27.11.2016, 19:30 Uhr

Hymnus an den Schöpfer von Lydia Roppolt

Das Antlitz des menschgewordenen Gottessohnes mit den ikonenhaften Augen zeigt das geistige Leiden, der Körper die Qualen der Geißelung. Die Muttergottes – tief trauernd, Johannes der Täufer zeigt mit dem Finger auf den Erlöser, der die Welt (hier seine Kirchengemeinde) umarmen möchte. Ein Blumenzweig oberhalb des Hauptes Jesu lässt die Auferstehung schon erahnen.
Sankt Johann in Engstetten: Pfarrkirche |

NEU RENOVIERT / In der Pfarrkirche von St. Johann/E. erstrahlt das Kreuzigungsfresko von Lydia Roppolt in neuem Glanz.

Wie im Jahr 2016 wurde die Pfarrkirche von St. Johann auch in den Jahren 1959/ 1960 einer aufwändigen Restaurierung unterzogen, im Zuge derer der damalige Seitenstettner Abt Ägidius Decker bei der schon arrivierten Künstlerin Lydia Roppolt ein Gemälde für den Altarchor in Auftrag gegeben hatte; der akademischen Malerin war das Thema freigestellt, und sie hatte sich für ein naiv-expressionistisches Kreuzigungsfresko entschieden. Was nach Fertigstellung dieses für die damalige Zeit freilich sehr „modernen“ Werkes folgte, war eine von manchen Medien unterstützte Hetze gegen ein Kunstwerk, das heute unbestritten als eine wichtige sakrale Bilddarstellung des Kreuzestodes Christi gilt. Sogar mutwillige Beschädigungen des in Fresko-Technik gemalten Bildes konnten nicht verhindert werden. Dem damaligen Ortspfarrer Pater Pius Zöttl und dessen Verhandlungsgeschick war es schließlich zu danken, dass in den frühen 60er Jahren eine salomonische Lösung gefunden werden konnte: Das einfühlsam gestaltete, tief bewegende Altarbild wurde mit einem Vorhang verhüllt und konnte auf Wunsch mittels einer von der Sakristei aus zu bedienenden Seilzugkonstruktion sichtbar gemacht werden. Seit der soeben abgeschlossenen Renovierung der Pfarrkirche ist Lydia Roppolts bedeutendes Werk nun in all seiner leuchtenden Farbenpracht für jeden Kirchenbesucher zu betrachten.

Ablehnung & Zustimmung

St. Johann war freilich kein Einzelfall: Zeitlebens eckte die „unangepasste“ Künstlerin an, wurde gleichzeitig aber für ihre klare künstlerische Handschrift – trotz mancher Widerstände selbst aus kirchlichen Kreisen – bewundert. Die Kommission für religiöse Kunst im Vatikan vermisste in ihrem Werk den „lehrreichen Einfluss auf die Frömmigkeit der Menschen“. Ganz anders im Jahr 1995 die Abschiedsworte von Bischof Maximilian Aichern beim Begräbnis der Künstlerin: „In ihrem Herzen ist Gottes Licht aufgeleuchtet. Sie hat den göttlichen Glanz auf dem Antlitz Christi gesehen und durch ihr künstlerisches Schaffen dazu beigetragen, dass viele Menschen einen Zugang zum Glauben bekommen haben.“

Lydia - eine eigenwillige Benediktineroblatin

1922 in Moskau geboren, wurde Lydia Roppolt nach dem frühen Tod der Eltern – sie war Tochter einer Russin und eines österreichischen Botschaftsangestellten in Moskau – von ihrer Lehrerin Emma Agnes Roppolt in Wien adoptiert und lebenslang gefördert. Nach dem Studium an der Wiener Kunstakademie – unter anderem bei Herbert Böckl – wandte sie sich zunächst der Freskenmalerei zu. Die entscheidende Wende in ihrem Schaffen brachte 1955 der Gewinn des Wettbewerbes zum 60 Meter langen Glasfensterband für die Linzer Bindermichl-Kirche. Sie selbst sah sich als Malerin moderner Glasbilder, was eine Vielzahl derartiger Aufträge bestätigte. In Oberwang im Salzkammergut hatte die Künstlerin seit 1970 ihr Sommeratelier; dank ihrer Initiative wurde die dortige gotische Konrad-Kirche restauriert und unter anderem auch mit herrlichen Glasfenstern ausgestaltet. In „ihrer“ Konradkirche liegt sie an der Seite ihrer Adoptivmutter auch begraben.

Künstlerin von internationalem Rang

Für die Ruprechtskirche in Wien schuf sie 22 Fenster, ihre Werke befinden sich ebenso in Italien, Schweiz, USA, Kanada oder in der Verkündigungsbasilika von Nazareth. Ihr künstlerisches Vorbild war Marc Chagall, als Bewunderer ihrer Kunst galt u.a. Bundeskanzler Bruno Kreisky, den sie auch proträtierte. Thema ihrer Arbeiten war oft die Leuchtkraft des Lichtes: Sehnsucht nach Licht bedeutete ihr, die lichte Höhe der persönlichen Lebenserfüllung zu finden – in der Zuversicht, dass nach dem Tod Licht wartet. In diesem Vertrauen hinterlässt sie uns mit ihrer Kunst viel Ermutigung durch Licht, Farbe und Transparenz.

Und noch ein Gedicht von Christian Eder: An Lydia. St. Johann

Bildnerin, Seherin, Malerin, Frau
Du kamst uns niemals abhanden
Wenige fühlten, was du wolltest, genau
Aber skizzenhaft war es vorhanden
in dir und in uns. Nur in Gott
war es klar. In all seiner Not
stelltest du uns den Heiland dar
In deinem Bild allein ist er wahr.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.