28.11.2016, 08:45 Uhr

Schleifmühlgassenbewohner: "Wir sind Störfaktoren"

Henrike Brandstötter mit den Abschlussaufzeichnungen.

Ein Bürgerforum um Thema "Flaniermeile Schleifmühlgasse" brachte Anrainer und Gewerbetreibende an einen Tisch. Der Abend verlief emotional, aber man blieb höflich. Auch die bz war vor Ort.

WIEDEN. Bereits beim Betreten des Lokals "Vollpension" in der Schleifmühlgasse nimmt man eine Spannung in der Luft war. Ein kurzer Blick in die Runde bestätigt den Instinkt: Auf einem Tisch nahe dem Eingang sitzen die Bezirkspolitiker Leo Plasch, Bezirksvorsteher der SPÖ und Barbara Neuroth, seine grüne Stellvertreterin, gemeinsam mit Einkaufsstraßenobmann Karl Raab. Im hinteren Teil der Gaststube haben bereits über 30 Personen Platz genommen und mustern eisig die Eintretenden.

Grund für die schlechte Stimmung ist das in Kürze beginnende Bürgerforum zum Thema "Flaniermeile Schleifmühlgasse", zu dem die Neos Wieden eingeladen haben. Gastronomen und viele Unternehmer unterstützen den Wunsch des Vereins Einkaufserlebnis Freihausviertel nach einer Wohlfühlzone, dem gegenüber stehen Anrainer, die um ihre Nachtruhe und Lebensqualität fürchten. "Ich lasse mich überraschen von heute Abend", erklärt Raab und betont noch einmal, dass die Flaniermeile nicht seine Idee war, sondern von der Stadt aus ging. Auch Barbara Neuroth geht offen in die Diskussion und erklärt "Ich habe noch keine Vorstellungen", während sich Bezirkschef Plasch des heiklen Themas bewußt ist: "Man muss auf die Ängste der Anrainer Rücksicht nehmen."

Kein Applaus für Begrüßungsworte

Dann beginnt auch schon der Abend mit einleitenden Worten von "Gastgeberin" Henrike Brandstötter, Klubvorsitzende der Neos Wieden, Leo Plasch und Barbara Neuroth. Die netten Worte werden von der Pro-Flaniermeile-Gruppe mit Applaus bedacht, während die Bewohner des Grätzels mit Schweigen reagieren. Dann geht´s auch schon los. Es werden drei Arbeitsgruppen um Moderatoren mit Flipcharts gebildet. In den drei Teams "Gastronomen", "Unternehmer" und der größten Gruppe "Anrainer" sollen in einer halben Stunde Wortmeldungen gesammelt werden: Was ist derzeit an dem Grätzel positiv, wo hapert es und was wird geschehen, wenn das Projekt Flaniermeile verwirklicht werden sollte?

Das Team der Anrainer startet gleich los mit Kritik an dem Vorhaben, Neos-Gemeinderätin Bettina Emmerling greift in ihrer Rolle als Moderatorin durch und fokussiert die Wiedner auf positive Kritik - vorerst. Die gut-bürgerliche Runde, die augenscheinlich einer besseren Gehaltsklasse angehört, gibt kultiviert ihre Meinung ab, passend zu Markentasche, adrettem Haarschnitt und Kleidung, die auch da und dort namhafte Designer durchblicken lässt. "Die Lebendigkeit ist nett, aber nicht in diesem Ausmaß. Aufgrund der explodierenden Gastronomie ist unsere Lebensqualität beeinträchtigt", so ein gutgekleideter Herr mit Poloshirt und Wollpullover, der bereits seit 40 Jahren im Freihausviertel wohnt. Zustimmung auf allen Gesichtern, Kommentare wie "diese Lebendigkeit am Tag muss ich nicht in der Nacht auch hinnehmen" und "das Gröhlen bis in die Früh lässt einen nicht schlafen und wir müssen aufstehen und arbeiten gehen" unterstreichen das Problem der nächtlichen Ruhestörungen.

Geige nach Mitternacht unter dem Schlafzimmerfenster

Die Musikbelästigung, die sich schon auch einmal mit einem Geigenspiel am Gehsteig der Schleifmühlgasse weit nach Mitternacht niederschlägt, sei laut einer eleganten Dame "in der Fülle nicht auszuhalten". Leo Plasch steht am Rande der Gruppe und hört sich sehr ernst jedes Wort an, während ein etwas jüngerer Mann in Lederjacke seinen Nachbarn zwar Recht gibt, jedoch meint, dass man die Lebendigkeit am Tag auch in der Nacht hinnehmen muss - "schließlich muss man nicht hierher ziehen". Auch bei Gegenargumenten bleiben die Anrainer höflich, erklären dem jungen Mann aber bestimmt, dass erst sie und dann die Gastronomie im Freihausviertel Einzug hielt.

Kurz vor Ende der Arbeitseinheit "crasht" Karl Raab das Team Anrainer, das sich gerade überlegt, was es sich von der Gastronomie in Zukunft wünscht. Der Flaniermeilenbefürworter sieht sich harter Kritik über den Grillgeruch beim Freihausviertelfest, fehlenden Parkplätzen für die Bewohner sowie Erinnerungen an die gröhlenden Fans während der Fußball-EM gegenüber gestellt. Doch auch in unerfreulichen Wortgefechten vergreift sich niemand im Ton, man möchte nicht streiten, sondern Lösungen für die verfahrene Situation mit den Lokalbesitzern herbeiführen. "Es ist ein Weggehviertel geworden, wir Anrainer sind hier Störfaktoren", findet eine sehr gepflegte Dame harte Worte für ihr Wohngrätzel."Wir rechtfertigen uns dafür, dass man schlafen muss und werden dafür als Querulanten abgetan", schlägt ihr Begleiter in dieselbe Kerbe.

Konstruktive Vorschläge

Die Gruppen Gastronomie und Unternehmer haben sich unterdessen zusammengeschlossen. Es ist eindeutig, dass die Front Gewerbetreibende gegen Anrainer heißt. Doch so hart möchte niemand die Situation titulieren, Lokalbesitzer wie "Neruda"-Betreiber Marco Antonio Sanhueza haben sich bereits zur Gruppe der Anrainer gesellt und sind bemüht, die Wogen zu glätten. Auch die Anrainer haben das Bürgerforum nicht aufgesucht, um ihrem aufgestauten Ärger Luft zu machen, sondern möchten mit konstruktiven Vorschlägen eine gemeinsame Gesprächsbasis finden.

"Wenn wir Bewohner etwa die Ladezonen der Gewerbetreibenden für Möbeltransporte mitbenutzen dürften, wäre das schon ein Entgegenkommen", so eine Schleifmühlgassenbewohnerin mit einem modischen Seidenschal um den Hals, die für den Vorschlag von Barbara Neuroth ein zustimmendes Nicken erhält.

Auch ein Herr, der in der Margaretenstraße wohnt, schlägt versöhnliche Töne an: "Es muss Vertrauen aufgebaut werden. Wir Anrainer müssen ernst genommen werden", erklärt er in Brandstötters Mikrofon und erntet Applaus. Auch die Abschiedsworte, die von Leo Plasch eine Erklärung enthält, dass hier nichts passieren wird, ohne die Anrainer massiv in das Projekt einzubinden, sowie Henrike Brandstötters Bekanntgabe einer weiteren Versammlung Ende Jänner 2017, werden mit begeistertem Applaus goutiert. Der starke Gegensatz zu der Reaktion auf die Begrüßungsworte lässt Hoffnung aufkeimen, dass eine Gesprächsbasis zwischen Bewohner und Gewerbe doch noch gefunden werden könnte.
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