Joseph Holzknecht oder "Axamer Schwein goes Vienna"

"Man kann auch gemäßigter Einheimischer werden, vorausgesetzt, dass man es will."
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Joseph Holzknecht aus Axams tourt mit seinem Kabarettprogramm mit großem Erfolg durch die Lande. In Kürze verlässt er die Tiroler Landesgrenzen und wird in Wien behaupten: „Lustig ist das nicht …“! Zwei Vorstellungen im „Theater Spektakel“ werden in der Bundeshauptstadt am 22. und 23. März für Furore sorgen. Auch dort wird nichts unausgesprochen bleiben – und man darf gespannt sein, ob die umgangssprachlichen Freundschaftserklärungen auch im Osten Früchte tragen.

BEZIRKSBLÄTTER: Du bist Bauer und Schauspieler, warum machst du jetzt Kabarett?

Holzknecht: Ich hab einfach im Bezug auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre einen dicken Hals bekommen. Mit dem Schreiben habe ich schon vor fünf Jahren begonnen und mich dann im Herbst 2017 getraut, rauszugehen. Dabei war mir die feine Klinge immer wichtig. Wenn du ein Soloprogramm mit eigenem Text machst, bist du letztlich für alles verantwortlich. Das ist am Theater anders.

BB: Worum geht es dir in „Lustig ist das nicht“…?

Holzknecht: Es ist ein Programm über Kleinkarriertheit, Spießertum und Ängste. Und das ist nicht lustig! Vieles ist so erlebt und original übernommen. Manches ist etwas überzeichnet, damit das Eigentliche stärker hervorkommt. Dann bin ich meine Kindheit und meine Berufsstationen durchgegangen. Und jede Station hat etwas Dankbares abgeworfen. Es gibt ja auch ein Happy End.

BB: Eine Nummer sorgt überall für Begeisterung und wir bitten um kompeente Aufklärung: wie ist das jetzt genau mit dem Axamer Schwein?

Holzknecht: Der Ursprung liegt in einem Ereignis, das sich so zugetragen hat. Also ein Geschenk. Aber ich benutze die Bezeichnung auch privat. Dass man bei uns jemanden „Schwein“ nennt, ist positiv behaftet, also kumpelhaft. Interessant ist auch, dass der Begriff Männern vorbehalten ist. Diese Nummer trägt auch zur Aufarbeitung dieses lokalen Phänomens bei. Es wird nach jeder Vorstellung heftig darüber diskutiert. Übrigens ist das Youtube-Video nach meiner Recherche auch per Whatsapp nach Kanada, Australien und Jamaika geschickt worden. Wo halt Axamer so sind.

BB: Die Bezeichnung „Schwein“ ist also im Grunde eine Axamer Freundschaftsanfrage, oder gar eine Einbürgerungserklärung?

Holzknecht: Na ja, ganz so schlimm ist es nicht. Man kann auch gemäßigter Einheimischer werden, vorausgesetzt, dass man es will. So manche Begebenheit ist skurril und zeigt auf, wie stark die Abgrenzung mitunter ist: Als der älteste Axamer starb, sagte ein 92-jähriger Einheimischer: „Iatz bin i der älteschte Axamer.“ Darauf erklärte seine Nichte: „Na, es gibt no a Frau, de isch 94.“ Darauf er: „Des zählt nit. die isch in Götzens geboren und war schu fünf, wia sie nach Axams kemmen isch.“ Es gibt aber auch Einheimische, die weniger gut integriert sind, als mancher Neudazugekommene. Das Thema ist also sehr komplex. Letztlich hat es auf Dorfebene für mich aber vor allem Spaßpotential. Weltweit gesehen ist es DAS heiße Eisen. Da schlummert was ganz tief. Die Globalisierung geht heute bis ins kleinste Dorf. Und dann stellt sich die Frage, ob man seine ursprüngliche Kultur noch leben darf. Ich sinniere in meinem Programm darüber, ob die Asylantenfrage eine Volksmatura ist.

BB: Wie setzt sich dein Publikum zusammen?

Holzknecht: Das macht mir große Freude. Total gemischt, altersmäßig und gesellschaftlich. Man merkt es an den Reaktionen. Im Innsbrucker Treibhaus waren welche, die den Spielort lange suchen mussten. Zwei Kaunertalerinnen 70 plus kamen auch ins Treibhaus. Eine trug ein Kopftuch. Als ich mich danach mit ihnen unterhielt, war ich verblüfft, dass sie sogar aus dem hinteren Tal angereist waren. Im Bierstindl kam ein Richter, der mit mir nachher diskutierte, ob die Bezeichnung „Schwein“ nicht doch strafbar sei. Ich erklärte ihm, dass die Bezeichnung bei uns umgangssprachlich ist – es gab einen Freispruch für das Axamer Original. Ich liebe mein Publikum, weil es so bunt ist. In einer Zeit, in der sich viele nur mehr dadurch definieren, indem sie sich abgrenzen, ist es schön zu sehen, wie Menschen unterschiedlichster Anschauungen bei einem Bier gemeinsam in guter Stimmung diskutieren.

BB: Im zweiten Teil wird es politisch.

Holzknecht: Eben der dicke Hals. Aber es kommen alle dran. Sonst wäre es ja einseitig. Für manche habe ich halt Vorlieben. Ich will aber möglichst zeitlos bleiben. Tagespolitisches taugt nicht für ein Kabarett, da müsste ich ja täglich umschreiben. Es braucht die große Linie. Beispiel: Wir brauchen in der Politik mehr Hubert von Goisern, weniger Andreas Gabalier. Wenn das nicht zeitlos ist.

BB: Der Tiroler Landtag dient dir auch als Kabarettvorlage?

Holzknecht: Das ist etwas plakativ. Aber es lassen sich gute Geschichten entwickeln und dann geht es ja ins Parlament über. Eben die aalglatten, gegelten Taktierer, die man immer noch Politiker nennt. Ich frage mich immer, ob bei der neuen türkisen ÖVP – und nicht nur dort – das Gel, das sie sich in die Haare schmieren, steuerlich absetzbar ist. Wahrscheinlich brauchen sie es, um besser schlüpfen zu können. Ich habe früher auch Gel verwendet, damit der Scheitel besser sitzt. Heute verwende ich Haarwachs. Ich bin lieber struppig.

BB: Und wie ist das mit deiner Paar- und Sexualtherapie – erkennt man da gar einen roten Faden?

Holzknecht: Hat so nicht stattgefunden. Aber man ist sich nie sicher, was kommt. Manche fragen meine Partnerin, warum sie das zulässt, dass ich so Privates ausplaudere. Da ist aber nicht von unserer Beziehung die Rede. An alle Besorgten: Nein, wir stehen nicht vor der Scheidung! Das Programm hat viel von mir, aber auch viele Elemente, die vorgestellt sind. Es braucht Erlebtes, aber auch Distanz durch Erfundenes. Jede Vorstellung ist auch ein Seelenstrip. Da braucht es dann auch Selbstschutz. Man hängt sich ja weit aus dem Fenster. Es wird meist drei Uhr morgens, bis ich nach einer Vorstellung einschlafen kann. Es wühlt auf und die Tatsache, dass nachher immer bei Bier und Wein eifrig diskutiert wird, beweist, dass es auch das Publikum beschäftigt. Aber alles immer mit einem Augenzwinkern.

BB: Darf man in Bälde mit einem neuen Programm rechnen?

Holzknecht: Ich bin noch in der Phase, in der ich mir Notizen mache. Ich habe sogar auf dem Traktor immer einen Zettel und einen Kuli parat. Man weiß nie, was einem durchs Hirn spukt. Ich gönne mir Zeit, damit ich mich nicht wiederhole. Vielleicht wird es 2019 soweit sein. Das größte Kompliment ist immer: Wia follt dir des olles ein? Ich sag dann: Beobachtungsgabe gemischt mit Spinnerei.

BB: Wie geht es mit „Lustig ist das nicht...“ weiter.

Holzknecht:  Einige Termine stehen fest und es kommen noch weitere hinzu. Bereits am 2. Februar bin ich im Ganghofermuseum in Leutasch. Am 23. und 24. März gastiere ich in Wien im Theater Spektakel. Ich bin gespannt, wie der Tiroler Schmäh ankommt. Angeblich mögen sie uns ja und finden uns lustig. Ich will sie mit schrägem Grips überraschen, fern der Lederhose. Es soll ja auch Tiroler geben, die in Wien leben. Ich hoffe, da kommen einige vorbei und hoffe abermals auf ein gut gemischtes Publikum unterschiedlicher Kulturen (Augenzwinkern).
Am 27. April bin ich im Hotel Tipotsch Stumm im Zillertal. Im Mai gibt es eine Vorstellung in Sölden in der Freizeitarena. Und in Axams noch eine Benefizvorstellung für den Verein RollOn kommen - der genaue Termin wird noch bekannt gegeben. Es kommen aber laufend Termine hinzu.

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