Interview
Franz Stockhammer: "Hab noch nie so viele Mama-Schreie gehört" – inkl. Videos

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ORT (schi). Franz Stockhammer ist 91 Jahre alt. Geboren wurde er in St. Johann am Walde, aufgewachsen ist er in Mettmach. Im Interview erzählt er von seiner Kindheit, seinen Erlebnissen im zweiten Weltkrieg und seinem Leben nach dem Krieg.

BezirksRundschau: Wie sah Ihre Kindheit aus?
Stockhammer:
Mein Bruder und ich sind in St. Johann am Walde geboren. Mein Vater verließ uns sehr früh und meine Mutter heiratete einen Bauern aus Mettmach. Er war grauenhaft. Meine Mutter wusste das, aber es war ihr egal. Mein Bruder und ich durften zu Hause nicht essen, Mutter versteckte uns Essen, damit wir nicht verhungerten. Wir hatten nichts anzuziehen und einmal hat unser Stiefvater meinen Bruder fast erwürgt. Auf so eine Kindheit kann man verzichten. Mit zwölf Jahren begann ich bei Bauern zu arbeiten. Die Schule besuchte ich nur manchmal und wenn, dann bin ich immer eingeschlafen. Als ich bei den Bauern gearbeitet habe, hat mir niemand etwas gezeigt oder erklärt, ich musste alles selbst lernen. In dieser Zeit habe ich viel geweint.

Wie ging es weiter?
Ich hatte immer schon Probleme mit Entzündungen in den Ohren. Eines Tages musste ich zum Arzt und der sagte, dass ich in den Innendienst muss. Damals war schon die Hitlerzeit. Ich kam zu einem Schuster nach Andrichsfurt. Er war immer sehr böse mit mir, darum wechselte ich zu einem Meister nach Höhnhart. Mit 16 Jahren musste ich zur Musterung: Sturmpionier. Vier Monate später wurde ich nach Mondsee einberufen.

Wo wurden Sie eingesetzt?
In Mondsee lernten wir drei Monate das Schießen, danach kam ich nach München zur Flakausbildung. Das war 1944. Nach zwei Monaten mussten wir nach Frankreich an die Südküste und auf Flugzeuge schießen. Wir haben aber nie eins getroffen. Vier Monate später merkten die Verantwortlichen, dass wir ja noch Jugendliche sind und gar nicht kämpfen dürfen – wir fuhren wieder nach Hause.

Mussten Sie dann nicht mehr einrücken?
Doch. Ich rüstete im November ab, war zwei Wochen daheim und erhielt einen Einberufungsbefehl für die Hochgebirgstruppen in Italien. In der Schlosskaserne Linz übten wir für den Einsatz. Es war Jänner, es war so kalt. Nach vier Wochen wurden wir einwaggoniert, machten die Gebirgsausbildung in Italien und marschierten nach Kroatien. Heute ist dieses Gebiet ein Urlaubsort. Damals führten wird dort einen Stellungskrieg. Leichen über Leichen lagen kreuz und quer. Das erste Mal hab ich geweint, als sie begannen mit Phosphorgranaten zu schießen. Alles hat gebrannt. Die Kameraden, die Steine, einfach alles. Ich habe noch nie so viele Mama-Schreie gehört, wie in diesem Krieg. Der letzte Gedanke galt immer der Mutter.

Wurden Sie auch verletzt?
Ja, einmal schlug fünf Meter neben mir eine Granate ein und ich bekam Steinsplitter ab. Ich riss mir meinen Stahlhelm runter und schlich mich weg. Ich konnte nicht mehr reden, mein Kiefermuskel war zerfetzt. Zu neunt fuhren wir mit dem Rettungswagen weiter ins Lazarett nach Klagenfurt. Es war ein Schlachthof. Ich konnte nichts essen, trank nur Wasser und war auf etwa 50 Kilo abgemagert. Plötzlich die Meldung: Der Krieg ist aus.

Was passierte dann?
Es hieß, jeder, der gehen kann soll den Nachhauseweg antreten. Dann bin ich gegangen. Ich fuhr per Anhalter bis nach Wagrain. Da war ein Lager mit 36.000 Menschen. Gefangene. Inzwischen war ich fast transportunfähig. Amerikaner nahmen mich und andere Verwundete mit in ein Lazarett in einem Vorort von München. Es war ein altes Gasthaus.

Hat man Sie dort endlich behandelt?
Ja. Dort war ein Truppenarzt stationiert, ein Berliner. Er war ein Spezialist und sagte zu mir "Du bist erst 17 Jahre alt. Du musst wieder hübsch aussehen". Operiert wurde auf der Ausschank des Wirtshauses, jeder konnte dabei zusehen. Ein Steinsplitter war in meinem Kiefer verkeilt und er konnte ihn rausholen. Danach ging es wieder bergauf. Ich trank Milch durch einen Gummischlauch wie ein kleines Kind. Ein Wagner im Ort fertigte einen Holzkeil und einen Hammer, damit musste ich mir den Kiefer aufspreizen. Üben nannte es der Arzt. Er hat mich gerettet, so einen Menschen vergisst man nicht.

Wann durften Sie nach Hause?
Drei Wochen nach der Operation war alles soweit gut verheilt. Der Arzt entließ mich mit den Worten: "Ich hab dich gerettet und schön gemacht, nun kannst du nach Hause zur Mutti." (lacht)
Ich fuhr mit einem Lastwagen nach Passau, von dort aus ging ich zu Fuß. In Tumeltsham begegnete ich einer Frau, es wurde schon langsam dunkel. Sie wies mich darauf hin, dass ein Ausgangsverbot herrschte. Ich übernachtete in ihrem Stall. Am nächsten Tag bedankte ich mich und ging weiter. In Wimpling ließ ich mich ins Gras fallen, ich konnte nicht mehr. Plötzlich sprach mich eine Frau an. Sie lieh mir ihr Fahrrad, um nach Hause zu fahren.

Wie ging es Ihnen, als sie wieder daheim waren?
Ich arbeitete dann wieder als Schuhmacher, hab meine Lehre abgeschlossen. Mein zukünftiger Schwiegervater stellte mich an. 1954 hab ich eine Werkstatt gemietet und darin gewerkelt und geschlafen. 1955 hab ich meine Frau geheiratet, wir hatten damals schon zwei Kinder. Ich war 15 Jahre als Schuster selbstständig und betrieb einen Schuhhandel. Doch die Arbeit wurde immer weniger, weil die Fabriken aufgetaucht sind. Die Gummistiefel nahmen uns die Arbeitsschuhe.

Was haben Sie gemacht, um weiter Geld zu verdienen?
Ich traf zufällig jemanden vom Bundesheer. Er fragte mich, ob ich Stiefel für die Soldaten machen möchte. Ich hab ein Jahr für ihn gearbeitet, dann wechselte ich zu einem anderen, der besser bezahlte. Ich arbeitete schon fast Tag und Nacht. Meine Frau half mir bei der Produktion. Leider hat der Job nach einiger Zeit auch nicht mehr viel abgeworfen. Alle fingen an im Ausland einzukaufen.

Dann erhielten Sie eine Festanstellung beim Heer?
Ja. Ein Schuhmacher beim Bundesheer hatte einen Unfall, darum bewarb ich mich. Dort reinzukommen ist nicht einfach. Als ich das Vorstellungsgespräch hatte, war ich schon ein Jahr lang Innungsmeister. Damals war der Job noch nicht bezahlt. Als sie das erfuhren, sagten sie: "Wenn Sie schon was für uns machen, dann müssen wir auch was für Sie machen." Gute sechs Monate danach wurde ich als Schuhmacher beim Bundesheer einberufen.

Mit 60 hatte ich einen leichten Schlaganfall, das Sprechen fiel mir dann schwer. Der Arzt sagte, ich soll in Pension gehen. So wurde ich am 2. September 60 und am 1. Oktober ging ich, nach 22 Jahren im Dienst, in Pension. Nun leben meine Frau und ich in unserem Haus in Ort. Wir haben neun Kinder, 17 Enkerl, 18 Urenkerl und ein Ururenkerl. Das ist ein guter Stamm. (lacht)

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