28.05.2018, 12:41 Uhr

Leserbrief: 360 Beratungsstunden im Südburgenland können nicht stattfinden

Magdalena Freißmuth (li.) von der Frauenberatungsstelle Oberwart appelliert an Bundesministerin Bogner-Strauß. (Foto: Frauenberatungsstelle Oberwart)

Schockiert hinsichtlich der Kürzungen des Budgets für Familienberatung schreibt die Leiterin der Frauenberatungsstelle Oberwart, Magdalena Freißmuth, einen Offenen Brief an Bundesministerin Bogner-Strauß.

SÜDBURGENLAND. „Diese Beratung ist Gold wert“, sagen viele Frauen, die unsere Beratungseinrichtungen in Oberwart, Güssing und Jennersdorf aufsuchen.

2.470 Beratungsstunden
In den drei von „Frauen- für Frauen Burgenland“ bedienten Bezirken sind im Vorjahr Beratungen im Ausmaß 2.470 Stunden durchgeführt worden. Die Nachfrage ist im ersten Halbjahr 2018 bereits wesentlich höher gewesen als das vom Bund finanzierte Angebot. Die Beratungszahlen des 1. Quartals zeigen einen Anstieg um bis zu einem Drittel.
Die Region Südburgenland wird von vielen Menschen als "natürlicher und lebenswerter“ Raum betrachtet, stellt die hier lebenden Frauen allerdings auch vor große Herausforderungen bzw. oft enorme Alltagsbelastungen.

Daten & Fakten
Laut aktuellem Frauenbericht (Quelle: Statistik Austria, Erhebungen 2015) sind 34 % der erwerbstätigen Männer Wochenpendler, gegenüber 15,5% der erwerbstätigen Frauen. Damit sehen sich sehr viele der Frauen, die uns aufsuchen de facto als Alleinerzieherinnen, sie tragen die Verantwortung für die Familie, die gedeihliche Entwicklung der Kinder sowie Haus, Garten, Eltern und Schwiegereltern, Tiere etc. Sie müssen Beruf und Familie vereinbaren, viele Wege (zu Geschäften, zur Schule, zu Ärzten, Behörden etc). zurücklegen, häufig auch als Taxi für Kinder und/oder Angehörigen. Fast täglich hören wir von Frauen, dass sie kaum oder gar keine Freizeit haben. Bekannt ist, dass der Gender gap in ländlichen Regionen noch größer ist, als im österreichischen Durchschnitt.

Großer Druck
Akute und latente Lebenskrisen, Beziehungsprobleme, Gewalt, Erziehungsfragen, Überforderung, Schwierigkeiten in der Schule, individuelle Schicksalsfälle, Verlust des Arbeitsplatzes, akute und latente finanzielle Engpässe, drohende Delogierungen, Zukunftssorgen und Zukunftsangst, das sind nur einige Themen, mit denen Frauen, Paare oder eben Familien in die Beratungseinrichtungen von „Frauen für Frauen Burgenland“ kommen. Diese Problemlagen werden weder durch den Familienbonus kompensiert, noch durch die angekündigten aber derzeit noch völlig unklaren Sachleistungen.

Kürzung um 1 Million Euro
Die Österreichische Bundesregierung hat die Budgetmittel für Familienberatung österreichweit um 1 Mio. Euro gekürzt, was eine durchschnittliche Reduktion um 8 % bedeutet. Die Folgen dieser Entscheidung hat der Österreichische Dachverband Familienberatung hinreichend beschrieben, die Protestnote ist Ihnen bekannt.
Die Südburgenländischen Frauen-, Mädchen- und Familienberatungsstellen werden durch die spezielle Berechnungsart - die Förderung im Jahr 2016 soll als Basis für die Berechnungen herangezogen werden - in noch wesentlich höherem Ausmaß betroffen sein, nämlich durch eine Kürzung von 15,8 % gegenüber dem Vorjahr. Rechnen wir den Steigerungsindex von 2017 auf 2018 dazu, beträgt die Kürzung sogar 18,3 %.

360 Beratungsstunden weniger
Umgerechnet auf das Beratungsangebot bedeutet das, dass in den drei Bezirken Oberwart, Güssing und Jennersdorf mehr als 360 Beratungsstunden entfallen werden. Dabei ist die Familienberatung Jennersdorf als Außenstelle von Güssing mit der Neu-Eröffnung der Frauen- Mädchenberatungsstelle erst im Vorjahr eingerichtet worden.
Finanzielle Einbußen in der Familienberatung bedeuten außerdem den Verlust gut ausgebildeter und erfahrener Beraterinnen, die sich die Mitarbeit in unseren Einrichtungen finanziell nicht mehr leisten können. Sollte zur Kompensation verloren gegangener Mitarbeiterinnen auf Honorarkräfte zurückgegriffen werden müssen, ist mit dem Verlust weiterer Beratungsstunden zu rechnen.

Schwächung der Region
Ländliche Randregionen, wie das Südburgenland, sind ohnehin und teilweise schwer von schwindender dörflicher Infrastruktur und Abwanderung betroffen. Jede Rücknahme von Leistungen trägt ein Stück zu dieser Entwicklung bei und schwächt die gesamte Region.
Frauen für Frauen Burgenland arbeitet immer am Limit. Wir „spinnen Fördergelder zu Gold“.
Damit wir das weiterhin können, ersuchen wir mit Nachdruck, diese Einsparungsvorhaben noch einmal zu überdenken. Gerne stellen wir uns für einen inhaltlich sachlichen Austausch zur Verfügung und gerne zeigen wir unsere Arbeit vor Ort.

Für den Verein
Mag.a Magdalena Freißmuth
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