03.04.2016, 10:25 Uhr

Glockenhosen, Koteletten, Kernkraftwerk

BEZIRK NEUNKIRCHEN (bs). Eine Zeitreise ins Neunkirchen der 70er Jahre.
Glockenhosen, Koteletten, Kernkraft, eisener Vorhang. Würde man heute ins Niederösterreich der 70er-Jahre zurückkehren, man würde das Land nicht wiedererkennen. Eine Schau im NÖ-Ausstellungs-Mekka, der Schallaburg, widmet sich derzeit dieser Epoche unserer jüngeren Geschichte.
Die Bezirksblätter wagten zu diesem Anlass die Zeitreise in die Vergangenheit des Bezirkes Neunkirchen und fanden heraus, wie sich Orte, Menschen und die Gesellschaft in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert haben. Auf den ersten Blick fällt auf, dass die Fotos noch nicht durchgängig coloriert sind. Schwarzweiß war damals die abgebildete Realität.

Mit der 'Hair'-Truppe auf Tournee

Die Ternitzer Künstlerin Christa Cebis tourte mit 18 Jahren mit dem Schweizer Tourneetheater durch die Lande. Die Schauspieltruppe spielte Hair und die West Side Story und Christa kümmerte sich um die Kostüme. "Wir waren ein lustiger Haufen", erinnert sich die Textilkünstlerin, die danach für das Theater der Jugend und dem Vienna English Theatre mit Nadel und Zwirn für märchenhaft-opulente Ausstattungen sorgte. Ihre tiefsten Erinnerungen an die 70er-Jahre sind aber die Autostop-Reise von Paris nach Hause und die Verlobung in Izmir in der Türkei: "Dass mein Freund und ich in 'wilder Ehe' lebten, durften unsere türkischen Gastgeber nicht wissen. Das war damals noch ein ziemliches Tabuthema, auch bei uns. Also kauften wir in Izmir Ringe. Diese Ringe wurden später auch unsere Eheringe." Wichtige Stationen waren in den 70ern auch die Protestebewegungen, die gerade in dem Jahrzehnt frühlingsgleich aus dem verkrusteten Boden überholter Konventionen sprossen. Die wichtigsten Stationen waren dabei für Christa Cebis die Protestbewegung gegen den Abriss des Inlandsschlachthofes in Wien - dessen Reste heute die 'Arena' darstellen. Und natürlich der Kampf gegen die Atomlobby und das AKW Zwentendorf. "Der 5. November 1978 war für uns alle ein Fest. Da haben wir gegen die Atomlobby gewonnen, das AKW blieb zu ... bis heute", freut sich die Ternitzer Künstlerin, die jetzt Menschen in Nepal unterstützt.

Moped mit 60er Vergaser

Musikalisch bewältigte der Ternitzer Dichter und Musiker Franz 'Zwo' Zwazl die 70er Jahre. Als Bassist der Popband 'The Sirs' bespielte er die Konzertcafés und Diskotheken in unserer Region. Mit dabei waren damals Gitarrist Günter Auer, der inzwischen verstorbene Heinz Fessl an der Rhythmusgitarre, Geologe Felix Habart an den Drums und Herbert 'Herbie' Auer an den Keys. Eigentlich drehte sich alles neben der Musik vor allem um Mopeds und Mädchen. Und dass Mädchen damals auf Musiker standen, ist kein Geheimnis. Die Mopeds mussten natürlich hochgezogene Lenker und wenn möglich einen 60er-Vergaser haben. Die Easy-Rider-Lenker gaben was her, denn eine Harley Davidson wie sie Peter Fonda und Dennis Hopper im Film 'Easy Rider' durch die USA steuerten, konnte sich damals niemand leisten. "Ich wollte den Lenker noch steiler, noch höher, als die anderen haben. Das war gar nicht so einfach. Die Polizei schaute genau, ob man nicht übertrieb", erinnert sich Franz Zwazl heute.

Der Drummer der 1.000 Bands

Bernhard 'Bernie' Groiss ist Musiker mit Herz und Seele. "Ich spielte alles von Heurigenmusik und Tanz, über Operetten und Pop, bis Rock und Ethno", erinnert sich der Schlagzeuger, der am kommenden Mittwoch seinen 68er feiert. In den 70ern war er der Drummer, "der in 1.000 Bands spielte". Seine Fellarbeit brachte ihn auch nach London. Auf seiner Bandliste finden sich etliche legendäre Bands, wie 'Georgies Band' mit Georg Albert und Karl Steiner, und nach deren Auflösung der 'Zippeltrupp' mit Karl Steiner und Otto Waldhart, die 'Peers', die 'Tornados' mit Dietmar Geldner und Manfred Lippich oder die 'Sirs'. "Mit denen spielten wir in der Märchenbar", erinnert sich der Drummer aus Leidenschaft".
Es war alles einfacher, erdiger. "Mit den Mopeds brachten wir unsere Plakate nach Deutschkreuz und nagelten sie dort an die Bäume. das Konzert war ausverkauft, die Mühen hatten sich gelohnt", lacht Bernie Groiss, "Wenn du heute einen Baumannagelst, hast du mit Garantie Probleme. Das war damals wurscht." Ein besonderes Konzerterlebnis war das Rock Jazz Fest im Wartholzpark in Reichenau. "Das war enes der allerersten Festivals bei uns überhaupt. Da waren die Acid, der Ambros, die Milestones, Gipsy Love, auch Zippeltrupp drängten sich auf der viel zu kleinen Bühne bei 35 Grad im Schatten und Urlauber riefen die Gendarmerie, weil sie sich gestört fühlten", erinnert sich Berhard Groiss, "Schade nur, dass dann der Veranstalter mit der Kassa durchbrannte. Das war das Ende vom Jazz Rock Festival in Reichenau."
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