Entlang des Originaltexts und der Historie zur neuen Thierseer Passion

Hans Kröll, Hannes Juffinger, Norbert Mladek, Richard Pirchmoser, Silvia Schellhorn und Konrad Sieberer (v.li.) freuen sich auf spannende Vorbereitungen und die Spielzeit 2022.
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THIERSEE (nos). Ihre Geschichte reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück, als fromme und durch Krankheiten und Krieg krisengebeutelte Bauern in den Karwochen stundenlange Mysterienspiele vom Engelssturz über das Alte Testament bis zur Passion Christi aufführten. Seit über 200 Jahren gilt in Thiersee das Gelöbnis zum Passionsspiel, auch wenn es immer wieder von wechselnden Obrigkeiten untersagt wurde. Verbote und Zensur waren stetige Begleiter ihrer Geschichte, sogar ihren "Urtext" haben die Thierseer ebendiesen zu verdanken: Sie kauften ihn von den Oberaudorfern aus dem nahen Bayern, denen solche Aufführungen im Königreich von Napoleons Gnaden untersagt wurden.
Die Passionsspiele der jüngeren Vergangenheit fußen in Thiersee auf dem Passionstext von Erzabt Jakobus Reimer aus dem Jahr 1911.

Den Quellen und Geschichten entlang

Eben diesen Text und die wechselvolle Geschichte der Passion im Hochtal nimmt der neue Regisseur der Thierseer Passionsspiele nun als Ausgangspunkt für seine Neuinszenierung: Norbert Mladek, international erfahrener Regisseur und Bühnenbildner aus Innsbruck, ist schon mitten in der Einarbeitung, sichtet historische Materialien und Quellen. "Die Materialsammlung und Recherche ist für mich ganz wichtig", erklärt der Theatermacher, der mit seiner jüngsten Arbeit, der "Piefke Saga" in Virgen, für österreichweites Interesse und neuerliche deutsche Empörung sorgte.
"Da geht es um's Menschsein, um Reflexion, das ist keine Glaubensfrage", erklärt Mladek seinen Zugang zur Passion. Er ist dabei zu "schauen, wo das textlich angefangen hat und wo wir jetzt stehen. Eine Überarbeitung wird es definitiv geben, aber ob man darin eher zurück zum Urtext geht, das kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen." Bis 2020 jedenfalls werde die Überarbeitung stehen, dann stehen die ersten Leseproben mit den Thierseer Darstellern an.
Als Regisseur gehe es ihm im Vordergrund darum, "das bestmögliche umzusetzen", nicht nur mit dem Text an sich, sondern auch in der Inszenierung. Mladeks Erfahrung als Bühnenbildner und sein Hang zum gezielten Spiel mit Beleuchtungselementen versprechen spannendes im alt-ehrwürdigen Passionsspielhaus. Die erste Führung durch den Holzbau hat er bereits bekommen: "Der erste Eindruck war sehr spannend – ein Haus aus Holz und manche technischen Gegebenheiten, die anderswo schon längst herausgerissen worden wären... es ist fast wie ein Theatermuseum." Musikalisch soll ebenfalls Neuland beschritten werden: neue Kompositionen zeitgenössischer Komponisten aus der Region stehen auf dem Plan.
An den sorgsamen gepflegten, historischen Kostümen für die rund 250 Laienspieler wird sich in Thiersee aber nichts ändern. Dadurch sei man als Regisseur zwar "auch etwas gefesselt", meint Mladek, aber eine Neuaustattung für das gesamte Spielvolk sei ein zu enormer finanzieller Aufwand, und "diese historischen Kostüme, die damals eine Schlichtheit zeigen sollten, schaut man heute unter anderen Gesichtspunkten an".

Mladek als "Insider-Tipp"

Passionsspielverein-Obmann Hans Kröll bekam den Namen Mladek als Tipp von Friedrich Madersbacher ("Academia Vocalis") und Dietmar Straßer, der selbst viele Jahre lang die Passion in Thiersee realisierte. "Beim ersten treffen in Innsbruck hat sich ein sehr intensives und gutes Gespräch ergeben", erzählt Kröll, "es ist gar nicht so leicht jemanden für diese Aufgabe zu finden."
Thiersees Bürgermeister Hannes Juffinger ist selbst seit 20 Jahren im Vorstand des Vereins und kennt die Sorgen wie auch die Freude am Passionsspiel. "Auch dieses Mal haben wir  auf ein bewährtes System zurückgegriffen und auf Empfehlungen aus der Branche vertraut", erklärt Juffinger, "der Inhalt ist ja bekannt, es geht um die systemische Umsetzung, damit wir das spielen können. Nun zu beginnen ist nicht zu früh, weil das ganze Stück neu aufgesetzt werden muss." Vizebürgermeisterin Silvia Schellhorn stimmt zu: "Für mich is es eine ganz tolle Sache, wenn man diese Herausforderung annimmt."

Für Norbert Mladek ist die Passion eine ähnliche Herausforderung wie die Inszenierung der "Piefke Saga" in Osttirol, denn es geht um die Umsetzung eines an sich breitest bekannten Textes, wo es ihm darum gehe "neues zu zeigen" damit die Zuschauer "etwas mitnehmen aus der Passion", die Geschichte "erlebbar und spürbar zu machen". Seiner Arbeit am Originaltext gingen 180 Stunden Übersetzung und Reinschrift der Quelle voraus, wie Konrad Sieberer erklärte. "Sehr spannend und interessant" sei die Aufgabe gewesen, so Sieberer. "Unser Passionstext von 1911 ist zeitlos, man kann ihn aber verständlicher machen für die heutige Zeit", führt die "graue Eminenz" der Thierseer Passion aus.

Passion auch als Integration

Parallel zur Arbeit am Text regt sich in Thiersee auch langsam aber sicher die Suche nach willigen Darstellern. "Natürlich versucht man mit denen zu besetzen, die hier schon Erfahrung haben", weiß Obmann Kröll. "Es ist aber auch wichtig auf Zugezogene zuzugehen und sie fragt, ob sie mitspielen wollen, um sie ins Dorfleben zu integrieren", pflichtet Regieassistent Richard Pirchmoser bei. Verantwortlich für die Auswahl ist der Spielerausschuss des Vereins, der zur Jahreshauptversammlung gewählt wird. Knapp vier Jahre haben die Thierseer noch Zeit, bevor sich der Vorhang zur nächsten Passion hebt.

Auf's Publikum eingehen & Zuschauer lukrieren

In der nach spielfreien Zeit muss in Thiersee natürlich gut gehaushaltet werden, die Einkünfte des Vereins kommen zu einem Großteil aus den Einnahmen der rund 25 Aufführungen, damit müsse man auskommen, erklärt der Bürgermeister. Unterstützt werden die Spieler von Land, Gemeinde, Tourismusverband und Sponsoren wie der Sparkasse. Etwa 80.000 Euro habe man als Budget für einen Turnus (Spielfreie Zeit + Passionsjahr) zur Verfügung, das meiste wird in die Produktionskosten gesteckt, zudem müssen immer wieder technische Neuerungen im Haus umgesetzt werden, etwa an den Beleuchtungskörpern, Projektoren, der Klimatisierung oder der Bestuhlung, denn "die Reiseveranstalter verlangen auch Komfort für ihre Leute".
Um dies zu stemmen, brauchen die Thierseer vor allem eins: genügend Publikum. Darum haben sich die Thiersee schon in den vergangenen Spielzeiten umorientiert und sich wieder verstärkt auf Gäste aus der Region fokussiert, die auch eine bessere Wertschöpfung versprechen, als jene die mit organisierten Busreisen herbeigeschafft werden, denn "dann ist man nicht so abhängig von den Reisebüros", sagt Juffinger. Von solchen Veranstaltern werden oft große Kartenkontingente im Voraus gebucht und dann kurzfristig storniert, wissen die Passionsspieler. Gleichzeitig müssten sie sich in solchen Fällen aber äußerst kulant in Sachen Pönale zeigen, um die Reiseveranstalter nicht zu vergraulen.
Rund 25 Aufführungen planen die Thierseer für die nächste Spielzeit im Jahr 2022, dabei wollen sie "eventuell auch Abendtermine" finden, denn "die klassischen Termine am Samstag und Sonntag nachmittags funktionieren nicht mehr so". Darum müsse man auf das Publikum reagieren und andere Angebote schaffen. Eine der vielen kleinen Traditionen bleibt aber sicher auch 2022 weiter erhalten in Thiersee: "Die Pharisäer haben dann schon ihren Kartertisch", weiß Bgm Juffinger mit Bestimmtheit.

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