20.10.2016, 07:27 Uhr

Das tanz_house festival 2016 geht buchstäblich unter die Haut!

Salzburg: Salzburg |

Schein ist nicht gleich sein, hieß es am Montag in der Arge Nonntal mit Helene Weinzierls Premierenstück Cielaroque „Bluff“ und somit einem sehr gelungenen Auftakt zum diesjährigen tanz_house festival.

Angelehnt an Michael Fabers Roman Under the Skin, verfolgt das tanz_house Festival in diesem Jahr eine etwas ungewöhnliche Mission, nämlich der Wahrnehmung des Rezipienten, auf den Zahn zu fühlen. Lokale und internationale ChoreografInnen haben zu diesem Anlass neue Stücke geschrieben oder bereits vorhandenes Material neu adaptiert. Was passiert mit uns in dem einen Moment, wo uns ein Stück so sehr beeindruckt, dass wir es ein Leben lang nicht mehr vergessen?

Verwirrspiel

Am Montag fand die Uraufführung von Helene Weinzierls Cielaroque „Bluff“ statt, einem Stück, das Werte wie Ehrlichkeit und Wahrheit neu aufrollt und zwar nicht nur im übertragenen Sinne. Durch den Einsatz von Bild, Musik und Bewegung, werden die Grenzen unserer Wahrnehmung einer wahren Zerreißprobe unterzogen. Drei Tänzer betreten die Bühne. Musik und Videoeinspielung setzen ein. Sie stehen mit dem Rücken zum Publikum. Ihre Bewegungen sind auf Videoleinwand projiziert. Denkt man jedenfalls. Sie drehen sich um. Moment mal... das sind gar nicht die Personen auf der Leinwand. Frei nach dem Motto „Its Swingtime“ – versuchen sie das Publikum zu bespaßen und vermitteln dabei eine bewusst aufgesetzte Fröhlichkeit, die Unbehagen hervorruft. Ihre Kleidung hat zwar volkstümliche Elemente aufzuweisen doch gleichzeitig ist sie weder modern noch traditionell, und nicht eindeutig unserer Auffassung von Tracht verschrieben.

Getanzte Kritik

Was mit einem harmlosen Täuschungsmanöver beginnt, soll bald in der totalen Verwirrung gipfeln. Nach der Reihe werden Probleme der Gesellschaft, wie das Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau, krankhafte Perfektion, Homophobie, Gruppenzwang, roboterähnliche Verhaltensmuster, mechanisierte Prozesse, Gewalt, Aggression, Manipulation durch äußere Einflüsse uvm. in den Tanz integriert - immer mit einem gewissen Augenzwinkern und einer gesunden Portion Ironie. Dass die Geschlechterzuordnung in Wahrheit auch nur eine Erfindung der Gesellschaft ist wird hier sehr anschaulich präsentiert. Begriffen wie Selbstverherrlichung und Narzissmus, welche durch den Einfluss sozialer Medien vielfach Überhand genommen haben, wird mittels einer theatralen Titanic-Szene Ausdruck verliehen. Der technische Fortschritt hat eben mehrere Gesichter, welche in Summe nicht unbedingt ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Visuals die solch ein rasantes Tempo vorlegen, das es unmöglich macht alle Eindrücke aufzunehmen, reflektieren die täglich auf uns einprasselnde Informationsflut der Medien. Die Schlussszene führt dem Publikum mittels Probe auf Exempel vor Augen, wie es sich anfühlt unter direkter Beobachtung zu stehen. Zwei der Tänzer mischen sich unters Publikum, der Dritte stellt sich die Frage was er hier überhaupt soll. Die Situation ist total absurd und wird nach einer gefühlten Ewigkeit durch das gänzlich verstörte Publikum mit nervösem Applaus beendet.

„Bluff“ ist eine ungewöhnliche aber sehr spannende und absolut sehenswerte Tanzproduktion! Applaus für die Salzburger Künstlerin Helene Weinzierl!
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