"Es gibt mehr als nur Mann und Frau"

Gabriele Rothuber ist Intersex-Beauftragte der HOSI Salzburg.
  • Gabriele Rothuber ist Intersex-Beauftragte der HOSI Salzburg.
  • hochgeladen von Stefanie Schenker

Am Freitag ist Intersex-Solidarity-Day. Die HOSI Salzburg hat mit der Sexualpädagogin Gabriele Rothuber seit Kurzem die österreichweit erste Intersex-Beauftragte.

BEZIRKSBLÄTTER: Intersexualität – was bedeutet das? Wer ist intersexuell?
ROTHUBER:
Zwischengeschlecht ist das deutsche Wort dafür und zwischengeschlechtlich sind Menschen, die nicht eindeutig männlich oder weiblich zugeordnet werden können.

BEZIRKSBLÄTTER: Wie zeigt sich die Zwischengeschlechtlichkeit? 
ROTHUBER:
Da gibt es unterschiedliche Ausprägungen: hormonelle – das heißt, ein scheinbarer Mann hat sehr viele weibliche Hormone, chromosomale – also, wenn etwa ein Mensch ein xy-Chromosomenpaar hat und daher eigentlich ein Mann ist, aber eben im Körper einer Frau, oder es ist an den Geschlechtsorganen erkennbar, die können aber auch unsichtbar im Körper drinnen sein, was zum Beispiel bei Hoden öfters vorkommt. 

BEZIRKSBLÄTTER: Wird Zwischengeschlechtlichkeit nach der Geburt festgestellt oder entwickelt sich das erst im Lauf der Jahre? Und wie viele Menschen betrifft das?
ROTHUBER:
Man geht davon aus, dass ein bis zwei von 1.000 Neugeborenen betroffen sind. Aber nur bei einem Bruchteil von ihnen – etwa bei fünf Prozent – ist das erkennbar. Bei allen anderen wird das erst im Lauf der Pubertät entdeckt, wenn zum Beispiel aus der Klitoris plötzlich ein Penis wird, die Regel ausbleibt oder Mädchen in den Stimmbruch kommen. Bei einer Untersuchung beim Frauenarzt stellt sich dann zum Beispiel heraus, dass das vermeintliche Mädchen keinen Uterus, dafür aber im Körper liegende Hoden hat.

BEZIRKSBLÄTTER: Wie gehen Betroffene damit um, was für Angebote gibt es für sie?
ROTHUBER:
Das ist natürlich sehr schwierig, weil stark tabuisiert. Die Wissenschaft kennt 4.000 Variationen des Geschlechts, trotzdem glauben wir, alle müssen in die beiden Normen "Mann" oder "Frau" passen. Bis etwa 2000 war es gang und gäbe, dass die Betroffenen, die sehr oft noch im Kindesalter bzw. am Anfang der Pubertät waren, einfach "umoperiert" wurden, eben um einer dieser beiden Normen zu entsprechen.

BEZIRKSBLÄTTER: Aber eine medizinische Notwendigkeit dazu besteht nicht?
ROTHUBER:
Nein, Intersexualität ist kein Defekt, keine Krankheit – nur eben ein bisschen ungewöhnlicher. Sehr oft wurde und wird teilweise auch heute noch Druck auf die Eltern ausgeübt, so ein besonderes Kind umoperieren zu lassen. Dabei ist das nichts anderes als eine Zwangsoperation, die Betroffenen selber werden nicht gefragt, sie sind ja meist auch noch viel zu jung. Wenn man bedenkt, dass man in Österreich 16 Jahre alt sein muss, um einer Schönheitsoperation zustimmen zu können – und wenn man dann auch noch weiß, dass diese "Umoperationen" nichts anders als solche kosmetischen Operationen sind, dann ist das schon hart. Weil die betroffene Person bleibt ja trotzdem zwischengeschlechtlich; rein äußerlich mag sie vielleicht der Norm entsprechen, aber da stehen ja noch ganz andere Dinge dahinter.

BEZIRKSBLÄTTER: Welche Folgen hat das für die Betroffenen?
ROTHUBER:
Viele heute erwachsene Betroffene setzen das mit den Genitalverstümmelungen gleich, die wir aus manchen Regionen Afrikas kennen. Das ist schon ein harter Einschnitt und vor allem irreversibel. Hinzu kommt, dass etwa 85 Prozent der zwischengeschlechtlichen Kinder zu Mädchen operiert werden, weil es leichter ist, durch jahrelange Dehnungen eine Scheide anzulegen als einen Penis zu errichten. Und was auch unvorstellbar ist: Heute Erwachsene haben kaum eine Chance, an Informationen zu kommen, was ihnen als Kind wegoperiert wurde; Aufzeichnungen darüber werden ihnen oft vorenthalten.

BEZIRKSBLÄTTER: Was passiert mit Neugeborenen, bei denen eine Zwischengeschlechtlichkeit erkennbar ist?
ROTHUBER:
Da muss innerhalb einer Woche entschieden werden, welches Geschlecht in der Geburtsurkunde angegeben wird. Die Betroffenen werden an spezielle Zentren in Wien und Innsbruck geschickt und dort entscheidet eine Kommission aus Ärzten und Ethikern, was "gemacht" gehört –  auf diese Art und Weise werden die Geschlechter von 90 Prozent dieser Babys entschieden.

BEZIRKSBLÄTTER: Was würden sich die Betroffenen und deren Eltern denn wünschen, was würde die Situation verbessern?
ROTHUBER:
Zuerst einmal ein Verbot dieser Zwangsoperationen im Baby- und Kindesalter, denn das sind unwiderrufbare Einschnitte. Und im österreichischen Personenstandsregister kann man einmal im Leben sein Geschlecht ändern – warum also nicht abwarten, bis die Betroffenen hier mitreden können, und das geht erst, wenn sie erwachsen sind. In Deutschland ist es seit Kurzem möglich, den Geschlechtseintrag offen zu lassen. Das wird aber teilweise auch kritisch gesehen, weil das einem Zwangsouting gleichkommt. Deshalb ist die Forderung hier, dass allgemein kein Geschlecht mehr angegeben werden muss."

BEZIRKSBLÄTTER: Das fordern Sie in einem Land, in dem sogar das Religionsbekenntnis auf dem Meldezettel steht.
ROTHUBER:
Ja. Lustig, dass Sie die Religion erwähnen. Aus unserer Schöpfungsgeschichte kennen wir Mann und Frau. In der griechischen Mythologie aber gibt es Hermaphroditen, die aufgrund ihrer Besonderheit sogar über den "Norm"-Geschlechtern Mann und Frau standen und deren Körper die höchste Stufe der Vollkommenheit darstellten.

BEZIRKSBLÄTTER: Was brauchen die Eltern von zwischengeschlechtlichen Kindern?
ROTHUBER:
Das Thema muss endlich enttabuisiert werden, es gibt gar nicht so wenige Betroffene und wir müssen schon bei den Geburtenstationen ansetzen, Hebammen dahingehend schulen, dass sie den Eltern sagen können, ja ihr Kind ist zwischengeschlechtlich, aber es ist ein gesundes Kind. Das gleiche gilt für die Ärzte – die leben halt so wie unsere ganze Gesellschaft mit der Vorstellung, dass alle in die Norm passen müssen. Aber es gibt eben auch etwas zwischen Mann und Frau und das ist kein Defekt.

Einer, der als Kind zwangsoperiert wurde und jetzt als Aktivist für mehr Aufmerksamkeit und Akzeptanz von Intersex-Personen kämpft, ist Alex Jürgen – mehr über Alex, der nicht Mann und nicht Frau ist, hier.

Zum Veranstaltungstipp zum Intersex-Solidarity geht es hier.

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