06.10.2016, 16:33 Uhr

Ohne Vereine bekommt das Herz der Alpen Rhythmusstörungen

v.l.n.r. Prof. (FH) Dr. Johannes Dickel, Studentinnen am MCI Anna-Lena Pfister und Julia Peer, Obmann Verein Tiroler Zeltfestkultur Richard Kratzer, Vorstand Mag. Franz Mair der TIROLER VERSICHERUNG (Foto: Tiroler Versicherung)

Das MCI errechnet 1,3 Milliarden Euro als Wert für die Tiroler Vereinsarbeit pro Jahr

INNSBRUCK. Obwohl die Vereine in Tirol noch florieren und es nie so viele gab wie heute, wird es immer schwieriger Menschen für Funktionärspositionen zu finden. Durch die steigenden Haftungsrisiken, die Bürokratie und die gesetzlichen Auflagen, sowie die zunehmenden Abgaben wird die Vereinsarbeit bedroht. In Tirol gibt es 11.197 registrierte Vereine, die eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung für das Land haben.
Der Verein Tiroler Zeltfestkultur gab nun mit Unterstützung der Tiroler Versicherung eine Studie in Auftrag, im Rahmen derer knapp 600 Tiroler Vereinsmitglieder befragt.

Leistungen im zehnstelligen Bereich

Jeder Verein hat gesetzlich vorgeschrieben mindestens sechs Funktionäre, insgesamt also 67.182 Tirol weit. Im Durchschnitt leisten diese je 282 Stunden ehrenamtliche Vereinsarbeit im Jahr, gesamt 18.945.324 Funktionärs-Stunden jährlich. Der berufliche Netto-Stundenlohn eines Tiroler Vereinsmitglieds beträgt im Durchschnitt 11,25 €. Das bedeutet, dass die erbrachten Stunden aller Funktionäre in Tirol einer realen Leistung von 213.134.895 € netto entsprechen. Eine stolze Summe wenn man bedenkt, dass normale Vereinsmitglieder in dieser Rechnung nicht berücksichtigt wurden. Angenommen ein Arbeitgeber müsste die Arbeit aller Vereine – mit durchschnittlich je 18 aktiven Mitgliedern – bezahlen, entsteht ein Rechnungsbetrag von 1.256.558.087 €.

Was zählt, sind die Werte

Abgesehen von Zahlen hat die empirische Untersuchung des MCI Management Center Innsbruck auch qualitative Ergebnisse zur Bedeutung des Vereinslebens für die Mitglieder hervorgebracht. Auf die offene Frage „Was verbinden Sie persönlich mit dem Vereinsleben?“ wurden knapp 500 Kommentare verfasst. Prof. Dr. Johannes Dickel betont: „Die Zahl der Kommentare ist erstaunlich und für eine derartige Marktforschung höchst ungewöhnlich.“ Die MCI Studentinnen Julia Peer und Anna-Lena Pfister aus dem Projektteam sind sich einig, dass sie mit der Studie eine große Wissenslücke schließen. Die Beweggründe für das Engagement im Verein wurde ebenso erhoben und auch hier zeigen sich klare Tendenzen: Etwa 30 % der Befragten wollen zum Gemeinwohl beitragen, 23 % ihre Freizeit sinnvoll gestalten und 21 % möchten durch ihre Tätigkeiten die Kultur erhalten. „Die Tiroler Vereine sind ein essentieller Bestandteil unseres Landes und prägen das Gemeinschaftsleben ungemein. In der letzten Zeit werden den Vereinen aber immer mehr Steine in der Weg gelegt, die eine positive Entwicklung behindern.“, erklärt Richard Kratzer, Obmann des Vereins Tiroler Zeltfestkultur.

Müssen die Vereine das Handtuch werfen?

Als „Hauptkiller“ des Vereinslebens stechen laut Studie einige Punkte klar hervor: Bürokratie und gesetzliche Auflagen, steigende Kosten und nicht zuletzt die mangelnde Wertschätzung von Entscheidungsträgern. „Die Haftung stellt eine zentrale Gefahr für die Vereine dar, denn Funktionär zu sein, bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Die Konsequenz, die sich daraus ergibt, ist die erschwerte Suche nach Verantwortungsträgern, sprich Obleuten und Vorstandsmitgliedern“, weiß Richard Kratzer.
Zunehmende Bürokratie, steigende Haftungen für ehrenamtliche Funktionäre, steigende Abgaben und Auflagen in kaum mehr erträglichem Ausmaß, erschweren den Vereinen ihre Arbeit. „Dass der nationale Gesetzgeber seit Jahren in allen Lebensbereichen mit seinen Regeln weit übers Ziel hinausschießt, spüren inzwischen alle, egal wo sie tätig sind. Die Belastungen und Haftungen für Vereinsfunktionäre gefährden aber unser gesamtes System, vor allem den ländlichen Raum. Die berühmte „Registrierkasse“ ist ja nur die Spitze des Eisbergs – wie man die Funktionäre mit ihren Haftungen allein lässt, ist eigentlich noch viel schlimmer. Ein kräftiges Gegensteuern des Nationalrats ist mehr als überfällig“, adressiert Vorstand Franz Mair von der tiroler Versicherung, deutliche Kritik Richtung Wien. „Die öffentliche Hand wäre nicht ansatzweise in der Lage, die freiwilligen Leistungen der Vereine zu übernehmen. Die Studie zeigt erhebliche Gefährdungspotentiale für die Zukunft“, warnt Mair.

Handlungsbedarf

  • Mehr spürbare Anerkennung und Wertschätzung für Vereine und Vereinsarbeit durch den Gesetzgeber.
  • Unterscheidung von Scheinvereinen und echten Vereinen.
  • Erleichterungen bei der Registrierkassenpflicht.
  • Höhere Informationstransparenz in der Öffentlichkeit zu Vereinswesen und Nutzen der Vereine für die Allgemeinheit.
  • Steuerbefreiung von Vereinen oder zumindest ein vereinsfreundliches Steuersystem.
  • Entlastung von unangebrachter Bürokratie.
  • Senkung des Haftungsrisikos für Funktionäre.


Zur Studie

Der Verein Tiroler Zeltfestkultur hat ein Projektteam des MCI Management Center Innsbruck mit einer Bestandsaufnahme zur subjektiv empfundenen Relevanz der Vereine und zur Quantifizierung des Nutzens für die Tiroler Gesellschaft beauftragt. Im Projektteam waren fünf Studentinnen des Bachelorstudiengang Management & Recht unter der Leitung von FH-Prof. Dr. Johannes Dickel involviert. Fachlich unterstützt wurden sie durch Mag. Ingrid Steiner von der TIROLER VERSICHERUNG. Von März bis Juni 2016 wurde die empirische Untersuchung mit einem Mix aus quantitativen und qualitativen Methoden durchgeführt. Am 6. Oktober wurden die Ergebnisse im Rahmen einer Pressekonferenz bei der TIROLER VERSICHERUNG präsentiert.
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