28.06.2016, 21:51 Uhr

Vom kalten Krieg des Alltäglichen, den Bosheiten der Gekränkten und dem Fünkchen Menschlichkeit

"Fünf Freunde" auf dem Gipfel der "Munde": die menschlichen Abgründe könnten tiefer nicht sein! (Foto: Stadttheater Kufstein)
Kufstein: Weinbergerhaus |

Das Stadttheater Kufstein zeigt Mitterers „Munde“ am authentischen Schauplatz hinter dem Weinbergerhaus

Wenn auf dem fiktiven Tiroler Gipfel am Ende (im wahrsten Sinne des Wortes) der türkischstämmige Memet, der von vielen seiner sogenannten Kollegen verächtlich als Alex tituliert wird, „Allah ist groß!“ ruft, so sind nach der mehr als einstündigen Aufführung von Felix Mitterers „Munde“ hinter dem Weinbergerhaus die letzten Lacher und Kicherer im Publikum längst verstummt. Oder im Hals auf halber Strecke stecken geblieben. Zu nah geht dieses (Lehr)Stück menschlicher Niedertracht und Hinterfotzigkeit jedem, der in irgendeiner Weise – sei es am Arbeitsplatz, privat oder in den so beliebten wie leicht zugänglichen „Sozialen Netzwerken – von Mobbing, Bulling oder anderen Gemeinheiten betroffen ist.

Klar, wie so vieles, steht am Anfang der Geschichte das Harmlose eines netten Betriebsausfluges in beschaulicher Tiroler Natur. Fünf Freunde einer Dachspenglerei, so vermeint man zunächst, stehen auf einem Gipfel, den man sich als kollektives Ziel auserkoren hat. Mit der Höhe hat man ja so seine Erfahrungen, alle – bis auf die Bürodame Petra (Bianca Gröters) – verrichten ihr hartes und gefährliches Werk in schwindelerregender Höhe auf Kirchtürmen und schrägen Dächern.

Der Geselle Gerhard (Markus Mader) mutiert dabei vom extra-unsympathischen „Grantler“ hin zum angriffslustigen, ja alles vernichtenden Menschenverächter, der es – unter Einfluss von mächtig viel Alkohol – auf Willi, den Meister (dargestellt von einem kongenialen Reinhard Exenberger), abgesehen hat. Spätestens dann wird klar, dass es um offenen Rechnungen, Niedertracht, Neid und Missgunst geht. Der einfach gestrickte Lehrling Tommi (Oliver Schmidt) und Gerhards hedonistische Freundin Petra verstehen nicht wirklich, was sich neben dem Gipfelkreuz abspielt, als Gerhard die „heile Welt“ des Meisters in wenigen Minuten in Grund und Boden stampft. Dem alternden Handwerker wird vom strebsamen Gesellen die letzte Würde genommen. Der sensible Memet (Klaus Schneider) hingegen, der seine teils pikanten Geheimnisse bis zum bitteren Abschied für sich bewahrt, bezeichnet den gestandenen Chef stets als „seinen Meister“.

Dem Stadttheater Kufstein gelingt es in hervorragender Weise die „Eskalationsstufen“ in Mitterers Stück herauszuarbeiten: Gewalt entsteht im Kopf und wird in Form von Sprache in die Welt geworfen. Einmal geboren, kann jedes Wort der Diffamierung, der Beleidigung, der üblen Absicht, des bitteren Hohns und des blanken Hasses Dinge in Bewegung setzen, für die zum Schluss niemand verantwortlich sein will oder die keiner kontrollieren kann. Der vermutliche Freitod des Meisters am Abgrund des Berges mag ein Symbol für die allerletzte Stufe sein, die durch die immanente Gewalt der Worte initiiert wird. Und die Hoffnung auf Menschlichkeit? Sie bleibt als Symbol im theatralischen Abgesang der „Munde“ stehen in Form des Memet, der die Himmelfahrt „seines Meisters“ als einziger in tiefer Trauer beweint und das bessere Leben für jenen wohl nur im Jenseitigen, in Abrahams Schoß, verortet.

Wenn es so etwas wie engagiertes Theater gibt, in dem beim Publikum Betroffenheit und ehrliche Reflexion generiert werden, dann passierte genau das am letzten Freitag in 1.270 Metern Höhe auf dem Hügel hinter dem Weinbergerhaus. Freilich, es wird wohl auch etwas mit der gelungenen Regiearbeit des Duos Babsi Gröters und Elisabeth Mader zu tun haben.
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