13.01.2018, 14:47 Uhr

Intensive Kamptal-Diskussion in Gars: Plädoyer für einen lebendigen Kamp

Gestern Abend. vlnr: Werner Gamerith, Margit Gross (Naturschutzbund NÖ), Ulrich Eichelmann (Riverwatch), Clemens Feigl (Eremitage Wegscheid), Gerhard Egger (WWF). (Foto: Barbara Krobath)

Einigkeit bei Experten und Einheimischen: ein unversehrtes Kamptal ist Schlüssel für Entwicklung der Region! Abrissvariante soll geprüft werden.

GARS.  Gestern Abend waren etwa 80 Personen der Einladung der Aktionsgruppe „Lebendiger Kamp“ gefolgt, um beim Poldiwirt in Gars über die Zukunft des Kamptals zu diskutieren. Anlass für die Veranstaltung war die bevorstehende Umweltverträglichkeitsprüfung für den von der EVN vorangetriebenen Abriss und Neubau des Kraftwerks Rosenburg im Europaschutzgebiet "Kamp- und Kremstal“.

Die Vortragenden kritisierten das Projekt und forderten von Landesrat Stephan Pernkopf die Ausarbeitung und Prüfung einer weiteren Variante zu veranlassen: den Abriss des Stauwehres.Damit könnten Kosten gespart sowie dem Kamptal und seinen Bewohnern ein wertvolles Stück Natur zurückgegeben werden. Im Anschluss an die Vorträge wurde bis spät in die Abendstunden diskutiert.

„Der Kamp oberhalb Rosenburg ist ein vom Fluss geprägter, dynamischer Lebensraum von seltener Ursprünglichkeit,“ betonte der Fotograf und Autor Werner Gamerith in seinem Eröffnungs-Vortrag. „Der beabsichtigte Neubau des Kraftwerks würde zwei Kilometer von diesem Wildfluss vernichten. Eine Stilllegung der historischen Anlage gäbe ihm hingegen vier Kilometer Fliessstrecke zurück. Das reizvolle Engtal mit dem rauschenden Kamp und seiner unglaublich reichen Pflanzen- und Tierwelt sind für die Bewahrung der Biodiversität ebenso wichtig wie für die Entwicklung eines sanften Tourismus für den wachsenden Bedarf an Naturberührung und -erfahrung. Der Strom des Lebens kommt nicht aus der Steckdose!“

Gerhard Egger, Leiter des Flüsse-Teams beim WWF Österreich: „In Österreich gibt es mehr als 5.200 Kraftwerke. Unsere Bäche und Flüsse sind bereits alle 600 m durch Wehre, Staumauern und Sohlschwellen unterbrochen. Ein Neubau des Kraftwerks in Rosenburg zerstört Natur, kostet enorm viel und bringt nicht mal was für den Klimaschutz. Die Energiewende kann nur durch drastische Einsparungen und nicht durch den Ausbau der letzten unzerstörten Flussstrecken – wie dem Flussheiligtum am Kamp - gelingen.“

In einer energiewirtschaftlichen Studie, die im Jahr 2016 im Auftrag des WWF erstellt wurde, fiel das geplante Projekt auch wirtschaftlich in allen Fächern durch (siehe die Trend-Grafik: https://www.trend.at/wirtschaft/studie-teure-plaen...). Von 158 untersuchten österreichischen Kraftwerken landet das Kraftwerk Rosenburg an der 4-letzten Stelle, weil die Kosten in keiner Relation zur möglichen Energiegewinnung stehen. „Das Geld wäre besser in Gewässerschutz und Energie-Einsparungsmaßnahmen investiert,“ so Egger.

Eine wesentliche Variante, die im UVP Verfahren zu prüfen wäre, ist der Abriss der Anlage. Dazu müsste die Staumauer beseitigt werden, das historische Krafthaus könnte erhalten bleiben. „LR Pernkopf sollte die EVN umgehend dazu verpflichten, die Kosten und Folgen der Abrissvariante zu erheben. Das gehört einfach in eine umfassende Prüfung der Möglichkeiten dazu“, so Ulrich Eichelmann, Geschäftsführer von Riverwatch, einem Verein zum Schutz der Flüsse. „In vielen Ländern wie Frankreich, Spanien, Schweden und den USA werden längst bestehende Wasserkraftwerke abgerissen, einfach, weil eine Prüfung ergeben hat, dass ein solcher Abriss ökonomisch und ökologisch das Beste ist“.

Der Neubau des Kraftwerks Rosenburg wird durch hohe Subventionen finanziert, die jeder Stromkunde der EVN über zusätzliche Abgaben auf seiner Stromrechnung bezahlt. „Die Stromkunden der EVN sollten sich überlegen, ob sie bei diesem Anbieter bleiben wollen, falls die EVN das KW Rosenburg baut“, so Ulrich Eichelmann abschließend.

Der Vertreterinnen der Naturschutzverbände plädierten unisono dafür, das Natur- und Landschaftskapital des Kamptals auch für die Menschen in der Region zu erhalten, als Grundlage für eine nachhaltige, regionale Wirtschaftsentwicklung. Der Kraftwerksneubau würde nach der Bauphase so gut wie keine Arbeitsplätze schaffen, ein forcierter Naturtourismus hingegen schon. „ Das Kamptal ist eine traditionsreiche Erholungs- und Sommerfrische-Gegend, Gars ist ein bekannter Luftkurort. Die wachsende Sehnsucht vieler Menschen nach unversehrter Natur in der ‚Nähe‘ bietet für das Kamptal vielversprechende Perspektiven, etwa im Bereich Naturtourismus. Doch dafür braucht es aber eine intakte, unverbaute Landschaft!“ sagte Margit Gross vom Naturschutzbund Niederösterreich.

Das EVN-Projekt sieht ein neue, höhere Staumauer, einen entsprechend vergrößerten Stauraum und die Ausbaggerung des Unterwassers auf einer Länge von mehr als einem Kilometer vor. Teile naturnaher Au- und Schluchtwälder würden überflutet bzw. müßten abgeholzt werden. Die genauen Details des EVN-Einreichprojekts sind derzeit aber nicht öffentlich bekannt.
Naturschützer, Experten und eine Reihe prominenter Persönlichkeiten lehnen Eingriffe in das Naturjuwel Kamptal ab. Naturschutzbund, Riverwatch und WWF hatten wiederholt sowohl EVN als auch den Mehrheitseigentümer bzw. Genehmigungsbehörde Land NÖ zu einem Dialog über wirtschaftlich und ökologisch verträglichere Alternativen aufgefordert, um unnötige Konflikte und teure Fehlinvestitionen zu vermeiden. Diese Appelle verhallten jedoch ungehört. 

Da das kostenaufwändige UVP-Verfahren nun unvermeidlich scheint, werden die Naturschutzverbände die Interessen von Natur- und Landschaftserhaltung konsequent vertreten, auf höchstqualifizierte und unabhängige Gutachter drängen, die Korrektheit der Prüfungen akribisch kontrollieren und für volle Transparenz sorgen.
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