Schneiderei der Volkshilfe: Nähen für eine bessere Zukunft

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FAVORITEN.  "Bitte treten Sie ein" steht in roten Buchstaben an der Eingangstüre der Schneiderei der Volkshilfe in der Laxenburger Straße 49. Der Aufforderung nachgekommen, befindet man sich in einer Werkstätte, deren große Glasscheiben für ausreichend Tageslicht sorgen. An Nähmaschinen, die entlang der Wände und Fenster an Einzeltischen aufgereiht sind, sitzen konzentriert nähende Frauen, während Jarvis Cocker "Disco 2000" aus dem Radio singt.  An einem großen Zuschneidetisch am Ende des Raumes stehen Frauen mit Kopftüchern um Fachanleiterin Dusica Taricic und lassen sich das Schnittmuster einer Tasche erklären. Links neben der Tür sitzt Fadia Salim und arbeitet an einem weißen Waschlappen. Vor eineinhalb Jahren musste die 41-Jährige mitsamt ihrer Familie aus Syrien fliehen. "Ich habe in Syrien als Näherin gearbeitet und bin seit vier Monaten hier in der Schneiderei", so die zweifache Mutter, deren goldene Halskette mit einem großen Kreuzanhänger den Fluchtgrund erahnen lassen.

"Wir sind ein sozialökonomischer Betrieb und machen Langzeitarbeitslose ab 50, Asylberechtigte und Menschen mit Behinderungen wieder fit für das Berufsleben", erklärt Michaela Seltenreich-Kohl, die für die Volkshilfe Wien das Geschäftsfeld Schneiderei leitet. "Wir vermitteln Leute an Betriebe, haben Kooperationen mit Firmen, müssen einen Gewinn erwirtschaften und natürlich die Aufträge ausführen." Ihr zur Seite steht Dusica Taricic, die seit der Gründung der Schneiderei im Jahr 1999 – damals befand sich der Betrieb noch in der Wiedner Hauptstraße im vierten Bezirk – für die Schneiderinnen und den Verkauf zuständig ist. "Damals waren die Leute noch motivierter, da ihr Dienstverhältnis mit uns auf ein Jahr befristet war. Jetzt sind die Näherinnen nur noch sechs Monate hier – da kann man ihnen auch nicht mehr so viel lernen", so Taricic.

Unterschiedliche Schicksale

Acht Schneiderinnen arbeiten derzeit in Favoriten an Auftragsarbeiten für große Firmen, Designer wie Stammbäumchen oder Elisa Kramer-Asperger und Privatpersonen, die mit Änderungswünschen den Betrieb der Volkshilfe aufsuchen. Fadia Salim ist unterdessen mit ihrem Waschlappen fertig und beginnt Babylätzchen zu bügeln. Neben dem Bügelbrett sitzt Petra an ihrer Nähmaschine und arbeitet an Jeansshorts. "Ich bin bereits das letzte Monat hier", so die 53-jährige Wienerin, die als Langzeitarbeitslose wieder Fuß im Berufsalltag fasst. "31 Jahre war ich als Kindergarten- und Hortpädagogin tätig, dann musste ich aus gesundheitlichen Gründen das Handtuch werfen. Da ich immer schon kreativ war und gerne genäht habe, bin ich hier gelandet", erzählt Petra und strahlt trotz ihrer Geschichte Optimismus aus.

Gesunder Optimismus wird auch Taricic und Seltenreich-Kohl abverlangt, denn die Konkurrenz am Schneidereisektor ist groß. "Es ist sehr schwer, als Schneiderin in einer Firma unterzukommen, da es keine Betriebe mehr gibt. Firmen lassen ihre Hemden in Thailand nähen, was ökologisch ein Wahnsinn ist, aber ihnen billiger kommt, als in Wien zu arbeiten", sagt Seltenreich-Kohl. "Unsere Schneiderinnen haben wöchentlich Gespräche, in denen es neben einem Feedback zu ihrer Arbeit auch um Lebenslauf und Perspektiven geht. Man darf sich nicht auf diese Tätigkeit fokussieren, sondern breitere Möglichkeiten andenken." Trotzdem schaffen etliche Frauen aus der "Nähstube" der Volkshilfe den Sprung in eine Schneiderei. "Es macht unglaubliche Freude, wenn uns diese Damen, bei denen alles passt, besuchen kommen", so Taricic. "Ich lebe für diesen Beruf hier!"


Zur Sache

Die Schneiderei der Volkshilfe befindet sich in der Laxenburger Straße 49 und ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr geöffnet, freitags von 8 bis 14 Uhr. Infos unter volkshilfe-wien.at. Personen, die in der Schneiderei arbeiten möchten, können sich vom AMS zubuchen lassen; es sind Vorkenntnisse erfoderlich.

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