit habe ich ein System entwickelt, wie man umwelt- und soziale Standards festlegen kann. Derzeit arbeiten wir mit der Linzer Firma X-net an der digitalen Umsetzung eines Nachhaltigkeitskompasses. Damit ist eine transparente Bewertung der Auswirkungen auf die Lebensqualität, Gebrauchsnutzen, Lebensgrundlagen und Unternehmensführung möglich. Dieses Tool wird noch in diesem Jahr eingeführt.

Ähnlich funktioniert auch Ihre Plattform. SonnenZeit — Spiel des Lebens.
Richtig. Hier nutzen wir eine selbstverwaltete gemeinschaftliche Komplementärwährung, die auf Zeit basiert und stellen Gemeinden eine Art Abgabe, den Nachhaltigkeitsausgleich für Produkte, zur Verfügung. Es gibt dort drei Stufen, die mit einem Startguthaben von zehn Stunden beginnen und sich über ein ausgabenbezogenes Grundeinkommen bis zum Konto ohne Limit entwickeln. Bei der Sonnenzeit sind bereits circa 160 Personen registriert, ein Drittel davon bezieht bereits einem ausgabenbezogenes Grundeinkommen.

Handelt es sich hierbei aber letztlich nicht auch um ein Geschäftsmodell, dass nach Erfolg strebt?
Wir leben eine Modellökonomie mit einem neuen Geld und einem Belohnungssystem für soziales und ökologisches Engagement. Auf unserer Erde könnte man so gut miteinander leben. Wenn durch unsere Ideen andere angestoßen werden und sich ermutigt fühlen, noch etwas Besseres zu entwickeln, freue ich mich sehr. Mir ist vor allem wichtig, dass sich der Geist für einen positiven Wandel zum Wohle aller Menschen verbreitet.

Autor:

Stefan Paul Miejski aus Linz

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