"Achte den Täter, ächte die Tat!"
Einblicke in die Straffälligenhilfe des Vereins Neustart
- Andreas Leitner, Standortleiter von Neustart in Ried, und Josef Landerl, Leiter Neustart Oberösterreich.
- Foto: Mein Bezirk/ Bernadette Wiesbauer
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In welchen Bereichen ist der Verein Neustart aktiv? Warum ist ein elektronisch überwachter Hausarrest für alle Beteiligten oft die bessere Lösung? Was bedeutet es, die Täter zu achten aber die Taten zu ächten, und welchen Stellenwert haben Freiwillige in der Arbeit des Vereins? Antworten auf diese und viele weitere Fragen finden Sie hier.
RIED. Vor 70 Jahren wurde der heute österreichweit aktive Verein Neustart gegründet. Aktuell arbeiten rund 750 Hauptamtliche, meistens ausgebildete Sozialarbeiter, aber auch Psychologen oder Juristen, sowie rund 1.000 Ehrenamtliche für den Verein, dessen Leistungen vom Justiz- und vom Innenministerium bezahlt werden. Am Standort in Ried sind 16 Sozialarbeitenr:innen beschäftigt sowie eine Verwaltungskraft. Unterstützt werden sie von elf Ehrenamtlichen. "Unser Verein ist aus dem Ehrenamt entstanden", erklärt Josef Landerl, der Leiter von Neustart in Oberösterreich, bei einem Gespräch in Ried. Während die Ehrenamtlichen ausschließlich in der Bewährungshilfe aktiv sind, decken die Hauptamtlichen sämtliche weiteren Bereiche der Straffälligenhilfe ab. Dazu zählen die Gewaltpräventionsberatung, die Arbeit mit Personen, die eine Fußfessel tragen, der Tatausgleich sowie die Haftentlassungshilfe.
Bewährungshilfe
Bewährungshilfe kann statt einer Haftstrafe oder bei einer bedingten Entlassung aus einer Haft angeordnet werden. Wer Bewährungshilfe bekommt, wird von Haupt- oder Ehrenamtlichen von Neustart bei der Auseinandersetzung mit dem eigenen straffälligen Verhalten, bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, beim Kontakt mit Ämtern und Behörden und vor allem bei der persönlichen Wiedereingliederung in die Gesellschaft unterstützt. Aktuell leistet Neustart Ried bei 360 Personen Bewährungshilfe. "Das sind 90 Prozent Männer und nur zehn Prozent Frauen. Während Männer straffällig werden, werden Frauen depressiv oder erleiden andere psychische Erkrankungen", erklärt die langjährige Sozialarbeiterin Sigrid Koberger, welche das Team der ehrenamtlichen Bewährungshelfer:innen in Ried sowie drei weitere Teams im Innviertel leitet.
Gewaltpräventionsberatung
Im Bereich der Gewaltpräsentationsberatung arbeiten die Sozialarbeiter von Neustart mit Gewaltanwendern, gegen welche ein Betretungs- und Annäherungsverbot ausgesprochen wurde beziehungsweise gegen welche ein Gericht eine einstweilige Verfügung erlassen hat. In Einzelgesprächen werden neue Formen, mit Konflikten und Aggressionen gewaltfrei umzugehen, erarbeitet. Damit trägt die Täterarbeit auch zum Opferschutz bei.
Fußfessel
Beim elektronisch überwachten Hausarrest, auch „Fußfessel“ genannt, verbüßen Täter ihre Strafe nicht in einer Zelle, sondern zuhause. Ob eine verurteilte Person die Haft im Hausarrest verbringen kann, entscheidet die Justizanstalt. Von der Justizanstalt Ried befinden sich aktuell elf Häftlinge im elektronisch überwachten Hausarrest, in Oberösterreich sind es 80, in ganz Österreich 350. Zu den größten Vorteilen der Fußfessel zählt die Tatsache, dass die Straftäter im Arbeitsprozess und in ihrem familiären Umfeld integriert bleiben. Dies wirkt sich positiv auf die Resozialisierung aus und führt zur sehr geringen Rückfallsquote von nur rund zehn Prozent. Zudem ist der elektronisch überwachte Hausarrest deutlich billiger als der klassische Strafvollzug. Aufgabe der Neustart-Mitarbeiter ist es, ein Aufsichtsprofil zu planen, welches unter anderem die erlaubten Abwesenheiten genau regelt.
Tatausgleich
Bei bestimmten Delikten wie Körperverletzungen oder Drohungen, bei denen es zu Auseinandersetzungen zwischen Personen gekommen ist, muss es nicht immer zu einer Gerichtsverhandlung kommen. Als Alternative können Staatsanwaltschaften oder Gerichte einen Tatausgleich als diversionelle Maßnahme anbieten. Ziel und Aufgabe des Tatausgleichs ist die professionelle Anleitung der Beteiligten zur Erarbeitung einer fairen und nachhaltigen Regelung von eskalierten Konflikten. "Wir vermitteln und begleiten Klienten, welche in unterschiedlichen Einrichtungen gemeinnützige Leistungen erbringen müssen, ganz nach dem Motto "Schwitzen statt Sitzen", so Landerl.
Haftentlassungshilfe
Am Tag der Entlassung stehen die meisten Straftäter völlig alleine und beinahe mittellos da. Hier setzt die Haftentlassenenhilfe an, welche von den Straftätern freiwillig in Anspruch genommen werden kann. Rechtzeitig vor der Entlassung wird mit Bildungs-, Arbeitstrainings- und Beratungsangeboten eine Begleitung organisiert, die über den Zeitpunkt der Entlassung hinaus aktiv bleibt.
Trennung zwischen Delikt und Mensch
Um in all diesen Bereichen der Straffälligenhilfe erfolgreich zu sein, ist die Beziehung zwischen den Sozialberatern und den Klienten entscheidend. "Unsere Klienten werden von der Justiz ja zu uns geschickt. In diesem Zwangskontext besteht die Kunst darin, ein Verhältnis zu schaffen, welches Veränderungen herbeiführt", so Landerl. Grundlage ist die Anschauung, dass kein Mensch böse zur Welt kommt, sondern die Art der Sozialisierung für die Entwicklung eines Menschen ausschlaggebend ist. "Daher trennen wir zwischen Delikt und Mensch. Unser Motto: Achte den Täter, ächte die Tat! Unser Ziel ist immer, dass die Täter Verantwortung übernehmen und nicht mehr straffällig werden", so der Leiter von Neustart in Ried, Andreas Leitner.
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