Sittenbild & Seelentrip

Theater WG Unterland
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Sieben tiroler Theatergruppen und eine aus dem bayrischen Allgäu habe sich in der o.g. Theatergruppe zusammengefunden, um für das ambitionierte Projekt 8 amüsant-groteske Einakter von Anton Tschechow – mal „frei nach“ – mal eng am Vorbild, aufzuführen. In 4 Stunden (mit Pause) wird das Publikum zu den einzelnen Stationen in diverse Räume der Burg Hasegg inklusive Münzerturm geleitet, wo es erlebt, wie die russische Gesellschaft vor dem Ende des Zarenreiches lebte, mit ihrer Grausamkeit, ihrer Zärtlichkeit, ihrer Dekadenz.

In „Tragödie wider Willen“ der Freien Gruppe Außerfern wird eindrucksvoll demonstriert, wie ein negativ gepolter Angestellter seinem weiblichen Coach widerspricht, bis sich die Rollen vertauschen und die Hohlheit von Motivationssprüchen offenbar wird. (Regie Thomas Kramer)

In „Über die Schädlichkeit des Tabaks“ (Regie Martin Moritz, Theaterverein Rum) muss ein passionierter Raucher „über die Schädlichkeit …“ referieren, nur weil es seine Frau so will. Aber anstatt eines Vortrages verlieren sich er und die Akademiemitglieder in leeres Gewäsch und eine Packung Zigaretten. Besonders Lisa Wanker bringt sich hier komödiantisch temperamentvoll ein.

In „Der Bär“ (Theatergruppe Oberhofen) führt Spielleiterin Ulli Wegscheider ein Trio aus Witwe, Diener & brutalem Gutsherrn zusammen, wobei Tamara Baumann als Witwe & Manfred Brötz als Smirnov herrlich den Zusammenprall zweier extrem leidenschaftlicher Menschen zelebrieren.

In „Der Heiratsantrag“ (Theater ohne Pölz, Regie: Rosi Mayrhofer) kommen Werber & Umworbene gar nicht dazu, über ihre Zukunft zu sprechen, weil kleinliche Streitereien alles vermasseln. In einem rasanten Umkleidestück bewältigen Monika Strobl als Brautmutter bzw. Iwan-Iwanowitsch und Eva Klinger als Natalja souverän ihren Part mit differenziertem Spiel.

„Die Nacht vor der Verhandlung“ (Dorftheater Kolsass, Regie Mila Toscano) schildert eine Poststation, in der ein Bigamist und ein Ehepaar übernachten. Die Frau akzeptiert die Annäherungsversuche des fremden Herren, er jedoch wird am nächsten Tag wegen Ehebruchs vor dem Richter stehen. Dominik Kapferer und Inessa Rudenko bleiben durchgehend in Wort, Gestik und Mimik ein glaubwürdiges Gespann.

„In der Schwanengesang“ (Projekttheater Hall, Regie Hermann Freudenschuss) findet sich ein alter Provinzschauspieler allein und betrunken im leeren Theater wieder, nur der Souffleur entdeckt ihn nach einiger Zeit und will den Mimen nach Hause schicken. Aber dieser beginnt über das Leben zu lamentieren, er deklamiert, weint, flucht und ahnt seine Verletzlichkeit wie die seines Gegenübers. Kurt Benkovic bewegt seine Figur als alternder Künstler lebendig & sicher, Gogo Moser ist der verständige Partner im Zwiegespräch.

Im „So ein Kreuz“ (frei nach „Auf der großen Straße“) von elroma Dietmannsried (‚Regie Elke Frick) suchen Pilger in einer Schenke Schutz vor Nacht und Wetter. Alle sind desillusioniert, es regieren Wodka, Bigotterie und Gewalt. Roswitha Rausch und Matthias Sorg beherrschen souverän die Aufgabe, zu zweit mittels einer Erzählfigur mehrere Rollen zu spielen.

In das „Jubiläum“ des Theater WG Unterland (Regie Laura Hammerle-Stainer) wird die Diskrepanz zwischen Sein und Schein anlässlich der Jubelfeier einer Bank aufgezeigt. Ivo Kröll verkörpert flott den ichsüchtigen Banker, Elisabeth Mühlbacher glaubt man mit jedem Wort und Augenaufschlag die selbstverliebte Gattin.

Zusammenfassend kann man zu diesem gelungenen Projekt nur gratulieren und das erstaunlich hohen Niveau der zum Großteil aus Laien bestehenden Gruppen bewundern. Wer einen Ausflug in die russische Seelenlandschaft machen will, landet hier am richtigen Platz.

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