04.06.2015, 00:00 Uhr

Anraser denken eine Ecke weiter

ANRAS. Auf Initiative von Univ.-Doz. Dr. Martin Stuchtey, Director of McKinsey Center for Business & Environment, München und Univ.-Prof. Dr. Johann Füller, Professor für Innovation and Entrepreneurship am Department of Strategic Management, Marketing and Tourism der Universität Innsbruck fand vom 08.05.2015 bis 09.05.2015 in Zusammenarbeit mit dem Heimatpflegeverein Anras ein Workshop unter dem Titel „Anras:vordenken, Zukunftsprojekt Anras 2020+“ am Seminarhof Kollreid statt.

Unter Mitarbeit von 40 internationalen Masterstudenten des Studiengangs „Innovation and Entrepreneurship“ der Universität Innsbruck wurden mögliche wirtschaftliche und touristische Zukunftsstrategien für die weitere nachhaltige Entwicklung der Gemeinde Anras diskutiert und erarbeitet.

Im Rahmen einer Begehung fand ein Lokalaugenschein der Naturschätze sowie der profanen, sakralen und volkskundlichen Besonderheiten der Gemeinde statt.
Einhellig wurde das bisher ungenutzte große touristische und wirtschaftliche Potential der Gemeinde hervorgehoben und die Stärken und Schwächen der Gemeinde diskutiert.
Die Probleme betreffen Einwohner sowie potentielle Touristen und Besucher. So ist mittlerweile von den ursprünglich vier Anraser Gasthäusern nur noch ein einziges in Betrieb. Neu renovierte Kulturjuwele wie Schloss Anras und der Anraser Kornkasten sind seit 2014 geschlossen.


Modern zurückdenken und nachhaltiges Auftanken

Unter dem Motto „Modern zurückdenken“ wurden von den Wissenschaftern Authentizität, Regionalität und Interaktivität als Basisfaktoren einer touristischen Entwicklung der Gemeinde erkannt. Die Abgeschiedenheit und Unbekanntheit des Ortes wurden sowohl als Schwäche als auch als mögliche Stärke erachtet.

Mit dem Begriff „Nachhaltiges Auftanken“ wurde auf die vielfältige Nutzbarkeit und Bedeutung der vielen Bäche der Gemeinde und des Wassers als Potential hingewiesen, sowohl als Grundnahrungsmittel, als auch als Arbeitsmittel, historisch für Mühlen und Sägewerke, heute zur Energieerzeugung zum Beispiel für Elektromobilität und als „Kraftplatz“ für Touristen. Den derzeitigen Trend nutzend könne Anras eine Vorreiterrolle bei Elektromobilität und beim E-Bike-Tourismus einnehmen und somit den steilen aber reizvollen Anstieg aus dem Drautal von einem Nach- in einen Vorteil verwandeln.

Auf Stärken fokussieren

Aufbauend auf der gut erhaltenen und revitalisierten Bausubstanz des Dorfkernes mit Schloss Anras als Zentrum sollen sich die Angebote der Gemeinde ergänzend dazu entwickeln mit dem Ziel, ein weiterer attraktiver Anlaufpunkt im Gesamterlebnis Pustertal darzustellen.

Schloss Anras soll als kulturelle Plattform mit Musik-, Kunst- und Kulturveranstaltungen, aber auch als Ausgangspunkt für aktives und interaktives Wandern zum Entdecken von Geschichte, Kultur und Natur inszeniert werden. Nur so, war die einhellige Meinung, werden Gäste in der Gemeinde gehalten und kann eine entsprechende Wertschöpfung aus dem Tourismus gezogen werden.

Die Verknüpfung der Angebote mit dem bestehenden Wander- und Wegenetz und der umgebenden Alm- und Bergseenwelt wurde als wesentlich erachtet. Ziel sei es, ein Gesamterlebnis zu kreieren und nicht nur Orte und Objekte zu errichten und zu erhalten, sondern diese auch zu beseelen und Geschichten wiederaufleben zu lassen. Dabei stellt die Einbindung und Mobilisierung der Dorfbevölkerung als Träger und Partner bei der Umsetzung einen Eckpfeiler bei der Durchführung aller Vorhaben dar.

Agrarinnovation und Wertschöpfungskette

Dr. Martin Stuchtey und Dr. Robert Perfler betonten die Notwendigkeit für mehr lokale Agrarinnovation. Die Landwirtschaft der Gemeinde sei gekennzeichnet durch eine viel zu geringe Wertschöpfung.
Rinderzucht alleine, noch dazu in ertragsschwachen Bergregionen, ohne Innovation und Teilhabe an einer verlängerten Wertschöpfungskette zu betreiben, sei sowohl im lokalen als auch im globalen Wettbewerb unzureichend. Zudem sei die derzeitige konventionelle Landwirtschaft ein System abnehmender Grenzerträge und somit an ihren Leistungsgrenzen angelangt.
Sich als Landwirt nur auf die Unterstützung der Allgemeinheit in Form von Beihilfen und Förderungen zu verlassen sei zu wenig, ja belaste die Allgemeinheit, da sie ihr finanzielle und materielle Ressourcen entziehe, welche anderswo, insbesondere im innovativen Bildungs- und Forschungsbereich fehlten.

Zukunftsprojekt „Anras 2020 +“

Werner Goller stellte schließlich das Konzept „Anras 2020+“ vor, das ausgehend von der ursprünglichen Idee des Heimatpflegevereins Anras, einen historisch wertvollen Bauernhof der Gemeinde, den „Orthof“ zu retten und an eine neue Destination zu transferieren, entwickelt wurde.

Dieses ehrgeizige Vorhaben scheiterte an seiner fehlenden Wirtschaftlichkeit.
Aus der ursprünglichen Idee entstand ein wirtschaftliches, energetisches und touristisches Gesamtkonzept für die Gemeinde.
Dieses umfasst fünf Säulen: das Pfleggerichtshaus bzw. Schloss Anras, den Anraser Kornkasten, die elf Kirchen und Kapellen der Gemeinde, die volkskundlichen Denkmäler in Verbindung mit einem informativen Ausbau des Anraser Wanderwegenetzes.

Anras wird weiter wirtschaftswissenschaftlich analysiert

Die Veranstaltung traf auf reges Interesse bei der internationalen Studentenschaft. In Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck wird das Konzept „Anras:vordenken“ im Rahmen einer wirtschaftswissenschaftlichen Masterarbeit weiter ausgearbeitet und verfolgt.
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