05.06.2017, 00:00 Uhr

"Darmerkrankungen nehmen stark zu"

Eine intakte Darmflora trägt viel zum persönlichen Wohlbefinden bei. (Foto: Udo Kroener/Fotolia)

Experte informierte bei Mini Med-Studium in Linz über Darmerkrankungen – von Durchfall bis Krebs.

Erkrankungen des Darms sind nach wie vor mit einem starken Tabu behaftet. Das Reden über Ausscheidungen fällt vielen schwer. "Dabei betrifft das Thema uns alle. Dickdarmkrebs ist die zweithäufigste Krebsart in Österreich und chronisch-entzündliche Darmkrankheiten nehmen in westlichen Ländern immer mehr zu", sagt Internist Axel Hiebinger, Leiter der Ambulanz für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen an der Kepler Uniklinik, beim Mini Med-Vortrag in Linz.

Rasche Diagnose ist entscheidend

Unter die Gruppe der chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) fallen vor allem Morbus Crohn (Entzündungen im gesamten Magen-Darm-Bereich) und Colitis ulcerosa (Entzündung des Dickdarms). Als Ursache wird etwa das Ernährungsverhalten vermutet, das im Darm zu Entzündungen führen kann. In beiden Fällen gehören etwa lang anhaltende Durchfälle mit bis zu 40 Mal Stuhlgang am Tag, Blutungen im Stuhl oder Erschöpfungszustände zu den Symptomen. "Je nach Ausprägung können die Krankheiten die Lebensqualität der Patienten stark beeinträchtigen und sich auch auf die Seele auswirken", sagt Hiebinger. Entscheidend für den Krankheitsverlauf ist eine rasche Diagnose. Dafür muss sich der Patient einer Darmspiegelung, bei Verdacht auf Morbus Crohn auch einer Magenspiegelung unterziehen. "Vor allem bei jungen Patienten oder wenn sehr viele Darmabschnitte befallen sind, ist eine rasche Therapie wichtig, um eine spätere Operation wenn möglich zu vermeiden", so der Experte. Obwohl aktuell noch keine Heilung möglich ist, sind beide Krankheitsbilder, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, mit Hilfe entsprechender Medikation gut therapierbar.

Problem Reizdarm

Besonders häufig tritt in Europa auch das sogenannte Reizdarmsyndrom auf. Elf Prozent aller Europäer sind davon betroffen, vor allem jüngere Menschen und Frauen. Die Patienten verspüren Schmerzen im Bauch, haben Blähungen und oftmals das Gefühl, ihren Stuhl nicht vollständig aus dem Darm entleeren zu können. Auch Durchfall und Verstopfung sind häufige Begleiterscheinungen. "Ein Reizdarmsyndrom liegt erst dann vor, wenn die Symptome über einen Zeitraum von drei Monaten mindestens einmal pro Woche auftreten", erklärt Hiebinger. Helfen können krampflösende Medikamente sowie eine gesunde Ernährung ohne Fertigprodukte, viel Gemüse und wenig Fleisch. In Kombination mit einem Reizdarm oder einer CED treten oft auch Nahrungsmittelintoleranzen auf. Besonders häufig sind Unverträglichkeiten von Milch (Laktose) oder Fruchtzucker (Fruktose). Diese können mittels Atemtest diagnostiziert werden. Wer an einer Zöliakie leidet, sollte hingegen auf Gluten verzichten.

Durchfall und Verstopfung

Besonders unangenehm für die Betroffenen sind Durchfall und Verstopfung. Von Durchfall spricht man, wenn öfter als drei Mal pro Tag wässriger Stuhl auftritt, bei weniger als drei Stühlen pro Woche leidet man an einer Verstopfung. Hinter Durchfällen steckt oft eine Infektion mit Viren oder Bakterien, aber auch eine Lebensmittelvergiftung oder Laktoseintoleranz können die Ursache sein. Besonders gefährlich ist der hohe Flüssigkeitsverlust. "Dadurch kann es zu Kreislaufbelastungen kommen. Man sollte also darauf achten, dem Körper verstärkt Flüssigkeit zuzuführen, etwa Wasser oder Kamillentee", rät Hiebinger. Von einer dauerhaften Einnahme "stopfender" Medikamente rät der Experte ab: "Durchfall ist eine Abwehrreaktion des Körpers, bei der Infektionserreger hinausgespült werden sollen." An einer Verstopfung wiederum leiden viele nach der Einnahme bestimmter Medikamente, etwa Antidepressiva oder blutdrucksenkender Arzneimittel. Auch der zu geringe Konsum von Ballaststoffen und Bewegungsmangel tragen dazu bei, dass Stuhl nicht regelmäßig entleert werden kann. Dann kommt es meist zu Bauchschmerzen, Blähungen und starkem Pressen bei der Stuhlausscheidung.

Vorsorge kann Leben retten

Weitere Darmerkrankungen sind etwa Clostridium difficile, das meist nach der Gabe von Antibiotika (Penicilline) auftritt oder Divertikulose, eine Bindegewebsschwäche der Darmwand. Polypen sind gutartige Wucherungen der Schleimheit, die aber – wenn sie unentdeckt bleiben – zu Krebs führen können. Die Patienten nehmen meist sehr lange keine Symptome wahr. Erst das Wachstum der Polypen kann zu Schleim im Stuhlgang und Bauchschmerzen führen. Auch Blut im Stuhl und ein Darmverschluss können Anzeichen für Polypen sein. "Da Polypen eine Vorstufe von Darmkrebs sind, sollten sie unbedingt abgetragen werden. Das ist im Rahmen einer Darmspiegelung möglich. Eine Operation ist nur nötig, wenn der Polyp sehr groß ist", so Hiebinger. Doch nicht nur Polypen können Darmkrebs verursachen. Auch Übergewicht, erhöhte Leberwerte und Diabetes sowie entzündliche Darmerkrankungen können Auslöser sein. Auch eine Vererbung ist möglich. "Darmkrebs verursacht oft jahrelang keine Symptome. Anzeichen sind etwa eine Änderung der Stuhlgewohnheiten, Darmkrämpfe, Blut im Stuhl, ein ungewollter Gewichtsverlust oder ein plötzliches Sinken der Leistungsfähigkeit." Hiebinger rät zur regelmäßigen Darmspiegelung, spätestens ab dem 50. Lebensjahr: "Die Früherkennung kann Leben retten."

Spannendes Forschungsfeld

Was das Wissen über die Bakterien anbelangt, die unseren Darm besiedeln, "stehen wir derzeit noch ganz am Anfang", so der Experte. Klar sei jedoch, dass das sogenannte Mikrobiom (die Gesamtheit aller Mikroorganismen sowie deren Gene) uns massiv beeinflusst. Es steuert, wie wir Nahrung verstoffwechseln, Energie aufnehmen, Vitamine synthetisieren u.s.w. "Es wird sogar vermutet, dass die Bakterien steuern, was wir gerne essen, indem sie quasi ,bestellen’, womit sie gerne versorgt werden möchten", so Hiebinger. Es handle sich hier um ein Feld, das derzeit stark beforscht wird. "Das beste Medikament ist jedoch noch immer die tägliche Ernährung, die großen Einfluss auf die Zusammensetzung des Mikrobioms hat. Positiv sind Ballaststoffe, Probiotika und Präbiotika, negative Auswirkungen haben Antibiotika und übertriebene Hygiene."

Mini Med: Augengesundheit

Das nächste Mini Med-Studium steht unter dem Motto " Augenerkrankungen". Matthias Bolz, Interim. Vorstand der Klinik für Augenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum Linz, informiert über die Möglichkeiten der modernen Augenchirurgie. Der Vortrag findet am 14. Juni ab 19 Uhr im Neuen Rathaus statt – wie immer bei freiem Eintritt. Mehr Infos zum Mini Med-Studium und viele spannende Gesundheitstipps finden Sie online auf minimed.at
1
Einem Mitglied gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.