Impfmoral in Schwechat
Interview mit Dr. Olivia Heider: "10 Prozent im Erstgespräch skeptisch"
- Dr. Olivia Heider arbeitet im Ärztezentrum zur Wallhofapotheke in Rannersdorf und im "Haus mit Herz" in Mannswörth.
- Foto: Heider
- hochgeladen von Maria Ecker
Ein heute geborenes Baby bekommt bis zu seinem 18. Geburtstag satte 50 Impfungen. Während die einen darin den medizinischen Fortschritt und die Ausrottung gefährlicher Krankheiten sehen, finden Kritiker viele Impfungen schlicht für überflüssig. In unserer neuen Serie „Gute Impfung, schlechte Impfung“ beleuchtet Medizinjournalist Bert Ehgartner ab dieser Woche Vorteile und Nachteile des Impfens. Wir haben unsere Ärzte im Bezirk gefragt, wie es um die Impfmoral steht und welche Impfungen sie empfehlen.
Interview mit Dr. Olivia Heider, Allgemeinmedizinerin mit Spezialgebiet Kinder, zum Start unserer Serie.
Bemerken Sie eine steigende Impfskepsis?
Dr. Heider: "In der Tat nimmt die Skepsis gegenüber Impfungen in der Bevölkerung zu. Gibt man im Internet einen Impfstoff bei Google ein, kommt man überwiegend auf Impfgegner.de-Seiten, etc. Dies sehe ich mit als Grund für die Zunahme der Skeptiker. Informieren wir uns doch alle heutzutage vorwiegend über das Internet, vor allem junge Eltern. Zusätzlich ist das Gerücht weit verbreitet, dass die Pharmafirmen sich an den Impfungen eine goldene Nase verdienen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Impfungen sind sehr aufwendig in der Herstellung und im Vergleich zu anderen Medikamenten wie beispielsweise Immuntherapien oder Chemotherapien günstig zu erwerben."
Wie gehen Sie damit um?
"Ich persönlich kläre Eltern über den Impfplan auf. Einige sind Gott sei Dank für alle notwendigen Impfungen, ungefähr 10 % zeigen sich beim Erstgespräch deutlich skeptisch gegenüber den Impfungen oder lehnen diese ab. Ich kläre dann darüber auf, dass sie die Verantwortung dafür tragen, dass das Kind gegenüber einigen gefährlichen Infektionskrankheiten ungeschützt ist. Zusätzlich erzähle ich von meinen persönlichen Erfahrungen im Spital, wo ich leider ungeimpfte Kleinkinder an Meningokokken- und Pneumokokkeninfektionen sterben sah. In solchen Momenten wünsche ich mir die Impfpflicht für Österreich, welche in einigen Ländern Europas bereits Standard ist. Die Diskussion über Tot- und Lebendimpfstoffe kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt diese beiden Möglichkeiten bei der Herstellung einer Impfung. Vorteil der Lebendimpfungen ist, dass das Immunsystem etwas stärker reagiert und daher nicht so oft aufgefrischt werden muss. Totimpfstoffe sind aber nicht wie von manchen beschrieben schlecht für den Körper, sondern genau so protektiv wie die Lebendimpfungen. Vor allem Keuchhusten (Pertussis) tritt derzeit wieder vermehrt auf, da viele Erwachsene nicht ausreichend geschützt sind, was vor allem für Babys sehr gefährlich sein kann, da diese erst zwei Wochen nach der ersten 6-fach Impfung (in der 11. Lebenswoche) einen Schutz gegen Pertussis entwickeln (außer die Mutter ist geimpft) und bis dahin bei Erstinfektion einen tödlichen Atemstillstand erleiden können. Erwachsene haben lediglich einen starken Hustenreiz.
Daher empfehle ich (und das Gesundheitsministerium), ungeimpfte Schwangere im 3. Trimenon gegen Pertussis zu impfen, um dem Baby einen Nestschutz bis zur Impfung zu bieten. Dieses Beispiel zeigt, dass es wenig Sinn macht, mit den Impfungen zu einem späteren Zeitpunkt zu beginnen 'da die Babys ja noch so klein sind'. Gerade in diesem Lebensabschnitt gehören sie ausreichend geschützt. Auch die Grippeimpfung ist Schwangeren unbedingt zu empfehlen. Großeltern empfehle ich immer, sich impfen zu lassen, wenn sie etwas Gutes für das neue Enkelkind tun wollen. Der Bausparvertrag ist erst später nötig. Außerdem sind Impfungen auch für sie selbst wichtig, da das Immunsystem im Alter deutlich schwächer wird."
Welche Impfungen empfehlen Sie unbedingt?
"So viele wie möglich. Absolut fahrlässig aus meiner Sicht ist es jedoch, Kinder nicht 6-fach gegen Diphterie, Tetanus, Polio, Pertussis, Haemophilus influenzae und Hepatitis B sowie gegen Pneumokokken, Meningokokken B und C, Masern-Mumps-Röteln und FSME impfen zu lassen. Die meisten davon werden im ersten Lebensjahr geimpft. Auch Erwachsene sollten an die 4-fach Auffrischung von Diphterie, Tetanus, Polio, Pertussis alle 10 Jahre denken und an einen ausreichenden Masern-Mumps-Röteln-Schutz. Sind Masern ja aufgrund der steigenden Impfskepsis leider wieder im Vormarsch."
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